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Das zweite "Denkfiguren Philosophie-Festival Dresden" diskutierte größtenteils wissenschaftlich

Das zweite "Denkfiguren Philosophie-Festival Dresden" diskutierte größtenteils wissenschaftlich

Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin glaubt, mit dem Kapitalismus geht es zu Ende. Als ökonomischer Berater der Bundesregierung hegt er die Utopie, dass die Menschen aufgrund der rasanten technologischen Entwicklungen völlig neue Lebensmöglichkeiten haben.

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In der interessanten Debatte "Schöner schuften? Arbeiten 2.0" trafen der sächsische Gewerkschafter Markus Schlimbach, die Marburger Philosophin Peggy H. Breitenstein, der Moderator Jörg Stübing und die beiden Pressesprecher des Chaos Computer Clubs, Konstanze Kurz und Frank Rieger, aufeinander.

Quelle: Amac Garbe

"Die spielerische Entfaltung in den kollaborativen Commons (wird) so wichtig sein wie harte Arbeit in der Marktwirtschaft und die Anhäufung von Sozialkapital wertvoller als die Vermehrung von Marktkapital." Der schöne Traum vom leichten Leben, den er sogar noch weiter träumt. "Das Band mit der Gemeinschaft und die Suche nach Transzendenz und Bedeutung werden die Erfülltheit eines Menschenlebens stärker definieren als materieller Wohlstand."

Rifkin war zwar nicht dabei, beim 2. "Denkfiguren-Philosophie-Festival Dresden", das am Wochenende in und hinter der Scheune stattfand. Aber er hätte sich dort ein paar andere Meinungen zur gesellschaftlichen Entwicklung anhören können. Zum Beispiel die knappe Antwort von Philosophieprofessorin Simone Dietz auf die Frage, ob der menschenunwürdige Kapitalismus irgendwann von den darin Unterdrückten weggefegt werde: "Ich glaube nicht." Sie ergänzt, dass es immerhin gesellschaftliche Tendenzen gebe, die besser sind als vor einigen Jahrzehnten und zwar "für die üblichen Verdächtigen: Sklaven, Frauen, Tiere." Da lacht der gut gefüllte Saal herzlich. Es ist einer der Augenblicke, in denen die Philosophie zu uns heruntersteigt und in klaren Worten zu uns spricht. Aber fangen wir von vorne an.

Am Eröffnungsabend ist alles recht überschaubar. Zwei Zelte stehen im Scheune-Garten. Die Menschen halten Weingläser in der Hand und diskutieren. Auch die Eule, das Maskottchen des Festivals, ist da. Sie wurde an einigen Stellen an die Wand gesprüht und schaut, mit Stoffbeutel überm Flügel, vom Programmheft oder vom Stoffbeutel selber auf die Besucher, die nach der Weisheit suchen. Von der versprochenen Festivalatmosphäre ist allerdings, bis auf ein dauerhaft knutschendes Pärchen, noch nicht viel zu spüren.

Es geht bei den "Denkfiguren" um die Frage nach der bestmöglichen Gesellschaft, in der der böse Markt nicht alles gottgleich diktiert. Dem neoliberalen Kapitalismus wird in verschiedenen Formen an die Gurgel gegangen. Satirisch überspitzt liest der Schriftsteller und Philosoph Guillaume Paoli aus seinem literarischen Essay "Mao siegt" und berichtet von einem Japaner, der sich seine Hoden abschneidet, sie von Gourmetköchen zubereiten lässt und über Twitter zum gemeinsamen Verzehr aufruft. An diesem merkwürdigen Beispiel denkt Paoli über die Sinnhaftigkeit von gesellschaftlichen Tabus nach. Was er nicht erwähnt, ist die Intention des japanischen Malers, der sich die Hoden abschnitt. Der definierte sich als asexuell und wollte mit der Kunstaktion mehr Aufmerksamkeit für sexuelle Minderheiten erzielen. Paoli kommt dagegen zu dem Schluss, dass staatliche Grenzen und Vorschriften notwendig sind, "damit man ab und zu noch etwas Verbotenes tun könne."

Trotz einiger abwechslungsreicher Formate wie Lesungen oder "Lecture Performance" von Corinne Maiers, die sich - frei nach dem philosophischen Existenzialisten Martin Heidegger - aus einem Ski-Anzug pellt, um am Ende ihres Vortrages im Bikini auf der Bühne zu stehen, bleibt auch der zweite Anlauf des "Denkfestes" einer, der nicht oft leichtfüßig daherkommt. Es wird viel abgelesen. Das Seminarartige wird unterstrichen durch einige Mitschreiber im Publikum und die fast gespenstische Ruhe während der Vorträge. Dass einer auch mal die Augen schließt, verstärkt das Uni-Gefühl nur noch. Für die nächste Runde wünscht man sich noch ein wenig mehr Mut in der Zusammensetzung der Debattenteilnehmer, noch ein wenig mehr außeruniversitäre Beiträge, ja, noch ein wenig mehr von der nicht-institutionellen Philosophie eines Guillaume Paoli. Wer als Normalsterblicher die "Denkfiguren" besucht, stößt schnell an seine Verständnisgrenzen, auch wenn er von Heidegger, Habermas und Hegel schon gehört hat.

Die Saal-Debatte "Schöner schuften? Arbeit 2.0" ist einer der Höhepunkte der Veranstaltung. Hier kommt alles zusammen, was ein spannendes Philosophiefestival ausmachen könnte. Der Moderator, Buchhändler und mindestens Hobby-Philosoph Jörg Stübing befragt den Gewerkschafter Markus Schlimbach, die Philosophin Peggy H. Breitenstein und die beiden Sprecher vom Chaos-Computer-Club Constanze Kurz und Frank Rieger nach denkbaren Zukunftsoptionen. Unterhaltsam und lehrreich ist das, auch wenn keine wirkliche Debatte zustande kommt. Dafür ist man sich zu einig in den Positionen, dass die Gesellschaft bisher nur wenig von ihrer Gestaltungsmacht nutzt, sie durch die technischen Rationalisierungs- und Effizienzbestrebungen jedoch in Zukunft viel Zeit dazu haben wird. Wir müssen also lernen, diese sinnvoll zu gestalten. Bisher sei Deutschland geprägt von einer "protestantischen Knuff-Ethik", nach der "nur wer arbeitet auch essen soll", wie es Rieger zusammenfasst.

Die zentrale Frage nach der bestmöglichen Gesellschaft kann erwartungsgemäß nicht eindeutig beantwortet werden. Der Versuch ähnelt der Suche nach der Antwort auf die ultimative Frage des Lebens, des Universums und allem anderen, die Douglas Adams in seinem berühmten Science Fiction-Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" mal eben mit "42" beantwortet. Vielleicht wäre die Frage nach einer Gesellschaft, die wir in der Lage sind zu erschaffen, zielführender gewesen. Es bleiben ein paar Ideen, hier zu erwähnen das Bedingungslose Grundeinkommen und die Wertschätzung sinnstiftender Tätigkeiten jenseits der klassischen Lohnarbeit, die dem "real existierenden Liberalismus" (Guillaume Paoli) entgegenarbeiten. Es gibt ja offensichtlich genug Menschen, die in der Lage sind, sich eine bessere Gesellschaft auszumalen. Mögen genug Buntstifte vorhanden sein, um sie auch unter den gesellschaftlichen Schwarzweißmalern zu verteilen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.09.2014

Juliane Hanka

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