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Das Stück "Doing it" von Melvin Burgess am tjg zeigt per Puppentheater das diffizile Thema Sex und Jugend

Das Stück "Doing it" von Melvin Burgess am tjg zeigt per Puppentheater das diffizile Thema Sex und Jugend

Ist das jetzt Liebe oder will ich nur Sex? Zwischen diesen Polen springt die Gefühlswelt junger Menschen in der Pubertät meist in großen Amplituden hin und her.

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Puppenspieler und Puppen gehen in "Doing it" eine Liaison ein, hier Annemie Twardawa und Patrick Borck.

Quelle: Klaus Gigga

Man verliebt und entliebt sich täglich oder gleich in mehrere Subjekte der Begierde und fragt sich, ob man mehr das eigene oder das andere Geschlecht anziehend findet, während das alles mitnichten nur prickelnd ist, sondern verbunden mit viel Unsicherheit, Angst und Peinlichkeit. Denn obwohl die Welt, in der Jugendliche heute aufwachsen, sexualisiert ist von der Eiswerbung im Kino bis zum Ekelporno im Internet, scheinen sie mehr denn je alleingelassen zu sein damit, ihre Sexualität auszuprobieren.

Die Entscheidung des Theaters Junge Generation (tjg), das Thema Sexualität mit den Mitteln des Puppentheaters für Jugendliche zu bearbeiten, war eine glückliche, drohende Peinlichkeiten können so phantasievoll in ein Spiel verwandelt werden. Hier ist die Puppe Objekt der Begierde, der Untersuchung, des freien Spiels. Die zwei Spielerinnen und ihre beiden männlichen Kollegen sind die Subjekte, die mit Puppen von ersten sexuellen Phantasien und Erfahrungen erzählen und dabei auch sich selbst ins Spiel bringen. Allerdings nur so weit, wie sie das wollen, denn entblößt werden hier nur die Puppen. Selten gab es eine so witzige Pinkelszene auf dem Jungsklo, bekanntlich dem Ort intimsten Erfahrungsaustausches über sexuelle Abenteuer, seien sie gewünscht oder tatsächlich geschehen.

In der Szene, in der eine Lehrerin einen Schüler verführt, ist es die Spielerin, die sich an die Puppe ranmacht. Die Annäherung ist so zärtlich wie skurril. Wie "nebenbei" vermittelt sich freilich die Ungleichheit in dieser Liebesgeschichte. Dass Schüler sich in Lehrer verlieben und umgekehrt, ist zwar nicht erlaubt, kommt aber vor im wirklichen Leben, egal, wie politisch unkorrekt das auch sein mag. Wie hier Abhängigkeiten entstehen, aus denen der Junge sich schließlich befreien muss, wird differenziert erzählt und kommt ohne moralische Etikettierungen aus.

Aber das ist nur eine von vielen Geschichten, die die vier Spieler mit insgesamt sechs etwa ein Meter großen Puppen erzählen, die sehr realistische kleine Nachbildungen von jungen Menschen sind. Mit ihren schlaksigen bis pummeligen Körpern gelingt eine sehr liebevolle Überzeichnung jugendlicher Selbstdarstellung vom testosterongesteuerten Brunftgehabe bis zu den Nöten einer Dauererektion oder deren Gegenteil gerade dann, wenn sie dringend angebracht wäre.

Dabei ist der Blick auf beide Geschlechter gleichermaßen genau. Es gibt die erotisch noch unerweckte Schulschönheit, an der sich die Sehnsüchte der Jungs abarbeiten, ebenso wie das dicke Mädchen, dem der Obermacho rettungslos verfällt. Es gibt den Wettkampf der Platzhirsche im Verbalsex, der so geschmacklos ist, wie er eben ist, und womöglich untauglich für den Sexualkundeunterricht, obwohl er genau dort hingehörte, bildet er ja nur ab, womit Jugendliche konfrontiert sind.

Die leere weiße Bühne (Ausstattung und Puppen: Rita Hausmann) mit zwei nicht klar zu definierenden geometrischen Körpern ist Spielort und Projektionsfläche zugleich, auf der per Video romantische Filmküsse mit pornografischen Sequenzen und Großaufnahmen von Körperteilen verschnitten sind. Eine andere Bildebene drückt Gefühle aus; Wasser, splitterndes Eis, eine Riesenwelle (Video: Franz Ehrenberg). In diesem Grundraster wird das Spiel der Puppen und Menschen genau in der Bilderflut verortet, der junge Menschen heute ausgesetzt sind.

Daneben gibt es wunderbar poetische Momente, wenn beispielsweise die Puppe einschreiten muss, damit die Spieler hinter ihrem Rücken nicht übereinander herfallen, oder das neugierige sich Entkleiden zweier Puppen und Umarmungen, die zärtlicher nicht sein könnten. Freilich gibt es auch den "Akt an sich" zwischen Puppe und Puppe, wobei der Phantasie der Zuschauer bei dieser im wahrsten Wortsinn stofflichen Begegnung keine Grenzen gesetzt sind. All diese wunderbar spielerischen Übersetzungen der Facetten von Liebe und Sex, die die Figuren verzweifelt versuchen, auseinander zu halten, verbinden sich zu einer gelungenen, ästhetisch ausgefeilten ersten Inszenierung der Puppenspielerin Ivana Sajevic, die mit allen Tabus spielt, mit denen das Thema Sexualität belegt ist. Ein äußerst befreiendes Angebot, wirklich darüber zu reden.

Pädagogen lädt das tjg ein, die Vorstellung im Foyer über einen Livescreen zu verfolgen, während die Schüler drinnen unter sich bleiben und die Aufführung so unbeobachtet und freier erleben können.

nächste Aufführungen: heute 19.30 Uhr, morgen 10 & 19.30 Uhr, 26.6. 19.30 Uhr, 30.6. 10 Uhr www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2014

Caren Pfeil

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