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Das "Theater an der Wien" besinnt sich auf seine Operntradition und zeigt die mehr als 400 Jahre alte Oper "Orfeo" von Claudio Monteverdi

Das "Theater an der Wien" besinnt sich auf seine Operntradition und zeigt die mehr als 400 Jahre alte Oper "Orfeo" von Claudio Monteverdi

Im Opernleben Wiens spielt die Staatsoper die erste Geige. Vor etwa einem Jahrzehnt ist eine weitere Bühne reaktiviert worden, die im Gegensatz zur kaiserlich-königlichen Hofopern-Tradition die bürgerliche Entwicklung Wiens repräsentiert: das "Theater an der Wien".

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John Mark Ainsley als Orfeo.

1801 unter Leitung von Emanuel Schikaneder errichtet, avancierte es zur Uraufführungsstätte Beethovens (u.a. "Fidelio"). Im Vorgängerbau war Mozarts "Zauberflöte" (Libretto: Schikaneder) zum ersten Mal über die Bretter gegangen. Im Gegensatz zur Staatsoper blieb das "Theater an der Wien" unzerstört und bot zwischen 1945 und 1955 dem berühmten Staatsopernensemble Gastrecht. Dann wurde es in städtisches Eigentum überführt und zum Musicaltheater umfunktioniert. Nun hat es sich auf seine Tradition besonnen, wirbt mit dem Slogan "Das neue Opernhaus" und betreibt - unabhängig von Staatsoper und Volksoper - einen eigenständigen, hochinteressanten Spielplan als Stagionebetrieb.

Auf diese Weise kann die ganze Bandbreite von 400 Jahren Operngeschichte und -gegenwart zur Geltung kommen - ohne festes Orchester und Ensemble. Für jede Produktion werden Dirigent und Regisseur, Solisten und Musiker, Choristen und Statisten eigens engagiert. Dem Wiener Publikum präsentieren sich auf diese Weise die unterschiedlichsten Handschriften aus dem In- und Ausland.

Nun wurde Claudio Monteverdis "Orfeo" gespielt, eine Seltenheit allein schon aus musikalisch-darstellerischen Gründen. Am Ausgang des 16. Jahrhunderts hatten sich Vertreter von Musik, Sprache und darstellenden Künsten eine neue Gattung "erdacht", die später als Oper bezeichnet wurde. Nach Vorbild der antiken Tragödie sollten menschliche Leidenschaften, sollten Sprache durch Sologesang mit Dramatik verschmelzen. Fielen auch die ersten - durch Monodien, Chöre und Instrumentalsätze durchkomponierten - Opern kurz vor 1600 in Florenz eher "akademisch" aus, so entstand kurz darauf - 1607 - das erste Meisterwerk der Gattung: "L'Orfeo, Favola in musica" von Claudio Monteverdi, damals Hofkapellmeister in Mantua.

Wer heute diese Oper zur Aufführung bringen will, muss als erstes vom "normalen" Opernorchester ablassen, braucht ein Spezialensemble mit historischen Instrumenten (nicht nur in der flexiblen Besetzung der Generalbassgruppe, hier vom Monteverdi Continuo Ensemble gespielt). Ivor Bolton, Chefdirigent des Mozarteum Orchesters Salzburg, war mit der Verpflichtung des Freiburger Barockorchesters gut beraten. Reich besetzt mit Bläsern (neben Blockflöten, Trompeten und Posaunen auch Dulcian und Zinken), Streichern, Tasten- und Zupfinstrumenten und Schlagwerk der italienischen Spätrenaissance und vertraut mit den stilistischen Eigenheiten Monteverdis, wurde hier im Sinne des Wortes lebendig musiziert (überzeugend in Tempo, Artikulation, Affekthaftigkeit). Die gestische Dirigierweise Boltons brachte Wesentliches auf den Punkt.

Überragend Katija Dragojevic (Schweden) als La Musica, Messaggiera, Speranza, ebenso Mari Eriksmoen (Norwegen) als Euridice und Cyril Auvity (Frankreich) als Pastore, Spirito und (kurzfristig) Apollo. John Mark Ainsley (England) als Vertreter der Titelpartie (Orfeo) bestach durch große Momente, hätte insgesamt aber gut daran getan, die "erregte Rede" der frühen Oper, speziell Monteverdis, stärker, ambitionierter zur Geltung zu bringen, gerade in den großen Bittgesängen des 3. Aktes. Aber wahrscheinlich war er durch die Inszenierungssicht Claus Guths zur sehr im Resignativen gefangen.

Der moderne Opernalltag ist nicht frei von folgendem Widerspruch: Einerseits bemühen sich die musikalisch Verantwortlichen - wie hier auf höchstem Niveau - um historisch angemessene Spiel- und Singweisen, auf der anderen Seite greift die Regie in die Grundsubstanz der Stücke ein (z.B. Selbstmord Orfeos). Für Guth ist es erklärtermaßen "nicht so entscheidend, dass Orfeo Musiker ist, sondern dass er Mensch ist". Ich kenne keine Oper, in der es nicht um menschliche Fragestellungen ginge - zwischen Monteverdi und der Moderne! Man kann es originell finden, dass die ideale Welt Arkadiens und jene der Unterwelt in einem modernen Wohnzimmer mit Treppenhaus und gelegentlichen Videoeinschüben (so eines europäischen Friedhofes) spielen, man kann es lustig finden, dass der Fährmann (Caronte) mit einer Flasche in der Hand durch das Wohnzimmer torkelt und nahtlos in die Partie des Gottes der Unterwelt Plutone (Phillip Ens, Kanada) übergeht. Was Derartiges letztlich zur Entschlüsselung, zur Verallgemeinerung der Fabel für den Besucher unserer Tage beiträgt, bleibt ungewiss.

Der für die frühe Oper (nach antikem Vorbild) wichtige Chor (wunderbar jene über 30 Sängerinnen und Sänger des Arnold Schoenberg Chores Wien, Einstudierung Erwin Ortner) überzeugte, sichtbar auf der Bühne bzw. nur hörbar von der Hinterbühne aus. Auch einige der Bläserritornelle späterer Akte erklangen von hinten. Insofern fanden unterschiedliche Dimensionen und Ebenen in der Umsetzung ihre Berücksichtigung.

www.theater-wien.at

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.01.2012

Matthias Herrmann

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