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Das erste Philosophiefestival in Dresden als Experiment zum Thema Werte - Fortsetzung folgt

Das erste Philosophiefestival in Dresden als Experiment zum Thema Werte - Fortsetzung folgt

Die Weisheit, sie hängt von der Zeltdecke - oder schaut aus einer Hosentasche. Weil die Eule schon in der griechischen Antike als Symbol für die Philosophie stand, wird sie auch auf dem ersten Festival, das sich der Liebe zur Weisheit widmet, zum unübersehbaren Begleiter.

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Die Weisheit kam am vergangenen Wochenende hin und wieder in der Hosentasche zum ersten Dresdner Philosophiefestival.

Quelle: Juliane Hanka

Auf dem Gelände hinter der Scheune hängen Eulen als Origami-Basteleien, Eulen aus Strick, Eulen aus Pappe und eine Kuscheltiereule. Die visuelle Botschaft dürfte jeder verstanden haben, bei der gesprochenen wird es schon schwieriger. Dennoch bleibt das Denkfiguren-Festival als diskussionsfreudiges Wochenende in Erinnerung, bei dem Gelehrte versuchen, wesentliche Strömungen der Philosophie aus ihrer geistigen Höhe an die Menschen heranzutragen. Laut Veranstaltern ließen sich rund 500 Interessierte auf ihr Experiment ein.

Es ist eine wagemutige Sache, ein so oft verwendetes und zugleich völlig ungreifbares Thema wie das unserer Werte erörtern zu wollen. Natürlich hat jeder eine Vorstellung, was das sein soll. Aber den Wunsch nach Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit dürfte jeder unterschiedlich definieren. Also wird erst einmal in Grundsätzliches eingeführt. Im Scheune-Saal, in drei Zelten und einem großen Treppenforum im Garten (das mit Wänden aus Wasserkästen begrenzt wird, in denen vereinzelt und bunt befüllte Wasserflaschen das Licht reflektieren) erfahren die Besucher zwischen welchen Denkern und Strömungen sich die Veranstaltung positioniert. Kant, Aristoteles, Stoa, Kritische Theorie oder Utilitarismus sind einige davon. Die meisten Themen im Programm klingen so, als könnte man viel lernen. Die halbstündigen Einführungen geraten dann aber manchmal etwas sperrig, mit Fremdwörtern und Schachtelsätzen oft so, wie man es von den Geisteswissenschaften erwartet. Wie sollen die Referenten auch in einer halben Stunde zusammenfassen, wozu die Philosophen Jahre gebraucht haben? Dafür müsste sich ein geeigneteres Format finden lassen.

Restutopien und offene Fragen

Viel lebensnaher geraten die Vorträge. Unterhaltsam referiert Franz Josef Wetz von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd über die Menschenwürde und ihre Entwicklung vom Privileg der Reichen bis zum universellen Menschenrecht. Er selbst lehnte diesen Begriff lange ab. Naturwissenschaftlich geprägt, hält er den Menschen für "ein schmalnasiges Säugetier", das "nicht der vornehmste Buchstabe im Buch der Natur" sei. Deshalb ersetzt er den Begriff der Menschenwürde durch den der Selbstachtung, eine auf sich selbst bezogene Lebensbejahung ohne Anerkennung von außen (mit der externen Anerkennung sei es allerdings leichter, sich selbst zu schätzen, wie er in der Diskussion danach ergänzt).

Eine der Debatten, bei der zwei gegensätzliche Meinungen diskutiert werden sollen, muss erst dazu gemacht werden. So sind sich der Friedensforscher Thomas Kater von der Uni Leipzig und Jürgen Weigt, der General der Offizierschule des Heeres in Dresden zum Thema "Kann man Werte militärisch verteidigen?" viel zu einig auf dem Podium, auf dem sie doch als Kontrahenten inszeniert sind. Nach dem Anstacheln von Buchladenbesitzer Jörg Stübing, der gemeinsam mit Friederike Beck vom Zeitgeist-Verlag moderiert, findet Kater immerhin noch einen Satz, den er polemisch ausrufen kann: "Ich halte Militär grundsätzlich für einen Skandal", rudert dann aber gleich zurück und ergänzt, er bewahre sich eine Restutopie, dass es irgendwann einmal eine Welt geben wird, die den Einsatz von Gewalt nicht mehr nötig macht.

Auch Weigt betont mehrfach, dass kein Soldat gern in den Krieg ziehe und es weder süß noch ehrenvoll sei, fürs Vaterland zu sterben. Solange es aber notwendig sei, müsse es eben getan werden. Trotz eloquenten Vortrags beider Referenten blieb der Erkenntnisgewinn aus, denn die Frage, ob Werte denn nun militärisch verteidigt werden können, wurde nicht richtig beantwortet. Immerhin verwies Weigt darauf, dass Werte in jedem Kulturkreis unterschiedlich definiert werden, weshalb so etwas wie ein Export unserer westlichen Demokratie beispielsweise nach Afghanistan naiv sei, weil es sich dabei eben um unsere Wertvorstellungen handele. Was aber verteidigte man dann am Hindukusch, müsste man ergänzend fragen.

Es bedarf vielleicht keines Populärwissenschaftlers wie Richard David Precht, um abstrakte und komplexe Gedanken möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Doch Anschaulichkeit kommt immer gut an. Auf dem Festival ist es vor allem Hanno Deppner, Berliner Autor, Philosoph und Literaturwissenschaftler, der mit seinem Buch "Kant für die Hand" einem Klassiker der Philosophie Leben einhaucht. Er hat einen Bastelsatz zu Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" dabei. Die darin vorgestanzten Einzelteile ergeben am Ende ein 3-D-Modell, das alle Kritikbereiche integriert und mit Ausführungen dazu beschrieben ist. Das aufgeklappte Papiermodell sieht aus wie ein Haus mit vielen Terrassen und Fenstern und wirkt letztlich nicht viel aufgeräumter als das vollgeschriebene 2-D-Schema das Deppner zu Beginn auf einem Monitor darstellt, ist aber die weitaus kreativere Umsetzungsidee. Vermutlich bringt erst das Selberbasteln die Erleuchtung.

Als einer der "Superstars" führt der österreichische Kulturwissenschaftler Thomas Macho in sein Buch "Das Leben ist ungerecht" ein. Er zitiert Martha Nussbaums Befähigungsansatz, nachdem der Mensch viel mehr benötigt, als nur ein gesichertes Einkommen, um ein gelingendes Leben füh- ren zu können, darunter die Ansprüche auf Entwicklung der Sinne, der Vorstellungskraft und des Denkens. Er belegt anhand vieler Zahlen und Gelehrter, wo die Grenzen von Gerechtigkeit und Chancengleichheit liegen. Menschen in Afrika sterben durchschnittlich mit 34, in westlichen Zivi- lisationen werden sie über 80 Jahre alt. Auch Geld, Gesundheit und Schönheit sind mehr als ungerecht verteilt. Macho ist ein sympathischer Redner, doch auch er vermag es nicht, sein Thema für das Publikum in ein hand- liches Paket zu schnüren, auf dem steht, was man mit diesem Wissen morgen, auf der als vielleicht sehr ungerecht empfundenen Arbeitsstelle, anfangen kann.

Mangel an Kompaktheit

Doch der Mangel an Kompaktheit stört die Besucher offenbar nicht. Die Zelte sind fast immer voll, die sich anschließenden Diskussionen sprengen oft den dafür eingeplanten Zeitraum. Ein Glöckchen bittet zum Weiterziehen zur nächsten Veranstaltung. Dazwischen sitzen sie, lesen, schreiben in Notizbücher oder nippen an einem Wein aus der Region, der auf dem Gelände verkauft wird. Am Abend gibt es noch ein Konzert zur Auflockerung. Der Durchschnitt am ersten Tag ist älteren Semesters, an den beiden folgenden wird er jünger. Die, die gekommen sind, wollen sich einmischen, und ohne dieses Bedürfnis ist man dort auch fehl am Platz. Oder wie es Morris Vollmann vom philosophischen Beirat des Denkfiguren-Festivals ausdrückt: "Philosophie ist nicht unter einem gewissen Anspruchsniveau zu haben." Die Menschen, die sich am Wochenende auf diesen Anspruch eingelassen haben, haben ihn in vielfältiger Ausprägung erlebt. In akademischer Abhandlung, in verständlicher und bildlicher Anwendung, in literarischer Verpackung und, dank eines Vertreters des Zeitgeist-Magazins, auch als eine Art Stammtischphilosophie.

Die Macher werten ihr Experiment als Erfolg. Die geäußerte Kritik an Lautstärke, Abfolge oder Programmhäufung für die Referenten soll, wenn nicht schon am Folgetag behoben, im nächsten Jahr berücksichtigt werden. Denn dass es eine Neuauflage geben wird, ist seit gestern Gewissheit. Von einem "Überraschungserfolg" und "gelungenen Experimenten" sprechen die Veranstalter. Und nötig hat die Stadt ein solches Festival allemal, denn bis zur angestrebten Mitte der Gesellschaft ist es für die Philosophie in Dresden noch ein langer Weg. Juliane Hanka

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.08.2012

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