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Das Zentralquartett im Jazzclub Tonne in Dresden: Abschied von einer Legende

Das Zentralquartett im Jazzclub Tonne in Dresden: Abschied von einer Legende

Das Jahr 2014 war noch gar nicht geboren, da stand bereits fest, dass es mit einem Abschied verbunden sein wird. Just zum Neujahrstag sollte das letzte Konzert einer legendären Jazzformation namens Zentralquartett stattfinden.

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Zum fünften Jahr in Folge leitete die 1973 als Synopsis gegründete Viererbande um Conny Bauer, Uli Gumpert, Ernst-Ludwig Petrowsky und Günter Baby Sommer den Dresdner Jazzkalender in der Tonne ein. Nun sollte es damit vorbei sein? Im Handumdrehen war das Konzert ausverkauft und gingen der Veranstalter ebenso wie die Band das hohe Risiko ein, viele Liebhaber dieser Gruppe enttäuschen zu müssen.

Aber der Jazz lebt bekanntlich von Improvisation, flugs wurde ein zusätzlicher Auftritt in die Tonne gezaubert. Und mit diesem musste nun endgültig Abschied genommen werden von dieser Legende. Noch einmal war die Tonne ausverkauft, drängten sich nachgewachsene und mit dem Quartett alt gewordene, nein: gereifte Fans in den Keller, der heutzutage als Sachsens sicherste Bastion für ungebremste musikalische Spielfreude der Improvisationskünste gilt.

Gleich drei Jubilare vereint diese einmalige Combo: Posaunist Konrad (Conny) Bauer wurde ebenso wie Schlagzeuger Günter (Baby) Sommer in der nach letzterem benannten Jahreszeit 70, Saxofonist Ernst-Ludwig (Luten) Petrowsky ist vorigen Monat 80 geworden, allein Pianist Ulrich (Uli) Gumpert darf mit seinen noch 68 Jahren als der Benjamin gelten. Man sieht es den vier Herren, die einst zu den Urgesteinen des frei improvisierten Jazz in ostdeutschen Landen zählten, nicht an, dass sie zusammengezählt 288 Jahre auf die Waage bringen. Vor allem hört man nichts davon, denn ihre Musik klingt so frisch wie eh und je. Selbst Ohrwürmer wie das "Hit Piece No. 8" oder der geradezu andächtige "Hymnus 3" wirken noch immer modern, als wären sie eben erst einem neckischen Einfall entsprungen. Natürlich versteht man diese Musik am besten aus den Zeiten ihrer Entstehung heraus, aber sie hat nichts Unabdingbares, sondern prangt auch nach heutigem Verständnis.

Die lange Geschichte des Zentralquartetts reicht bis ins Jahr 1973 zurück, als es zunächst als Synopsis firmierte und den europäischen Freejazz auf den Kopf gestellt hat. Freie Improvisation, in der Spontanität Struktur gewinnt und Struktur spontan wirkt, all dies gepaart mit unbändiger Energie, das ist die hohe Kunst der zunächst wieder aufgelösten und 1984 in Paris unter dem aktuellen Namen wiedergegründeten Band. Natürlich sollte das Wort vom Zentralquartett auch eine widerborstige Anspielung sein auf allerlei Zentralistisches vom Organ bis zum Komitee - dass es just im französischen Zentralismus gekürt wurde, ist eine nette Ironie der Geschichte. Gespiegelt wird diese Namensfindung wunderbar im lautmalerischen Titel "Conference At Baby's".

Ebenso ironisch ist der Umgang des Quartetts mit altdeutschem Liedgut. Einmal mehr erklangen "Es fiel ein Reif" (mit Petrowskys Flöten-Doppel aus einem Mund), "Kiekbusch" (mit pianistisch posauntem Fugato), "Dat du min Leevsten büst" (mit Bauers grandiosem Posaunen-Intro) sowie "Es war ein König in Thule" (mit Sommer als Maultrommler). Die vier Granden spielten aber auch "Locker vom Hocker" und Gumperts "Alten Thüringer", bewiesen ihr Gespür für den Blues und unterstrichen ihre enge Kameradschaft sowohl beim Musizieren als auch in launigen Ansagen. Vor allem der Mecklenburger Luten Petrowsky war es, der mit seinen prononcierten Worten den Geist des Zentralquartetts spüren ließ und auch die gewachsene Verbundenheit mit dem Jazzclub Tonne und deren Publikum betonte. Bereits zum 35-jährigen Bestehen feierten die vier mit Konzert und Ausstellung in diesen Räumen - und wurden gefeiert. Die ersten beiden Tage des Neuen Jahres waren von Aufbruch gekrönt - und von Abschied. Das insgesamt siebente Konzert des Zentralquartetts an diesem Ort soll nun das letzte in dieser Besetzung gewesen sein.

Ein wehes Hoffen gibt es aber noch aus Richtung Peitz. Da hat diese Musik ein festes Zuhause. Es wäre zu schade, wenn das Zentralquartett dort nicht noch einmal zu hören sein sollte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.01.2014

Michael Ernst

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