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Das Societaetstheater Dresden wagt sich an Nicole Moellers "Fast perfekt" als deutschsprachige Erstaufführung

Das Societaetstheater Dresden wagt sich an Nicole Moellers "Fast perfekt" als deutschsprachige Erstaufführung

Sechs Jahre war sie verschwunden, ein Drittel ihres Lebens. Plötzlich taucht Chloe wieder auf, offenbar gegen ihren Willen entführt, doch unfähig oder unwillens, mit Polizei, Psychologen oder der eigenen Familie darüber zu reden.

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Chloe (Carolin Haupt) zwischen Tätern: dem Entführer (Felix C. Voigt, l.) und dem Boulevardjournalisten Greg (Alexander M. Schmidt).

Quelle: Detlef Ulbrich

Ihre Geschichte bleibt ohne Ort und Täter eine Legende, das selbstbewusste und gebildete Girlie zeigt zudem keines der üblichen Verhaltensmuster von Missbrauchsopfern und hat ihr Martyrium offenbar körperlich gesund überlebt.

Kein Zufall ist, dass Chloe (Carolin Haupt) in der Nähe ihres Elternhauses auf den Journalisten Greg (Alexander M. Schmidt) trifft, denn jener hat die Story von Anfang an verfolgt, das Schicksal des "Mirakelmädchens" hat ihn nie losgelassen. Und sie hat das Resultat seines Interesses gelesen und für gut befunden. Ihm würde sie mehr erzählen, aber nur unter ihren Regeln. Er jedoch muss 1500 Wörter pro Woche für seine Kolumne liefern - also mehr als doppelt so viele, wie diese Kritik hat. Keine leichtes Brot mit einer schlauen Göre, die Kraft ihrer Isolation auf strenges Einhalten der Bedingungen pocht und erst einmal nur die helle Seite ihrer Geschichte darbieten mag. Auf der anderen, der finsteren Seite von Greg lauert allerdings die Hure der Öffentlichkeit, befeuert vom Neid der Kollegen über den unerwarteten Scoop des blockierten Ex-Schriftstellers.

Die wichtigste Regel wird so zur Ausstiegshürde: das Schweigen über IHN. Also jenen Mathew (Felix C. Voigt), der das Mädchen sorgfältigst entführte, hegte, pflegte und quälte - letzteres über die Abhängigkeit und den Entzug von Sonne, Luft und anderen Menschen. Anfangs plant Mathew, geschädigt vom Selbstmord seiner Mutter, den sie eigens ihm widmete, nur 70 Tage für die Zwölfjährige. Angeblich zwecks Bestrafung deren Vaters, der Chloe, wie in der Bibliothek beobachtet, nicht genug achte und fördere. Doch davon ist am Ziel keine Rede mehr - so spielt er Papa, genießt die Macht und hält mühsam seine Gier in Griff. Ihr Gehorsam wird neben Selbstschutz auch zur Fluchtstrategie.

Das bekommt Greg nach und nach bei den Treffen in seiner Wohnung erzählt, aber bald langweilt es angeblich Leser wie Redaktion - diese wollen Gewalt, den Namen, aber zumindest Sex. Im Theater wird das Ganze als doppelte Annäherungsstory mit anfangs sechs Jahren Zeitunterschied serviert. Immer näher geraten die Erzählstränge aneinander, am Ende erzählt ein jeder seine Finalversion parallel dem Publikum, die Spannung steigt wie beim Tatort zum Finale enorm - und wird nicht gänzlich aufgelöst.

Auch sonst gehört die Quintessenz nicht verraten, sondern schlicht vor Ort genossen. Denn Regisseurin Constanze Kreusch - von 2003 bis 2006 als Hausregisseurin am Staatsschauspiel und vor zweieinhalb Jahren mit "Hornissenzeit" im Societaetstheater erfolgreich - gelingt es bei der deutschsprachigen Erstaufführung an gleicher Stelle ohne technischen Firlefanz, die Dreiergeschichte stilecht zu erzählen. Als Bühnenbild reichen eine dunkle, kahle Kelleroptik und 84 rote Kissen, die als unsichere Spielfläche, als Couch oder als Versteck genutzt werden können. Dahinter dient ein Haus des Nikolaus, gemalt mit Leim zum Anbringen der Zeitungsfetzen von Gregs Artikeln oder Cloes Tageszähler, als einzige Deko.

Beim Spiel bleiben - ganz im Sinne der Geschichte - alle drei Figuren unbeschädigt: Sie sind authentische Folge ihrer Entwicklung und einer asozialen Umwelt. Den zerrissenen Sozialnomaden Mathew spielt der behende Felix C. Voigt beeindruckend beängstigend. Ebenso souverän gibt Alexander M. Schmidt den kräftigen, unbekannten Widerpart, dem nichts mehr wert ist als des Täters mediale Kreuzigung. Ihm ist der Beruf letztlich sogar wichtiger als das ihm entgleitende Schicksal und die wachsende Zuneigung des Mädchens.

Zwischen beiden glänzt Carolin Haupt als Chloe. Sie muss beide Geschichten, oft parallel in Kreuzdialogen, erzählen. Geschickt wandelt sie dabei zwischen Reaktion und Aktion und sich selbst vom unschuldigen Mädchen zur erwachsenen, erwartungsfrohen Frau, die auch in Freiheit bitter enttäuscht wird.

Star des Abends ist aber der subtile Text der jungen Kanadierin Nicole Moeller (von Gerda Poschmann-Reichenau übersetzt), die sich auf die Grundkonstellation von Natascha Kampuschs Tragödie beruft, diese allerdings von Wien gen Toronto verlegt und um einige Details verändert. Geschickt lässt sie offen, wie weit die beiden Annäherungen wirklich gehen, und bewahrt Opfern wie Tätern eine gewisse Würde.

Selbst die Verortung des herben Boulevardjournalisten geschieht nicht mittels dumpfer moralischer Kategorien - auch dessen Handeln wird unter dem Einfluss von äußeren Zwängen geschildert. So gelingt eindrückliches, zeitgemäßes, kluges Theater.

Wieder im Societaetstheater Dresden am 28. März, am 17. und 18. April sowie 2. und 4. Mai, jeweils 20 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.03.2014

Andreas Herrmann

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