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Das Zwinger-Trio feierte im Schauspielhaus Dresden seinen 30. Geburtstag

Das Zwinger-Trio feierte im Schauspielhaus Dresden seinen 30. Geburtstag

Letztlich ist alles im Leben eine Frage der Betrachtung. Aus englischer Sicht beispielsweise fährt der ganze Kontinent Europa, zu dem die britischen Inseln selbstverständlich nicht gehören, auf der falschen Seite.

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Ein Dreier für die Ewigkeit: Pauls, Kube und Haase (v.l.) in unnachahmlicher Manier.

Quelle: Dietrich Flechtner

Linksverkehr ist das einzig Wahre. Irrtum völlig ausgeschlossen. Da ist sich der Engländer ganz sicher. Für Tom Pauls ist nun wiederum völlig unerklärlich, wie man "Es ist viertel vor..." statt "dreiviertel..." sagen kann. Auch Lummerland, regiert von König Alfons dem Viertelvorzwölften, kann also - eine andere Schlussfolgerung lässt sich nicht ziehen - nur in einer Zone liegen, in der die Uhren anders gehen. So wie anderen Paris eine Messe wert, so ist ihm ein Anliegen, wider den Vormarsch des "an Ostern" zu Felde zu ziehen. Es kann nur "zu Ostern" heißen. Da ist sich Pauls ganz sicher. Und das Gros der Zuschauer, das den Auftritt des selbsternannten Meisters der Sprachpflege am Freitag im Schauspielhaus verfolgte, auch.

Pauls war nicht allein gekommen. Neben ihm standen noch bzw. saßen Peter Kube und Jürgen Haase, womit also das legendäre Zwinger-Trio auf der Bühne der "Schauspielbude" versammelt war. Gefeiert wurde das 30-jährige Dienstjubiläum des Kult-Trios, dessen Mitglieder genau an diesem Ort anno 1982 mitten im siech(end)en Sozialismus sich mit einem lustigen Liederabend vor einigen Mädels vom Ballett in Szene setzen wollten. Nicht nur die Mädels waren wie Bolle amüsiert, der Rest ist Geschichte...

"Wenn Drei-sich einig sind!" lautet das Motto des Veteranen-Treffens, wobei das mit der Einigkeit so eine Sache ist. Es ist ein Hauen und Stechen, ein Spötteln und Spreizen, mehr Dreißigjähriger Krieg als Friede, Freude, Eierkuchen. Dass es Kube "eine große Freude" ist, auch nach dreißig Jahren immer noch dieselben Kollegen ansagen zu dürften, hört man zwar - aber Kubes Gesichtsausdruck verrät deutlich Gegenteiliges.

Gefühlt standen die drei befreundeten Schauspieler samt ihren schwarzen Sonnenbrillen ja zehn Jahre nicht mehr zusammen auf der Bühne, aber nun gut, es soll auch Ehepaare geben, die Silberhochzeit feiern, obwohl die Ehe nur auf dem Papier besteht. Nachteil des Sich-Rar-Machens: Wie die Künstler selbst, so sind auch die meisten Fans ziemlich in die Jahre gekommen. Für jüngere Dresdner sind Haase, Kube und Pauls Komiker von vorgestern, wenn überhaupt ein Begriff. Eine Parodie auf Erich Honecker - "auch so ein Falsch-Betoner aus der Viertel-Vor-Zone", wie Pauls monierte - ist für von der DDR verschont gebliebene Jung-Sachsen von ähnlichem Reiz wie ein Kricket-Match Indien gegen Pakistan. Wen juckt's? Wobei - dass sich die Hörgewohnheiten verändert haben, ist dem Zwinger-Trio schon klar. "Es sind viel mehr Hörgeräte im Einsatz", ulkt Kube.

Überraschungen blieben weitgehend aus. Am bewährten Konzept aus Comedy, Clownerie und Gesang wurde nichts verändert, Spiel mit bzw. Verarschung von Teilen des Publikums inklusive. Wo Zwinger-Trio draufsteht, ist auch Zwinger-Trio drin. Wobei es zugegebenermaßen dem Reiz nicht unbedingt abträglich ist, wenn etliche Gags und Witze älteren Datums sind. Bei einem Rückblick auf 30 Jahre, einem Best-Of, ist das unausweichlich, mehr als legitim. Wer da glaubt, dass Komik nur durch Überraschung entsteht, wird hier eines Besseren belehrt. Es gibt Sketche und Witze, die zwar alt sind und trotzdem amüsieren, sofern sie nur gut ausgespielt sind. Das war bei Loriot so, ist bei Otto oder Emil Steinberger und im Fall des Zwinger-Trios nicht anders. Insofern kann man es dem auf totale Bespaßung eingestellten Publikum nicht verdenken, dass auch noch die angestaubteste Kamelle bekicherte. Und die eine oder andere Pointe zeigt, dass das Trio böse kann, wenn es will. Ein Satz wie "Nur der Erfolg unterscheidet das Wunder vom Betrug" ist von einer grandiosen Hinterhältigkeit, nicht minder famos ein Giftpfeil Kubes im Anschluss an ein Lied: "Ja, das hat man lange nicht mehr gehört im Schauspielhaus. Aber bald kommt wieder die Fusionszeit!" Und noch immer sind Kube & Co gute Musiker, wobei die Grenze zur Parodie eines Stils fließend ist. Hinreißend etwa ihre Version des Ricky Nelson-Oldies "Hello, Mary Lou", bei dem auch Plaste-Stäbe "aus Buna-Zschopau" als Instrumente verwendet werden.

Haase ist wie gewohnt der schicksalsergeben still dasitzende und ständig untergebutterte, letztlich aber geduldete Trottel vom Dienst, dem von rhetorisch versierten Kube schon mal beschieden wird: "Versuch keinen Satz zu sagen, das kannst du nicht!" Pauls hat da deutlich mehr zu melden, und sogar die Größe, mit dem Satz "Ich musste doch mal eine Zeit lang mit dem Bus fahren" über sich selbst zu spotten. Wenn Pauls schlecht drauf ist, dann nur, weil er "völlig unterhopft" ist, was aber mit einem Zug aus der Flasche wieder und wieder behoben werden kann. Sofern es natürlich die richtige Marke ist, denn nicht jede Bier-Plörre "nimmt der Körper an", nicht mal zu EM-Zeiten, die ja derzeit in Polen und der Ukraine stattfindet, Ländern also, wo deutsche Mannschaften ja schon gelegentlich im Angriff Akzente setzten, wie auch das Zwinger-Trio süffisanterweise nicht verhehlt. Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2012

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