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Das Zeitalter der Extreme: Privatsammlung Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts im Hofmannschen Gut

Das Zeitalter der Extreme: Privatsammlung Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts im Hofmannschen Gut

Werke von 50 Malern und Grafikern des 20. Jahrhunderts sind derzeit in Dittersbach zu sehen. Ausgehend von den noch im 19. Jahrhundert geborenen Akademieprofessoren, die den folgenden Generationen den Weg wiesen, werden der heute hochgeschätzte Robert Sterl sowie Otto Gussmann, Georg Lührig, Max Feldbauer und Ludwig von Hofmann vorgestellt.

Dessen humanistischer, idealisierender Glaube an das Gute im Menschen trug in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zur Bewahrung des Menschenbildes bei, wie es seine Schüler Johannes Beutner, Hans Jüchser und Richard Sander bestätigten.

Bis zur Zäsur des Ersten Weltkriegs sind Gemälde von impressionistischer bis expressionistischer Art von Otto Altenkirch, Otto Fischer, Hubert Rüther und Druckgrafik von Martha Schrag vertreten. Trotz Nachkriegsnot, Inflation und sozialen Spannungen erwiesen sich die Jahre der Weimarer Republik als eine schöpferische und experimentierfreudige Epoche: Die stürmische Phase des Expressionismus, vor allem aber der sozialkritische Verismus und die Neue Sachlichkeit widerspiegelten die aufgeladene Atmosphäre der Zeit. Dank demokratischer Bemühungen wurden Frauen stärker in das gesellschaftliche Leben einbezogen. Irena Rabinowicz war die erste, die an der Dresdner Akademie 1919-1922 in der Meisterklasse von Gussmann zusammen mit Otto Dix, Otto Griebel, Bernhard Kretzschmar und Hubert Rüther studierte. 1934 erhielten sie und ihr nichtjüdischer Ehemann Berufsverbot.

Mehrere Arbeiten werden von der zwei Jahre älteren Paula Lauenstein gezeigt, die 1914 an der Kunstgewerbeschule begann und dann ihrem Lehrer Feldbauer an die Akademie folgte. Interessant ist zu sehen, dass sie und die befreundeten Studenten Hans-Theo Richter, Gerd Böhme und Wilhelm Lachnit mit den gleichen Modellen arbeiteten. Das neue Sujet der Vorstadtlandschaft mit Mietskasernen, Schornsteinen und in Hinterhöfen hängender Wäsche behandelte sie mit anteilnehmender Poesie der Armut ohne Verachtung oder Anklage.

Unabhängiger Frauentyp

Das neue weibliche Selbstverständnis wurde von den männlichen Kollegen aufmerksam beobachtet. Der 1925 aus Breslau nach Dresden gewechselte Richard Sander widmete diesem unabhängigen Frauentyp mit dem Porträt einer Tänzerin 1930 eine starke Hommage. Gerd Böhmes Blaues Mädchen zeigt in schnörkellosen Formen einen weiteren Höhepunkt neusachlicher Bildnismalerei.

Es mag erstaunen, dass von dem politisch engagierten Fritz Schulze, der als Gründungsmitglied der ASSO mit Arbeiterporträts bekannt wurde und der nach mehrfacher Haft wegen Hochverrats 1942 hingerichtet wurde, ein kostbar wirkendes Stillleben mit Orangen vorliegt. Doch gerade die Künstler, die am tiefsten in ihrer Existenz erschüttert wurden, suchten mit dem Erfassen einfacher lebenswichtiger Dinge den Glauben an eine lebenswerte Zukunft zu bewahren. Erich Gerlach, Erhard Hippold und Gussy Hippold-Ahnert, Rolf Krause, Bernhard Kretzschmar, Carl Lohse, Kurt Schütze, Hans Spank und Hildegard Stilijanow zeigten in Stillleben den Wert elementarer Dinge.

Auch in der Landschaft drückte sich das neue, unmittelbare Verhältnis zur Welt aus. Nicht mit den Augen sonntäglicher Spaziergänger wie noch die Impressionisten suchten die Maler Motive, sondern mit den prägenden Erfahrungen aus überstandenem Krieg und Elend. In Bäumen, Sträuchern und Getier erkannten sie Elementarkräfte, die wie sie selbst um das tägliche Überleben rangen. Dies zeigt sich außer bei dem für seine spröde Linienführung bekannten Curt Querner auch bei Anna Elisabeth Angermann, Erich Buchwald-Zinnwald, Heribert Fischer-Geising, Edmund Kesting, Karl Kröner, Johannes Kühl, Richard Naumann-Coschütz, Etha Richter, Otto Schubert, Alice Sommer, Otto Westphal und Albert Wiegand. Fritz Beckerts Blick auf Dresden 1939 wirkt wie ein Menetekel auf die bevorstehende Zerstörung der Stadt, deren Tatbestand Wilhelm Rudolphs Holzschnitte 1945 dokumentierten.

Rückzug zum privaten Bildnis

In Zeiten ideologischer Instrumentalisierung der Kunst 1933-1945 sowie in der jungen DDR gestatteten gerade die scheinbar unverfänglichen Sujets gewisse künstlerische Freiheiten. Auch der Rückzug zum privaten Bildnis, zu Selbstporträt und Familienbild brachte viele einfühlsame Werke hervor: Johannes Beutner beschwor als Aktmaler die Anmut seiner Frau Hilde, die seine wichtigste Stütze gegenüber engstirnigen Auftraggebern war. Unter Formalismusvorwürfen wurden Künstler wie er, die vielmals schon von den Nationalsozialisten verfemt worden waren, wieder in die zweite Reihe geschoben, ebenso diejenigen, die sich mit den offiziell abgelehnten Abstraktionen befassten. Erstaunlich vielfältige diesbezügliche Ansätze belegen Erhard Hippold, Helmut Schmidt-Kirstein und Hermann Naumann.

Manch tragisches Schicksal warf in jener historischen Umbruchsituation seine Schatten über das lebensbejahende Menschenbild, beispielsweise Wilhelm Lachnits und Hans Körnigs. Viele Künstler schufen ihr Werk nur dem eigenen Auftrag folgend, ohne Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung. Dazu gehörten der international längst geachtete Joseph Hegenbarth, der stille Maler der einfachen Dinge Theodor Rosenhauer und der temperamentvolle Ernst Hassebrauk. Gegen Ende ihres Lebens erfuhren sie späte Anerkennung.

Die Fortsetzung der Dresdner Maltradition belegen der in diesem Sinne legendär gewordene Siegfried Klotz mit einem Frauenbildnis in satter Ölmalerei sowie Hermann Naumanns "Im Zirkus" von 1999, auf dem far- benfroh ein Clown mit langer Nase an die Schwelle zum 21. Jahrhundert klopft.

Galerie im Hofmannschen Gut Dittersbach, Alte Dorfstraße 8.

Bis 29. September. Do. 15-19 Uhr, Sa. 11-16 Uhr und nach Vereinbarung. Katalog erhältlich. Telefon 035026/9 16 41.

Heute, am 25. August, 18 Uhr, wird zur Soiree musical eingeladen: Musikalisch-literearische Reise von Indien bis Russland. Perlen der Weltliteratur und Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, mit Natalia Petrowski (Staatsoperette), Philipp Lux (Staatsschauspiel) und Jewgenij Feldmann (Sächsische Staatsoper)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.08.2012

Jördis Lademann

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