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Das andere Krippenspiel: Die "Herdmanns" im tjg in Dresden

Das andere Krippenspiel: Die "Herdmanns" im tjg in Dresden

Mit den Herdmanns will niemand etwas zu tun haben. Jedenfalls die Anständigen nicht. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Wie die sich aber auch benehmen! Terrorisieren ihre Mitschüler und Nachbarn, rauchen heimlich, wohnen über einer Garage, haben eine bissige Katze.

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Nichts bleibt, wie es war: dafür sorgen Charles Ndong, Marja Hofmann, Marc-Simon Delfs, Iris Pickhardt, Sara Klapp, Susan Weilandt und Nadine Boske (v.l.).

Quelle: Klaus Gigga

Und wie die schon aussehen! Im Theater Junge Generation (tjg) tragen Eugenia, Hedwig und Ralf Gothic- oder Vampirkostüme, Batman-Masken und Baseballschläger. "Lieber Gott, ich danke Dir - es sind keine Herdmanns hier", reimt deshalb der wohlerzogene Charly aus der braven Bradley-Familie.

Aus der Spannung zwischen dem überall so ähnlich vorkommenden amerikanischen Spießertum und den anarchistisch-asozialen Freigeistern der Herdmanns bezieht der Welterfolg "Hilfe, die Herdmanns kommen" von Barbara Robinson seine Dynamik. Der 1972 erschienene Roman der Amerikanerin soll in über 30 Sprachen übersetzt worden sein. Der Dualismus der Milieus und Lebensauffassungen wird überraschend aufgehoben, als zumindest drei jener berüchtigten Herdmanns plötzlich beim traditionellen weihnachtlichen Krippenspiel mitmischen wollen. Bei allem so zu erwartenden Gaudi recken sich dabei doch auch zwei pädagogische Zeigefinger empor. Der eine mahnt: Die Herdmanns sind auch Menschen und gehören integriert! Und der andere zeigt entlarvend auf die entleerten Rituale wohlsituierter Mittelbürger, die die Weihnachtsbotschaft blutarm und gewohnheitsmäßig zelebrieren.

Auf die Bühne gebracht zur lieblichen Weihnachtszeit hat das im Dresdner Raum noch niemand, von Lesungen abgesehen. Das nimmt fast ein wenig Wunder bei diesem dankbaren Stoff. Das tjg greift ihn nun seit Sonnabend auf und zieht dafür bis Ende Dezember en suite durch. Vermutlich bei durchweg ausverkauftem Haus, denn die Premiere wurde so dankbar bejubelt, dass der Finalsong wiederholt werden musste. Die Inszenierung von Taki Papaconstantinou knüpft aber auch an viele Sehgewohnheiten der Zielgruppe ab sechs Jahren an. Es riecht nach amerikanischen Seifen-Serien, wie affektiert sich die netten Bradleys bewegen. Das Sitcom-Sofa darf selbstverständlich nicht fehlen, ebenso wenig die Plastik-Christbäume. Mit dem Habitus der ausgeflippten Herdmanns in der Kostümierung von Ulrike Kunze können Grundschüler und ihre Eltern gleichermaßen etwas anfangen. Und dann schmachten sich Bernd Sikora am Zerrwanst und mit Christbaum-Glocken-Perkussion und Stephan Bormann an der Gitarre durch beinahe alle amerikanischen Weihnachts-Ohrwürmer, von "Let it snow" bis "Santa Claus is coming to town".

Die Bühnenbearbeitung von Nele und Paul Maar muss zwar etwas vergröbern, gibt aber gerade den Zuspitzungen kabarettistisch-parodistischen Raum, wenn die unbekümmerten Unholde beim Mitmischen die Weihnachtsgeschichte auch noch kräftig aufmischen. Der Text erinnert sehr an eine Kurzfassung, die man auch im Internet nachlesen kann. Die drei Herdmanns stellen ganz unbefangen-nüchterne Fragen an die Krippenspiel-Inszenierung in der Inszenierung, die jedem auffallen müssten, der sich einmal von den überlieferten Formeln der Evangelien löst. Es geht um Schwangerschaft, um die Jugendfürsorge, die sich um das arme Krippenkind zu kümmern hätte, um den Volkszorn gegen Herodes. Die Herdmanns bringen respektlos ihre Perspektive ein und sorgen damit unerwartet für mehr Plausibilität der biblischen Weihnachtsgeschichte. Wer müsste nicht lachen, wenn der Verkündigungsengel wie ein Geist aus einem Horrorfilm erscheint, der Jesuskindpuppe mit Stroh der Hintern geputzt wird oder die Heiligen Drei Ersatzkönige dem Kind statt unnützer Kosmetika oder Räucherkerzen einen deftigen Schinken mitbringen?

Sentimentalität zieht auf ganz neue Weise bei einem leicht poppig-verschliffenen Ave Maria ein. Einige Spieler aus dem zehnköpfigen Ensemble hätten wegen solcher Leistungen eine Heraushebung verdient, keiner indessen eine Nichterwähnung, weshalb das mit sichtlichem Vergnügen agierende Kollektiv einmal in toto als hinreißend gewürdigt werden soll. Ohne Klischees geht das zwar nicht ab, und mancher mag sich fragen, ob sich Sozialkonflikte zwischen Angepassten und Outlaws wirklich so einfach lösen lassen. Aber zur bald nun nahenden Weihnachtszeit darf es ruhig warm ums Herz werden. Zumal die Liebe zwischen Bradleys Charly und Herdmanns Eugenia zum Happy End auch noch die Klassenschranken überwindet.

nächste Aufführungen: fast täglich bis 23.12.

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.11.2013

Michael Bartsch

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