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Das Theater Döbeln feiert Wiedereröffnung mit "My Fair Lady"

Das Theater Döbeln feiert Wiedereröffnung mit "My Fair Lady"

Schon einmal wurde in Deutschland mit dem sagenhaften Broadwayimport "My Fair Lady" ein Theater wieder eröffnet. Vor 61 Jahren, als Haus für das "Vergnügen mit Pfiff", wie Kritikerlegende Friedrich Luft damals wünschte, ging nach umfassender Sanierung im Berliner Theater des Westens der Vorhang wieder auf.

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Very British: Die Inszenierung "My Fair Lady" am Theater Döbeln ist auch ausstattungstechnisch sehenswert.

Quelle: Jörg Metzner

Das Musical "My Fair Lady" von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner nach George Bernhard Shaws Komödie "Pygmalion" war damals gerade vor sechs Jahren in New York herausgekommen. So konnten die Berliner mit der Übersetzung von Robert Gilbert und Übernahme der szenischen Originalversion zum Schwelgen gebracht werden. Fortan grünte es so grün in U- und S-Bahn, junge Männer schwärmten wie Freddy und versuchten zu singen wie Rex Gildo, die bissige Frage des Professor Higgins, ob denn eine Frau nicht so sein könne wie ein Mann, wurde zum Sprichwort, wer wollte nicht was abhaben vom "kleenen Stückchen Glück" des philosophierenden Müllkutschers Alfred P. Doolittle. Den Siegeszug konnten nicht mal eiserner Vorhang und Mauer aufhalten. Marita Böhme, Margot Ebert, Eva-Maria Hagen, Maria Alexander waren die Eliza Doolittles der DDR, deren Bürger in den Theatern bei abendlichen Ausflügen nach London selig schwelgten.

Zwischen Kneipe und Galerie

Jetzt wird in Döbeln geschwelgt. Und wie. Das Theater ist saniert und strahlt in neuem Glanz. Zur Eröffnungspremiere gibt es "My Fair Lady", die Zeit nachgestellter Originalversionen aber ist vorbei. Mit Jürgen Pöckel hat man einen Regisseur gewonnen, dem es gelingt, George Bernhard Shaws Geist nicht abzutöten, zugleich mithilfe des Unterhaltungsdrives dieses Musical-Weltschlagers den Zeigefinger des englischen Moralisten mit dem großen Bart und Sohn eines trinkfesten Vaters tanzen, tänzeln und wackeln zu lassen.

Sehr liebevoll und dabei genau, in vielen Schattierungen mit feinen Untertönen, wird eine Liebesgeschichte erzählt, an deren Ende weder gesellschaftliche Etiketten, Gesetze der Grammatik und des Ausdrucks, Fußangeln der Rhetorik, Schminke, Schmuck und schöne Kleider, sondern allein das Herz den Menschen adelt. So man denn eines hat. Weil sie eines hat, noch dazu auf dem rechten Fleck und nicht selten auf der Zunge, ist der Weg für die Blumengöre Eliza mit dem künstlichen Jargon der Gasse weniger beschwerlich als für den verklemmten Professor Higgins, bei dem anstelle des Herzschlages ein Apparat der Phonetik rappelt, Menschen Material für Experimente sind und nichts mehr zählen, wenn der Versuch zu Ende ist. So wollte es Shaw, das Musical lässt den Ausgang offen, Pöckel gibt Higgins und Eliza eine Chance, wie einst Ovid, auf den der unverwüstlich zeitlose Theaterstoff zurückgeht.

Das alles, aufgelockert mit den wunderbaren Schlagern, die die Herzen singen lassen, wenn das Gehirn allein nicht weiter weiß, lässt der Regisseur zwischen den scheinbar unversöhnlichen Phantasiewelten so pittoresker wie traumtänzerischer Typen der Londoner Straßen- und Kneipenszene einerseits und den kulissenhaften Orten einer Glamourwelt mit rotem Teppich, Nobelgalerie, Pferderennbahn oder Diplomatenball andererseits spielen. Dazwischen das Studio des Professors, von flimmernden Glühbirnen varietémäßig umrahmt, in dem dieser herzhaft-heitere Klassenkampf ausgefochten wird. Die Szenen lassen sich rasch verändern, auch dank einer eifrigen Gruppe von Service-Praktikantinnen in Livrée, die nebenbei ganz nette kleine Gäule auf der Rennbahn abgeben. Beweist hier Ausstatter Hans Ellerfeld optisches Geschick, so ist bei den Kostümen, Masken Haartrachten und Hüten seine Fantasie nicht zu bremsen, ironisch, mit Pfiff und vor allem Humor hat er die Typen eingekleidet und das Publikum eingewickelt.

Mit Übermut zur Sache

Martina Morasso bringt mit ihren Choreografien das ganze Ensemble in Bewegung, ohne dass auch nur einer vorgeben müsste, wie ein Tänzer zu agieren, wird dennoch herrlich getanzt. Viele der Episodenrollen werden von Mitgliedern des von Tobias Horschke einstudierten Chores übernommen. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie ganz rasch die Figuren wechseln: verdrehte Typen, Suffköppe mit Leichtigkeit, Leichen in Faschingskostümen als Diplomaten. Stefanie Goyal etwa als Übermutter Mrs. Eynsford-Hill oder Antoaneta Tcherniradewa als pralle Braut des Alfred P. Doolittle. Den gibt Sergio Raonic Lukovic mit Säufercharme und entwaffnendem Glücksblick aus leuchtend, runden Augen. Oliver Kaden hat die Unschuld in Ton und Erscheinung für die hoffnungslos naive Verliebtheit des Schwarmgeistes Freddy. Ines Kramer als besorgte und, wenn's sein muss, resolute Mrs. Pearce sowie Hans-Heinrich Ehrler als gemütvoller Oberst Pickering haben ihre Techniken entwickelt, es mit Higgins auszuhalten. Sie weiß, wo der Sherry ist, er gleicht mit Gemüt und Anstand aus, was der muttergeschädigte Stinkstiefel versaubeutelt.

Rita Zaworka ist Mrs. Higgins. Kühl und resolut, selbstbewusst und geschäftstüchtig führt sie eine piekfeine Galerie für Schicki, Micki & Co und sieht den ungelenken Sohn lieber kommen als gehen. Den singt und spielt Jens Winkelmann, und sein Rollendebüt ist die Überraschung des Abends. Ein Ekel mit Herz, nur weiß er nicht, dass er eines hat, und sollte es mal schlagen, macht er ganz schnell Krach dagegen. Sprachlich nuanciert, gesanglich mit Mut zu leisen Tönen, wenn nötig auch robust, bringt er den Charme des Chansons zum Klingen und überzeugt am Ende mit dem zarten Ton der Wahrheit. Die Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch als Eliza gibt der Rolle eine außerordentlich aparte gesangliche Dimension, Lyrismen lassen die Verletzlichkeit der jungen Frau anklingen, die Derbheit als Schutzmantel kommt nicht zu kurz. Im Spiel wirkt sie hingegen etwas angestrengt, mag sein, dass der Premiereneifer dies bewirkt.

Am Pult der Mittelsächsischen Philharmonie, neu in der Funktion als erster Kapellmeister: Ido Arad. Er nimmt das Leichte ernst, das lässt die Musik weit mehr sein als Zwischenspiele im Dialog. Akkurates Musizieren kann nie zum Schaden sein und wenn es sein muss, geht es auch mit Übermut zur Sache, wenn etwa Elizas Vater Hochzeit macht oder, wie schon gesagt, die Suche nach dem "kleenen Stückchen Glück" die Herzen höher schlagen lässt. Um im Jargon zu bleiben, lässt sich nach dieser Eröffnung des Theaters in Döbeln doch nur fragen: Watt heeßt denn hier een kleenet Stück, dett is doch een janz jroßet Stück vom Glück.

Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: Theater Döbeln 6. &, 7.10., Premiere in Freiberg: 3.11., dann am 21.11.

www.mittelsaechsisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2012

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