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Das Staatsschauspiel lässt im Kleinen Haus "Drei Männer im Schnee" spielen

Das Staatsschauspiel lässt im Kleinen Haus "Drei Männer im Schnee" spielen

Alarm im Nobelhotel Bruckbeuren: Prekariat im Anmarsch! Muss man so ein Subjekt tolerieren, nur weil es den 2. Platz in einem Preisausschreiben gewonnen hat und jetzt zehn Tage vom gleichen Büfett wie Reeder und Fürstinnen schlemmen zu dürfen meint?

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Eindeutig ein Herren-Stück: Sascha Göpel (Portier), Ahmad Mesgarha (Tobler), Thomas Eisen (Hagedorn) und Matthias Luckey (Diener, v.l.).

Quelle: David Baltzer

Dresden. In Erich Kästners beliebter Verwechslungskomödie "Drei Männer im Schnee", die am Sonnabend im Kleinen Haus ihre Premiere feierte, verneint die schmierige Hoteldirektion diese Frage (zum Glück fürs Publikum) energisch und behandelt den armen Schlucker Schulze wie den letzten Dreck, nicht ahnend, dass es sich um den inkognito reisenden Millionär Tobler handelt. Stattdessen werden der bettelarme Akademiker Hagedorn und der Diener Johann aufgrund von Verwechslungen mit Gefälligkeiten überschüttet.

Als komödiantisches Schmankerl für die Adventszeit hatte das Staatsschauspiel eigentlich die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann vorgesehen - die Ersatzwahl ist durchaus adäquat (nicht zufällig wurden beide Romane in den 1950ern kongenial vom großen Kurt Hoffmann verfilmt), denn auch Kästners Geschichte schwelgt einerseits im Glamour der Grand-Hotel-Ära und legt andererseits kritisch die Erosion dieser Gesellschaft offen. "Ein Millionär muss doch repräsentieren!", raunt man, während der anthropologisch interessierte Tobler sich den Staub aus seinem Kostüm klopft.

Obwohl Kästner in Dresden immer Heimspiel hat (und unlängst mit "Klaus im Schrank" für ein volles Schauspielhaus gesorgt hat), ist der Erfolg der "Drei Männer" kein Selbstläufer, denn subtrahiert man Kästners lakonische Erzählstimme, bleibt auf der Bühne wenig mehr als eine Handvoll amüsanter Typen und vorhersehbarer Situationen. Insofern sind die "Drei Männer im Schnee" eigentlich Schnee von gestern: Im ersten Teil wird Verwirrung gestiftet, nach der Pause versöhnt und weggeheiratet, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das Ensemble besitzt freilich alle Qualitäten, um die Schablonen mit Leben zu füllen, und besteht die Feuerprobe (die zugleich ein Treffen der Generationen ist, bei dem der Nachwuchs etablierte Ensemblemitglieder zum komödiantischen Schlagabtausch fordert) mit Bravour. Ungeachtet der zahlreichen Liedeinlagen, die sich besonders im ersten Teil als dramaturgische Bremsklötze erweisen, funktioniert der Abend in seinen besten Augenblicken als heiter-beschwipste Nummernrevue mit beachtlichen Soli: Anna-Katharina Muck begeistert (in teils blitzschnellen Kostümwechseln) als begriffsstutzige Hausdame, als schmerbäuchiger Hoteldirektor sowie als Femme fatale; Ines Marie Westernströer holt sich als Skilehrer die Lacher, die ihre wenig substanzielle Rolle als verständige Tobler-Tochter Hilde nicht hergibt. Es ist halt, wie der Titel bereits klarmacht, ein Herrenabend, in dem sich Thomas Eisen (als Hagestolz Dr. Hagedorn - nur deshalb promoviert, "weil ich für meine Mutter in dem Jahr nichts anderes zu Weihnachten hatte"), Matthias Luckey (als personifizierte Herr-Knecht-Dialektik Johann) und natürlich der glänzend aufgelegte Ahmad Mesgarha als Tobler die Bälle zuspielen dürfen: Egal, ob die drei (von einem aufdringlichen Alphorn verfolgt) einen Brummschädel kurieren, ob Eisen liebestoll durch den Schnee jagt, Luckey einige Couplets singt oder Mesgarha in komischer Bedrängnis zwei Bier leert - das Publikum liegt ihrem hervorragenden Timing zu Füßen.

Die Regisseure Peter Jordan und Leonhard Koppelmann springen ihnen auf sympathisch hyperaktive Art bei, indem sie Kästners dünnem Handlungskorsett (in Ermangelung eines substanziellen Plots) kurzerhand alles überwerfen, was noch so in der Klamottenkiste herumhängt: Loriot-Zitate folgen auf Robert-Gernhardt-Verse, die Seilbahn wird zur Aufhängung für optische Gags, es gibt schmissig choreographierte Slapstick-, Travestie- und Musicaleinlagen (Choreographie: Katja Erfurth), und als bei den Proben jemand eine Hans-Moser-und-Theo-Lingen-Hommage unterbringen zu müssen glaubte, hatte auch keiner was dagegen.

Schunkelfinale mit Gassenhauern

Eine bloße Bagatelle für den Komödiantenstadl ist der Stoff, den Kästner ursprünglich als hartes Sozialdrama konzipiert hatte und später zum Prosa-Schwank ausformulierte, keineswegs - nicht zuletzt Christoph Schubigers Bühnenbild und die famosen Kostüme von Irène Favre de Lucascaz erinnern an Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" (2014), überdeutlich wird die dünkelhafte Hotel-Elite als proto-faschistischer Verbund vorgeführt, der vor keiner Schikane zurückschreckt, um unliebsame Elemente auszusieben. So ganz frei von Parallelen zum übergeschnappten, expansionswütigen Großreich ist auch der Konzern des charismatischen Tobler nicht - dieser bringt den Schwiegersohn in spe am Schluss in seiner Werbeabteilung unter, sozusagen als Allzweckwaffe im hauseigenen Propagandaministerium. Die Dramaturgie (Beret Evensen) arbeitet diesen Subtext gekonnt als braunen Matsch im Schneegestöber heraus - der von Sascha Göpel fabelhaft schurkisch angelegte Portier darf mit Bärtchen, Scheitel und strammer Gesinnung fröhlich vor sich hin-hitlern und mit Wiener Schmäh am Telefon "Anschluss nach Deutschland" verlangen, bei manchem Hotelgast zuckt zum Dauerrefrain "Ski Heil!" derart penetrant die rechte nach oben, dass Ahmed Mesgarhas Großkapitalist gar zum sympathischen Widerstandskämpfer avanciert, der nicht nur optisch ein wenig an Groucho Marx erinnert.

Dass sich die Inszenierung in letzter Instanz nicht traut, die Konventionen der Farce herauszufordern, die sie als Relikt der ebenso kunterbunten wie tiefbraunen Ufa-Jahre vorführen möchte, wird im großen Schunkelfinale mit Gassenhauern überdeutlich - schade, aber der Stimmung im Saal sicher nicht abträglich. Rein ironisch hat noch nie ein Publikum im Takt mitgeklatscht.

für die Vorstellungen bis einschließlich 7. Januar nur noch evtl. Restkarten an der Abendkasse www.staatsschauspiel-dresden.de

von Wieland Schwanebeck

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