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Dede Korkut: Die Uraufführung eines asiatischen Mythos mit den Dresdner Sinfonikern in Hellerau

Dede Korkut: Die Uraufführung eines asiatischen Mythos mit den Dresdner Sinfonikern in Hellerau

Schimpfen will gelernt sein. Zum Glück bietet der deutsche Schimpfwortschatz vielfältige Möglichkeiten, etwa aus dem Bereich der Verwandtschaftsverhältnisse ("Du Hurensohn"), der alltäglichen Kulturtechniken ("Du Warmduscher") oder auch aus dem weiten Feld der Zoologie ("Du dämlicher Hund").

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Ulzhan Baibussynova ist eine der Solistinnen der Dede-Korkut-Aufführung im Festspielhaus.

Quelle: Sabine Grüner

Zur Not tut's auch ein schlichter Vorname ("Du Horst"). Und unlängst hat die Malediktologie, die Wissenschaft vom Fluchen und Schimpfen, sogar festgestellt, dass auf deutschen Schulhöfen der Name des Dichters Goethe als abwertendes Etikett benutzt wird. Aber noch hält sich das höhnisch gemeinte "Du Opfer" auf dem Spitzenplatz.

Ein Opfer ist definitiv die namenlose Nymphe, die in der Erzählung "Die Kunde von Tepegöz" von einem Hirten des Nomadenvolkes der Oghusen vergewaltigt wird. "Packt mit Begierde, nimmt mit Gewalt" heißt es. Aber dem Verbrechen folgt die Strafe - die Nymphe verhängt einen Fluch. Werkzeug ihrer Rache ist das Kind, das die Folge dieser Vergewaltigung ist. Es heißt "Tepegöz", Scheitelauge, weil es - wie ein Zyklop - nur ein Auge hat. Dieses Kind wird von einem Oghusen aufgezogen, dann aber wegen seines Äußeren und seiner wilden, unbezähmbaren Wesensart in die Einsamkeit der Steppe gejagt. Nun schlachtet Tepegöz das Volk der Oghusen, dessen Liebe er vergeblich begehrte, ab. "Hass ich. Fress ich. Was sie sind", lässt er wissen. Am Ende allerdings wird er von seinem Milchbruder Bassat schließlich doch getötet.

Mord und Totschlag - darum geht es vorzugsweise (natürlich etwas verkürzt gesagt) in vielen großen Epen der Menschheit, als da wären etwa das Nibelungenlied, die Ilias oder auch die Beowulf-Saga. Die Erzäh- lungen des singenden und Laute spielenden Weisen Dede Korkut, die hierzulande ziemlich unbekannt sind, in der Türkei und zentralasiatischen Ländern aber einen hohen Stellen- wert haben, bilden da keine Ausnahme. Am Sonnabend wurde nun die "Kunde von Tepegöz", die die achte Erzählung des Dede Korkut-Mythos bildet, in einer Adaption durch Marc Sinan (Künstlerische Leitung/Kompositon/Regie) und die Dresdner Sinfoniker im Festspielhaus Hellerau uraufgeführt.

Zu Beginn zogen sämtliche Akteure erst mal die Schuhe aus, bevor sie die Bühne betraten- eine nett gemeinte, aber doch aufgesetzt wirkende Reminiszenz an Gebräuche, wie sie in den Weiten Asiens, aber auch anderen Ecken der Welt Usus sind. Der überlieferte Mythos wurde bei diesem Projekt, das als "bewegtes Gesamtwerk aus Musik, Bild, Text, Körper und Gesang" konzipiert war, neu interpretiert und von Stimmen aus der Literaturszene Istanbuls begleitet, die über den Tepegöz-Stoff mit Sätzen wie "Und Söhne opfern war bald schon das Gesetz" aus heutiger Sicht sprechen. So wurde am Ende ein verdammt großer Bogen gespannt, als die aus dem Off eingespielte Stimme der Autorin Sema Kaygusus erklärte: "Ein Bild für die heutige Türkei ohne Gedächtnis. ... das können wir nicht getan haben! ... weder das Massaker an den Armeniern, noch das Massaker unter den Kurden in Dersim." Das wird Kaygusus bei türkischen Nationalisten nicht viele Sympathiepunkte einbringen, aber der Respekt vieler anderer dürfte ihr dafür gewiss sein.

Musiker aus Aserbaidschan, Usbekistan und Kasachstan konzertierten also gemeinsam mit den Dresdner Sinfonikern. Dazu flimmerten über einen Bildschirm Aufnahmen von Musikern aus Asien, die auf Instrumenten wie Dombra oder Kamancheh alte Volkslieder spielten. Die stärksten Momente hatte der Abend meistens dann, wenn den traditionellen Weisen wenig Gewalt durch westliche Moderne angetan wurde, sich die Eingriffe der Sinfoniker auf ein Minimum beschränkten oder diese gar ganz Sendepause hatten, nicht krampfhaft versucht wurde, zusammenzuführen, was nicht wirklich zusammen gehört. Richtig peinlich wurde das Ganze, als sich Jun Kawasaki auf dem Boden liegend mit seinem Kontrabass eine Art Ringkampf lieferte, die Töne endgültig ziemlich nach Zufallsprinzip entstanden. Klar, es war ein Zufall, dass das Wort "Vergewaltigung" just bei dieser Gelegenheit aus dem Off fiel, aber von unfreiwilliger Komik war es doch. Auch die Choreografien Aydin Tekers rissen die Sache nicht raus. Zu statisch. Zu blutleer, auch wenn an es einer Stelle aufgrund einer Projektion schien, als würde das weiße Kleid von Sängerin und Erzählerin Jelena Kuljic blutbefleckt sein.

Mag sein, dass die Folklore der zentralasiatischen Länder massiv auf dem Rückzug ist, nicht zuletzt, weil vor allem die städtische Jugend eben den ollen Kamellen nichts mehr abgewinnen kann. Aber dieser verkopfte Versuch, musikalische Traditionen ins Heute zu holen, wird daran nichts ändern. Die Produktion von Marc Sinan und den Sinfonikern mag noch eine Handvoll Aufführungen erleben, aber zu mehr als einer Fußnote in der Musikgeschichte wird es nicht reichen. Auch diese Produktion offenbarte unfreiwillig, warum große Teile der Jugend heutzutage Klassik-Konzerte meidet - und das hat nicht nur mit anderen Hörgewohnheiten zu tun.

nächste Aufführungen: am 14., 15. und 16.2. im Berliner Gorki-Theater

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.02.2014

Christian Ruf

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