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Das zweite Lebender Dinge: Stefan Nestlers "Kolla" in der Villa Salzburg

Das zweite Lebender Dinge: Stefan Nestlers "Kolla" in der Villa Salzburg

Der Künstler Stefan Nestler hat in den vergangenen 30 Jahren ein umfangreiches, vielfältiges und ebenso vielschichtiger werdendes Werk geschaffen. Er gibt uns mit der Ausstellung in der Villa Salzburg Einblick in sein aktuelles Schaffen des letzten Jahres, ergänzt um einige Akzente durch frühere Arbeiten.

Es ist eine Begegnung mit Designobjekten.

1962 geboren, bestritt der Künstler 1980 die erste eigene Ausstellung in der Jacobikirche in seiner Geburtsstadt Freiberg, das markierte den Beginn seiner Laufbahn als Künstler. Es folgten der Umzug nach Dresden und ein Studium der Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Prof. Arno Fischer. Die Beschäftigung mit Fotografie ist nach zahlreichen Ausstellungen mit diesem Bildmedium jetzt in den Hintergrund getreten, wiewohl der passionierte Spaziergänger Nestler bei seinen langen und ausgedehnten Ausflügen in die Landschaft stets eine professionelle Kamera bei sich hat.

Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt sich sein Werk von Skulptur und Objektkästen hin zur Collage und, auf einer zweiten Achse betrachtet, vom Poetischen zum Konkreten.

Die Villa Salzburg in der Tiergartenstraße 8 ist ein reizvoller Ausstellungsort. Sowohl das imposante Gebäude im Neo-Renaissance-Stil - 1874 erbaut für den Textilgroßhändler Adolphe Salzburg - als auch die gegenwärtige Nutzung als Handelsort für exklusive Wohnkonzepte fordern Sensibilität für die Auswahl der künstlerischen Handschriften und ebenso der Werke.

Stefan Nestler verweist mit seiner Ausstellung "Kolla" auf den gemeinsamem handwerklichen Hintergrund von Kunst und Design. Angesichts der bereits vorgegebenen Fülle im Haus hat sich der Künstler mehrheitlich für Werke entschieden, die in ihrer Material- und Farbsprache eher zu seinen Reduziertesten zu rechnen sind, dennoch finden sich auch einige farbliche Akzente.

Mit Nestlers Blick auf Alltagsdinge entdecken wir die ästhetischen Eigenschaften von Gegenständen, die uns vorher kein besondere Augenmerk wert schienen. Er paart seine Betrachtungsweise mit einem stilsicheren Gefühl für Form, Farbe, Masse, Menge oder ungeahnte Materialeigenschaften. Dem Prozess der gedanklichen Dekonstruktion folgt ein Prozess der physischen Neukonstruktion. Bei den Formaten bevorzugt der Künstler ein einfaches geometrisches Formenvokabular aus Kreis, Quadrat und Doppelquadrat sowie gelegentlich den Kubus in klassischen Maßverhältnissen.

Seine Materialien als sehr spezielle und spezifische Basis der Kunstwerke rekrutieren sich aus alltäglichen Gegenständen der Konsum- und Warenwelt, die der Künstler in einem ersten Arbeitsschritt selbst meist sammelt und die sich in seinem Atelier manchmal über längere Zeiträume hinweg regelrecht anhäufen. Dabei scheint das Spektrum unerschöpflich: Stadtpläne, Briefmarken, Kronkorkenverschlüsse, Schrauben, Obstnetze, Zigarettenschachteln, weggeworfene entwertete Fahrkarten, Etiketten, Schallplatten und vieles mehr - kaum etwas ist vor Nestlers Zugriff sicher. Das Sammeln als Bestandteil des Entstehungsprozesses ist ein stetig andauerndes Durchforsten der überbordenden Welt mit ihrem unaufhörlichen und nicht mehr fassbaren Produktausstoß. Alles, was verbraucht aus dem ureigenen Funktionszusammenhang entfernt oder besser weggeworfen wurde und den öffentlichen Raum besiedelt oder in Schubladen vergessen herumliegt, ist für den Künstler interessant.

Die zusammengetragenen Dinge bilden für den Künstler, wenn sie eine gewisse Quantität erreicht haben, den Ausgangspunkt für Akkumulationen, serielle Reihungen, offene Kreisläufe und strukturell akzentuierte Kompositionen. Dabei wird dem Ausgangsmaterial ein neuer Funktionskontext gegeben. Es findet eine optische Transformation statt. In ihren Materialeigenschaften werden die verwendeten Dinge nicht aber nicht verändert. Der am häufigsten von Nestler verwendete Arbeitsvorgang ist das Kleben, daher der charakteristische Titel dieser Exposition: "Kolla" - das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet ganz einfach Kleben.

Die Bezüge und Arbeitsansätze vielschichtig. Nestler findet Orientierungspunkte bei Konstruktivismus und Bauhaus, es gibt Anleihen bei arte povera und den Konkreten und dennoch zeigt sich eine ganz eigene, unverwechselbare Handschrift. Die Collagen führen uns neben dem konstituierenden Material stets auch malerisch zu nennende Elemente vor Augen, es wird eine generöse Opulenz der Materialakkumulation deutlich. Unterstützt wird der kräftige Farbeindruck bei mehreren Werken jüngeren Datums von dem glatten Epoxydharz-Überzug, der das Material hermetisch einzuschließen scheint.

Nestler begibt sich auf einen spannungsvollen Transformierungsprozess: Er quirlt in seinem schier unerschöpflichen Fundus entsorgter Dinge, entzieht sie dem gewohnten Deutungsverständnis und ordnet ihnen für ihr zweites Leben neue ästhetische Aufgaben zu.

bis Ende Juli. Villa Salzburg, Tiergartenstr. 8, geöffnet Mo-Fr 10-19, Sa 10-17 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.07.2015

Claudia Reichardt

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