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Das verhinderte Interview: Erinnerungen an den Dresdner Maler Wilhelm Rudolph

Das verhinderte Interview: Erinnerungen an den Dresdner Maler Wilhelm Rudolph

Dresden im Februar, das ist Erinnern und Gedenken. Hinterfragen und Bewältigen. Schuld und Sühne. Wir haben es gerade wieder erlebt. Dieser 13./14. Februar 1945 lässt nicht los, auch wenn die meisten Kriegsruinen längst verschwunden sind.

Bewahrt ist diese gespenstische tote Stadt in Wilhelm Rudolphs Werk. Sein Dresden-Zyklus, Rohrfederzeichnungen und Holzschnitte, Aquarelle und farbige Zeichnungen, erreichte Weltgeltung. Er ist das bekannteste Erbe des Künstlers. Dennoch blieb Rudolph im Schatten des Kunstbetriebs. Ein Werkverzeichnis existiert nicht, große Publikationen lassen noch auf sich warten.

Mit schier unfassbarer Energie war dieser Mann direkt nach den Bombardements unterwegs in den Trümmerwüsten. "In der ruhelosen Vorstellung zwischen Schlaf und Wachen grub ich mit stählernem Griffel die Bilder der Zerstörung in Metall und Steinplatten, Strich um Strich wie Wunden ein. Bei nüchternem Tageslicht stand mir dann ein kleines Paket Zanders Büttenpapier, etwas Tusche und eine Rohrfeder zur Verfügung, die ich hatte retten können. Damit ging ich wie in einem Zwangszustand an mein Vorhaben." So hatte er das Ereignis viel später für die Öffentlichkeit geschildert. Verständnis konnte er nur von seiner Frau Johanna erwarten, die den Besessenen begleitete. Im Februar 1945, wenige Tage vor seinem 56. Geburtstag.

Heute vor 125 Jahren kam Rudolph als Sohn eines Webers und Maschinenschlossers im Chemnitzer Arbeitervorort Hilbersdorf zur Welt. Doch Jubiläen galten ihm nichts. So wenig wie Komfort oder Bequemlichkeit. Was zählte, war die Arbeit und es waren seine Erkenntnisse über Menschen und Ereignisse. Das konnte erfahren, der den Dialog mit dem Maler und großen Holzschneider suchte. Aber was heißt schon Dialog. Heraus kam fast immer ein Monolog, plötzlich unterbrochen durch beredtes Schweigen. Statt auf die erhofften Antworten musste man auf Fragen gefasst sein, die den Künstler zu neuerlichen Gedankensprüngen anregten.

Ich erinnere mich gern an die Besuche im Atelier auf der Brühlschen Terrasse, in seiner Kunstakademie, die ihm, dem Professor, zweimal den Stuhl vor die Tür gesetzt hat. Stoff für Bitternis, Sarkasmus oder diese Wegwisch-Gesten. Langweilig wurde es nie. Nur: Zeitpläne schmolzen dahin wie Schnee in der Frühlingssonne. Begegnen konnte man dem schmalen Mann mit dem wirren Haarschopf und dem kantig geschnittenen Gesicht in der Stadt häufig, den Rucksack voller Malutensilien oder Einkäufe. In die hellen Augen unter den buschigen Brauen zu schauen, war schon schwieriger. Erst recht, das Minenspiel von listiger Verschmitztheit bis zu bitterböser Erstarrung richtig zu deuten. Dieser Mensch war ein Konglomerat von Altersweisheit, Redlichkeit, Offenheit, Güte, Starrsinn, Eigenbrötlerei und vielem mehr.

Als ich ihn besuchen durfte, war Rudolph 83 Jahre alt (zehn Lebensjahre hatte er noch vor sich). In Dresden lief die VII. Kunstausstellung, die erste mit dem Zusatz "der DDR", und eigentlich sollte sich ein Interview um dieses Thema ranken. Der Altmeister hatte Eingang in die Schau mit unverfänglichen Holzschnitten und einem Gemälde "Junge Frau" gefunden. Ein ähnliches Motiv stand auf der Staffelei. Jenseits der Auftragsporträts ließ sich der Künstler von Charme und Schönheit gefangen nehmen. "Hier trat Jugendlichkeit und Gesundheit, von einem frohen Wesen überstrahlt, unmittelbar als ein malerisches Erlebnis an mich heran-, hier beginnt der elementare Zwang des Schöpferischen." Als ähnlichen Gegenentwurf zu den Trümmerblättern könnte man vielleicht fast impressionistisch wirkende Landschaftsbilder sehen.

Rudolph rang um die Anerkennung seiner Malerei. Er wollte beides: den Namen als Holzschneider und als Maler. Halbheiten hat er sein ganzes Leben lang vermieden, ja verabscheut. "Ich bin in erster Linie Maler und meine Holzschnitte lassen den Maler erkennen. Die Malerei weitet sich auf der Fläche zum Raum aus. Derselbe Vorgang ist auch auf meinen Holzschnittblättern erkenntlich- Einmal nehmen mich die Geheimnisse der Malerei, zum anderen wieder die männlichste Form der bildenden Kunst, der Holzschnitt gefangen." Seinen Porträtierten - übrigens fand sich nie ein Selbstporträt - wollte er Würde geben und immer, gleich ob sein Motiv Mensch, Tier oder Landschaft war, drang er zum Wesen des Dargestellten vor.

Die Kunstwissenschaft tut sich schwer mit der Einordnung des Dresdner Künstlers, der stets Realist blieb und auf seine eigene Weise expressiv arbeitete. Ja, er hat auch Walter Ulbricht und Max Seydewitz gemalt und manches Bild erschien dem Betrachter zu süßlich. Widersprüche, wie sie sich durch diese ganze Persönlichkeit ziehen, die vier Gesellschaftssysteme erlebt hat: Das Proletarierkind wird von der Grafenfamilie Vitzthum von Eckstädt unterstützt. Der Erste Weltkrieg ruiniert die Gesundheit. In den 30er Jahren ist er ein "entarteter Künstler", dann Akademieprofessor bis zum Rauswurf und schließlich verfemt. Der Zweite Weltkrieg vernichtet größtenteils sein Werk, große Bilder, Holzstöcke und viele Abzüge. "Drei große Lebensabschnitte bestimmen mein Leben. Der erste endete-, als ich als Soldat aus dem langjährigen Kriegsdienst krank und ohne alle Mittel entlassen wurde. Es begann die Zeit des Expressionismus in Deutschland, der eine tief erschütternde Wirkung hervorrief- Der zweite Abschnitt endete mit dem Zweiten Weltkrieg, als ich ausgebombt vor dem Nichts stand. Ich begann im dritten Abschnitt als erstes die grauenvollen Trümmer Dresdens als Dokumente in ungefähr 200 Federzeichnungen festzuhalten-"

Auch danach arbeitete der Künstler immer wieder bis zur physischen Erschöpfung, stand bis zum letzten Pinselstrich im Atelier. Dem Gast bot er nur manchmal einen Stuhl an, denn der einzig sichtbare war meist belegt. Auch das Häuschen in Bühlau war kein Ort der Gemütlichkeit. Ich erinnere mich an einen schmalen Raum und lange Gespräche auf harter Sitzgelegenheit. Freund und Feind boten reichlich Stoff. Später als Witwer lebte Rudolph wohl noch spartanischer. Sein erstes eigenes Heim - das erzählte er mit einem sarkastischen Unterton - konnte er sich vom "Staatsauftrag" und nach dem "Jahr der Preise" (u.a. der Nationalpreis) leisten.

Rudolph ging unbeirrbar seinen Weg. Leicht hat es sich der Einzelgänger dabei nie gemacht. Nicht mit seinen Arbeiten und nicht mit seinen Äußerungen. Das Interview wollte er noch retten, indem er einige Passagen auf knittrigen Zetteln nachreichte, durchstrich, neu formulierte - und es am Ende doch lieber nicht gedruckt sehen wollte. Daraus sind die Zitate entnommen. Rudolph bot an, mich zu malen. Ich habe damals eingedenk der unkalkulierbaren Zeit kapituliert. Leider.

Ausstellung im Rietschel-Geburtshaus in Pulsnitz, Rietschelstr. 16, bis 30. März, geöffnet Do, Fr & So 14-17 Uhr

Film "Das zerstörte Dresden" von Siegmar Schubert über Zeichnungen von Wilhelm Rudolph: 26.2., 19 Uhr, Kultursaal Helios der Klinik Schloss Pulsnitz, Wittgensteiner Str. 1

www.ernst-rietschel.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.02.2014

Genia Bleier

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