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Das erstmals veranstaltete Dresdner Poesie- und Literaturfestival war ein Erfolg Die Veranstalter planen eine Fortsetzung

Das erstmals veranstaltete Dresdner Poesie- und Literaturfestival war ein Erfolg Die Veranstalter planen eine Fortsetzung

Prosa von Krimiunterhaltung und Kinderbuch bis zu anspruchsvollen Werken des 18. Jahrhunderts, als Vortragende bekannte Schauspieler - mit diesem Konzept war das Dresdner Poesie- und Literaturfestival zum ersten Mal gleich ganz groß angetreten.

Mit Suzanne von Borsody, die im Erlwein-Capitol Texte der Malerin Frida Kahlo las, ist es gestern Abend zu Ende gegangen. Mehr als 3000 Besucher zählten die Veranstalter.

Ins Griechenland des 18. Jahrhunderts führt uns "Hyperion". 29 Jahre alt war Friedrich Hölderlin, als 1799 der zweite Teil seines Briefromans erschien. Nur zwei Jahre älter ist der österreichische Schauspieler Robert Stadlober. Der trug diesen wohl anspruchsvollsten Text des Festivals in etwas intimerem Rahmen im Kellergewölbe der Festungsmauern auf solch fesselnde Weise vor, dass man die mehr als zweihundert Jahre, die zwischen Werk und Gegenwart liegen, fast vergaß.

Gewiss, die Fremdheit von Inhalt und Sprache bleibt. Orte und Namen der griechischen Antike sagen heute nur wenigen noch etwas. Dazu dieses hohe, idealistische Pathos. Doch Stadlober arbeitet glaubwürdig, geradezu mitreißend genau das heraus, was diesen Text ins Heute holt: diese jugendliche "Allmacht der ungeteilten Begeisterung". Er geht ganz auf in der Rolle dieses verzweifelten jungen Menschen Hyperion, der sich in Briefen an eine zerbrochene Männerfreundschaft erinnert, an seine Liebe zu Diotima, die stirbt, an Debatten über Politik und Gewalt, an den griechischen Befreiungskampf gegen die Türken. Wir erleben seine Abscheu gegen all die seelenlos Vernünftigen, seine brennende Sehnsucht nach Geist und Größe, nach dem Wahren und Schönen, dem ganzen Menschen. Eine Utopie, die in diesem Text in der Poesie der Naturbilder aufleuchtet und in der Schönheit dieser lyrischen Sprache. Stadlober beweist ein ausgeprägtes Gespür für ihren Rhythmus, setzt gekonnt Pausen und erschließt uns so das eigentümlich Musikalische dieser Prosa.

Alle Register stimmlicher Gestaltungsfähigkeit

In einer der aufwendigsten Veranstaltungen des Festivals war Sebastian Koch mit Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" zu erleben, im Alten Schlachthof, wo die Stuhlreihen etwa zur Hälfte besetzt waren. Er bot diesen 1926 veröffentlichten Text dar im gleitend ineinander übergehendem Wechselspiel mit dem Jazz Trio (Bass, Schlagzeug, Trompete) und Pianist Hubert Nuss, der die Musik eigens für diesen Abend komponiert hatte. Ein wiederkehrendes Motiv, gemächliches Grundtempo, scharf akzentuierende Trompete. Der Sound der sich untergründig einschleichenden Begierde, des Verruchten.

Der lädt diesen Text emotional auf, verstärkt, wovon erzählt wird: von dem gutbürgerlichen Ehepaar Fridolin und Albertine und ihrer Nachtseite. Von seinen nächtlichen Ausflügen in eine dunkle Unterwelt der Orgien, von ihren Träumen, die unterdrückte Sexualität und Grausamkeit entfesseln. Die unheimliche Macht des Verdrängten bedroht ihre Beziehung.

Sebastian Koch zieht alle Register stimmlicher Gestaltungsfähigkeit. Wir hören die Verunsicherung dieser beiden angesichts des Chaos ihrer Phantasien, erleben, wie Fridolin von etwas gezogen wird, das stärker ist als seine Vernunft, wie alles ins Fließen gerät zwischen Traum und Wirklichkeit. Wie es sich dramatisch steigert, gefährlich wird für Fridolin, er eine Ahnung davon erhält, wie nahe Trieb, Erotik und Tod einander kommen können. Koch interpretiert den Text spannungsreich, fesselnd. Und beweist uns damit: Man braucht nicht unbedingt Bilder, um von einer Geschichte ergriffen zu werden. Es funktioniert auch als solch aufregend inszeniertes Hörkino mit Filmmusik.

Das Festival setzte auf unterschiedliche Besuchergruppen. Der ausverkaufte Auftritt von Rufus Beck mit René Goscinnys Kinderbuchklassiker "Der kleine Nick" wird bei sonnigem Wetter zum literarischen Sonntagsausflug für die ganze Familie. Fast tausend große und kleine Zuhörer lagern mit Eis, Brause und Bratwurst auf Sitzen und Decken auf einer Wiese im Ostrapark.

Rufus Beck setzt die Unschuldsmiene jenes kindlichen Erzählers auf und plaudert mit zappliger Munterkeit über die kleineren und größeren Katastrophen in Schule und daheim - vom turbulenten Besuch des Onkels bis zum Teddybär, der mit Papas Rasierapparat geschoren wird. Die Eltern benehmen sich kindischer als ihre Sprösslinge und versagen grandios bei der Erziehung. Da lauschen die kleineren Zuhörer und lächeln. Am lautesten indes lachen Väter, Mütter und Großeltern. Nicht alles glückt bei den Live-Abenden, die Regie geht bisweilen zu üppig mit dem Licht um. Die Festivalveranstalter indes zeigten sich mit der ersten Auflage zufrieden. Im kommenden Jahr, versicherten sie, werde es eine weitere geben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.09.2013

Tomas Gärtner

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