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„Das alte Dresden“ und die Entthronung eines Götzen

Vom schwierigen Neuanfang Dresdner Buchverlage nach 1945 „Das alte Dresden“ und die Entthronung eines Götzen

Dresden stand sicher nie im Ruf, eine Stadt bedeutender Verlage zu sein. Dennoch listet ein „Verzeichnis der deutschen Buch-, Kunst- und Musikverlage“ aus dem Jahr 1929 fast einhundert Verlage auf, von denen freilich viele ein sehr kleines, oft regional oder thematisch beschränktes Programm aufwiesen.

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Dresden. Dresden stand sicher nie im Ruf, eine Stadt bedeutender Verlage zu sein. Dennoch listet ein „Verzeichnis der deutschen Buch-, Kunst- und Musikverlage“ aus dem Jahr 1929 fast einhundert Verlage auf, von denen freilich viele ein sehr kleines, oft regional oder thematisch beschränktes Programm aufwiesen. Nach der Machtergreifung der Nazis kam es zu einem ersten Aderlass im Dresdner Verlagswesen (freilich gab es auch einige Neugründungen), bevor der Krieg und vor allem die Bombardierung Dresdens dann jene Verheerung brachte, die auch für das Verlagswesen eine „Stunde Null“ bedeutete. Zu fragen wäre, ob es auch für Dresdner Literaturverlage ein „Auferstanden aus Ruinen“ gab. „Groß war der Bücherhunger nach den langen Jahren physischer und geistiger Knechtschaft, nach den schrecklichen Verlusten, die den Menschen und das von ihm Geschaffene getroffen hatten“, heißt es in der Chronik des Sachsenverlages. Doch außer dem Bücherhunger gab es eben den ganz profanen Hunger nach Nahrung, gab es Papierknappheit, und neben den Schwierigkeiten, die sich aus dem Verlust an Menschen, Gebäuden und Archiven ergaben, standen die Verleger nach 1945 vor allem vor einem Problem, sie brauchten eine Lizenz von der Besatzungsmacht. In der sowjetischen Besatzungszone nahmen bekannte Verlage wie Brockhaus, Insel oder Reclam rasch ihre Arbeit wieder auf oder wurden, wie Aufbau, neu gegründet. Aber ein 1947 vom Börsenverein der deutschen Buchhändler herausgegebenes „Verzeichnis lizensierter Buch-, Musikalien-, Zeitschriften- und Zeitungsverlage“ nennt auch für Dresden acht Unternehmen, darunter mit den Verlagen von Louis Ehlermann und Wolfgang Jess, dem Sachsenverlag, dem Voco-Verlag von Wolfram von Hanstein und der Dresdner Verlagsgesellschaft einige, zu deren Programm auch belletristische Titel sowie kunstgeschichtliche oder politische Sachbücher gehörten.

Was seinen guten Ruf betraf, musste der Verlag von Wolfgang Jess keineswegs bei Null beginnen, gehörte der 1920 gegründete Verlag zu den bekanntesten Dresdner Unternehmungen und hatte mit hervorragend gestalteten kunsthistorischen Büchern und junger Dichtung überzeugt. Am 13. Februar 1945 fielen die Verlagsräume in der Pillnitzer Straße in Schutt und Asche, Wolfgang Jess, 1940 eingezogen, galt als verschollen, sein einziger Sohn war 1941 gefallen. Marianne Jess, die Ehefrau des Gründers, war es, die auf der Schillerstraße 11 einen Neuanfang wagte. Die erste Edition war der Stadt gewidmet, die es nicht mehr gab. „Das alte Dresden“, eine Bildmappe mit acht Lichtdrucken nach Bernardo Belotto eröffnete 1947 das Programm, das in den folgenden Jahren, ab 1948 unter der Geschäftsführung von Hans Krey, neben Neuausgaben auch erfolgreiche Titel der Vorkriegszeit enthielt. Theodor Däublers „Der neue Standpunkt“, 1916 im berühmten Hellerauer Verlag von Jakob Hegner erstmals erschienen, wurde von Jess neu aufgelegt. Zahlreiche Querelen mit der politischen Führung der DDR und die „Republikflucht“ von Hans Krey führten 1958 zur Schließung des Verlags.

Der vom Buchhändler Louis Ehlermann (1817-1880) bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete gleichnamige Verlag, ab den 20er Jahren in der Leubnitzer Straße 16 ansässig, nahm seine Arbeit nach dem Krieg in der Comeniusstraße 106 wieder auf. Vor dem Krieg hatte der Verlag unter anderem in der Reihe „Volk und Dichtung“ Werke zahlreicher Klassiker verlegt. Zum Neustart erschien zum Beispiel ein Lebensbild des niederdeutschen Schriftstellers Fritz Reuter oder die „Lebensgeschichte des Freiheitskämpfers August Peters und seiner Gemahlin Louise Otto-Peters“, bevor der Verlag nach Düsseldorf übersiedelte.

Der Sachsenverlag, Druckerei- und Verlagsgesellschaft mbH, eine Neugründung, nahm seine Arbeit 1947 in der Riesaer Straße 32 auf. Doch schon ein Jahr zuvor versuchte der Dresdner Lyriker und Kulturjournalist Paul W. Eisold mit seiner Dokumentation „Hitler, wie er wirklich war“ die „Entthronung eines Götzen“. In der dreißigseitigen, für 50 Pfennig verkauften Broschüre (Auflage 350 Tausend), fasste er dazu bereits vor und während der Nazizeit erschienene Texte von Andreas Andernach und des zurückgetretenen Danziger Senatspräsidenten Hermann Rauschning zusammen. Im ersten regulären Programm waren es dann zunächst Künstler- und Heimatbücher, die verlegt wurden, so von Will Grohmann herausgegebene Monographien über Honoré Daumier und Francisco de Goya, ein unter dem Titel „Im Tal des Todes“ vom Dresdener Lyriker Kurt Liebmann eingeleiteter Band Zeichnungen von Lea Grundig und das Heimatbuch Sächsische Schweiz von Oskar Kurpat. Solche Bücher blieben weiter das Standbein des Verlages (1955 erschien Fritz Löfflers „Das alte Dresden“), doch schon im Jahr 1949 finden sich neun belletristische Titel im Programm, darunter das berühmte Jugendbuch „Sally Bleistift in Amerika“ der gerade aus dem englischen Exil nach Dresden zurückgekehrten Auguste Lazar. Das Buch war Anfang der 30er Jahre in Dresden entstanden, Lazar hatte das Manuskript nach Dänemark geschmuggelt, erschienen war es zuerst 1935 in einem deutschsprachigen Verlag in der Sowjetunion. Ein weiterer wichtiger Titel war Lisa Tetzners „Die Kinder aus Nr. 67“, das als wichtigstes deutschsprachiges Kinderbuch des Exils gilt. Dazu kamen Romane von Annemarie Reinhard oder Kurt Türke und das Buch »Es geht um Deutschland“ des späteren Ministerpräsidenten des Landes Sachsen Max Seydewitz. Der Verlag bestand bis 1962.

Die schillerndste Figur unter den Dresdner Verlegern war Wolfram von Hanstein, der ein kurzes Gastspiel in Dresden gab. 1925 hatte der mehrfach wegen Steuerhinterziehung verurteilte ehemalige Fähnrich und Freikorpsmitglied, den Voco-Verlag in Leipzig übernommen und diesen nach dem Krieg auf die Leubnitzer Straße 28 in Dresden verlegt. Kurz zuvor hatte er in Tharandt zum fünften Mal geheiratet und sich den neuen Machthabern empfohlen, als er heranrückende sowjetische Truppen durch Minenfelder führte. Außerdem war er 1933 wegen der Herausgabe einer Anthologie »Wider den Nationalsozialismus“ inhaftiert worden. Hanstein war Mitbegründer der sächsischen CDU, wechselte später in die SED und wurde 1951, selbst Mitglied des sowjetischen Geheimdienstes, wegen Spionagetätigkeit für den Westen verhaftet. 1955 amnestiert, arbeitete er weiter verschiedenen Gemeindiensten zu. In den Dresdner Jahren belebte der Voco-Verlag die von den Nationalsozialisten verbotene „Republikanische Bibliothek“ neu. Neben seinen eigenen Büchern wie dem schon in der Nazizeit erfolgreichen historischen Roman „Der vom Gutenberg“, „Von Luther bis Hitler“ oder „Deutschland oder deutsche Länder?“ verlegte Hanstein Reden, Tagebücher und Essays von Fritz Selbmann sowie politische Schriften des sächsischen Innenministers Kurt Fischer und des Dresdner Oberbürgermeisters Walter Weidauer.

In der Dresdner Verlagsgesellschaft, Fritz-Heckert-Platz 10, erschienen bis 1950 Bücher über die Dresdner Staatskapelle, Goethestudien und E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“.

Von Jens Wonneberger

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