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David Mamets "Race" als Deutsche Erstaufführung am Staatsschauspiel Dresden

David Mamets "Race" als Deutsche Erstaufführung am Staatsschauspiel Dresden

"Schuld" ist ein sehr biegsamer Begriff, vor allem juristisch. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, das ist nicht nur eine alte Stammtisch-Weisheit.

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"Race" als (sprech-)temporeiche Inszenierung mit dem Anwaltstrio Fabian Gerhardt, Larissa Aimée Breidbach und Falilou Seck (v.l.).

Quelle: Matthias Horn

In der Klatschpresse gilt das Verhältnis andersherum: je bekannter, umso mehr Aufmerksamkeit. No Names müssen schon was Monströses bieten, um ins Rampenlicht zu treten - oder ihr gewöhnliches, unspektakuläres Leben kreuzt verhängnisvoll den hell beleuchteten Weg eines Prominenten. Und wenn diese "Kreuzungen" mit Sex zu tun haben, ist die Lawine schon im Rollen. So wurde die einfache Praktikantin aus dem Weißen Haus Monica Lewinsky weltbekannt, vergangenes Jahr erlangte die Guineerin Nafissatou Diallo, die als Zimmermädchen in New York arbeitete, traurige Berühmtheit mit ihrer Anklage der versuchten Vergewaltigung gegen den damaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

Der amerikanische Drehbuchautor, Dramatiker und Schriftsteller David Mamet, Jahrgang 1947, hat ein bemerkenswertes Gespür für solche Ereignisse und thematisiert sie als Drehbuch oder Stück. Und er nimmt sie manchmal vorweg. Im Drehbuch "Die Unbestechlichen" hat er noch Fakten verarbeitet: die Watergate-Affäre um den US-Präsidenten Nixon. In der genialen Polit-Satire "Wag the Dog - Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt" (entstanden ein Jahr vor der Lewinsky-Affäre), für die Mamet zusammen mit Larry Beinhart und Hilary Henkin das Drehbuch geschrieben hat, wird ein filmreifer Krieg gegen Albanien inszeniert, um eine Affäre des US-Präsidenten zu vertuschen.

Mamets Theaterstück "Race" wurde im Dezember 2009 am Broadway uraufgeführt - ein Jahr nach der Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten und fast zwei Jahre vor der Strauss-Kahn-Affäre. In "Race" soll Charles Strickland, ein reicher Weißer, in einem Hotel einer jungen schwarzen Frau das Paillettenkleid vom Leib gerissen haben. Dabei soll er "Jetzt fick ich dich, du kleine Negernutte" gesagt haben, wie ein älteres Ehepaar, der Mann Pastor, im Hotelzimmer nebenan gehört haben will. Ein klarer Fall von versuchter Vergewaltigung? Charles Strickland sieht sich als Opfer und wendet sich an die Anwaltskanzlei Lawson & Brown, nachdem ihn ein anderer Anwalt zurückgewiesen hat. Bei Lawson & Brown heißt Herr Brown nicht nur so, sondern hat auch in der Tat eine dunkle Hautfarbe, ebenso die junge Kanzleimitarbeiterin Susan. Strickland erhofft sich insgeheim aus dieser "rassischen Konstellation" Vorteile gegenüber den Geschworenen, die in den USA ja traditionell "gemischt" sind.

Das englische Nomen "race" bedeutet "Rasse", aber auch "Wettrennen" und als Verb "rasen". Absicht oder nicht - all diese Elemente sind in David Mamets Stück "Race" enthalten und jetzt bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Kleinen Haus vom Regisseur Burkhard Kosminski sicht- und hörbar gemacht: zwei weiße und zwei schwarze Darsteller, Wort-Wettkämpfe um Beweise, Strategien, Eitelkeiten, ums Rechthaben in einem rasanten Sprechtempo. Dieses Tempo ist wirklich bemerkenswert - wenn man allein bei Fabian Gerhardt, der den weißen Anwalt Jack Lawson spielt, die Menge an Gesagtem im Verhältnis zur Sprechgeschwindigkeit berechnet, dürften Rekordwerte herauskommen. Manchmal fühlt man sich dabei auch nur zugetextet, doch meistens genießt man diese Auftritte, in denen Fabian Gerhardt die Gewinnprinzipien des wendigen Anwalts, "Schnelligkeit und Brutalität", zelebriert. Bände spricht etwa seine Ekel-Grimasse, wenn er das Wort "erklären" ausspricht - aus Jack Lawsons Sicht darf man nichts erklären, sondern muss andere nur von seinem Standpunkt überzeugen.

In dem modernen, steril wirkenden Bühnenbild von Florian Etti mit zackigen Trägerornamenten im Hintergrund lenkt kaum etwas ab. Das gilt auch für die Kostüme von Ute Lindenberg in elegantem Mausgrau sowie Dunkelblau und Chanel-Chic. Keine Ablenkung also vom Text, der hier die Hauptrolle spielt - auch wenn kleine choreografische Häppchen dazwischen gestreut sind. Die Schauspieler sitzen abwechselnd in der ersten Publikumsreihe, und wenn sie auf der Bühne stehen und sich gegenseitig von ihrer Unschuld und ihren Vorurteilen zu überzeugen versuchen, blicken und gestikulieren sie direkt ins Publikum und bedienen voll das Klischee "bühnenreife Agitation".

Über den Text betreiben die Figuren ein Rollenspiel in Schwarz-Weiß voller Lügen und zementierter Werturteile. Charles Strickland (Tom Quaas) spielt das unschuldige Opfer, das kein rassistischer Vergewaltiger, sondern höchstens ein kleiner verheirateter Freizeit-Vernascher von Exotischem sein will. Charles Lawson gibt sich als rassenresistent in seinen Entscheidungen, lässt aber vor allem schwarze Jobanwärter wie die junge Susan (Larissa Aimée Breidbach) heimlich überprüfen. Susan ihrerseits mimt die pflichtbewusste Anwältin, trägt in ihrem Herzen jedoch pauschalen Hass gegen Weiße, der sie berufsethisch-unloyal handeln lässt. Und der schwarze Anwalt Henry Brown (Falilou Seck) spielt zwar mit offenen Karten den Pragmatiker, gaukelt sich jedoch eine Neutralität vor, die es in einer nach wie vor von Rassen- und Gesellschaftsstatus geprägten Gesellschaft wahrscheinlich nicht geben kann. Die Darsteller interpretieren den Stoff so, wie es Rollenspiele und die thematisierte Inszenierung der Realität verlangen: als Show. Dazu passen die Fahrigkeit von Jack Lawson, die Schlagfertigkeit von Henry Brown und Susans sichtlich unterdrückte Emotionalität. Tom Quaas als Mandant hat die undankbare Aufgabe, zurückhaltend zu sein, denn seine Figur ist eher eine Reflexion aus Anwaltssicht.

Die Regie hat "Race" als visuelle Text-Show zügig und schnörkellos umsetzen lassen, was beim Premierenpublikum heftigen Beifall auslöste. Ein überraschendes Wedeln mit dem Hund kann man jedoch weder das Stück noch seine deutsche Erstaufführung nennen. So richtig gebissen wird man hier auch nicht. Dafür amüsiert man sich dank temporeich servierter Pointen und Unverblümtheiten in einer nicht zuletzt aus unzähligen Anwalts-Serien wohl bekannten Szenerie. Bistra Klunker

nächste Aufführungen: 23.3., 6.4. jeweils 19.30 uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2012

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