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Das Sinfonische Orchester Hoyerswerda feiert nicht ganz sorgenfrei sein Fünfzigjähriges

Das Sinfonische Orchester Hoyerswerda feiert nicht ganz sorgenfrei sein Fünfzigjähriges

Wenn im August die Karten für das Silvesterkonzert in der Lausitzhalle Hoyerswerda verkauft werden, stehen die ersten Interessenten schon bei Sonnenaufgang Schlange.

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Lutz Michlenz - ein Phänomen. Der heute 76-Jährige dirigierte nahezu sämtliche Konzerte dieser 50 Jahre.

Quelle: PR

11 Uhr sind alle rund 800 Karten verkauft. Was ist das für ein weltbekanntes Orchester, das hier gastiert und für das die Fans immerhin 28 Euro je Karte zahlen? "Sinfonisches Orchester Hoyerswerda e.V." nennt es sich weiterhin bescheiden im Vergleich zu den vielen ambitionierten Mini-Philharmonien, die auch im Amateurbereich blühen. Denn es handelt sich im Wesentlichen um ein Laienorchester, auch wenn es sich am Sonnabend zum Jubiläumskonzert an Mahlers Erste wagt. Mit acht Hörner, wie es sich gehört.

An diesem Wochenende feiert das Orchester sein 50-jähriges Bestehen mit einem Konzert in der Lausitzhalle und einer anschließenden großen Fete mit voraussichtlich 220 Gästen, vor allem ehemalige Mitglieder. "Seit zweieinhalb Jahren arbeiten wir darauf hin", sagt Vorstandsvorsitzende Christiane Vogel vom zweiten Pult der ersten Geigen. An der 146-seitigen Festschrift hat vor allem Chronistin Angelika Ashauer großen Anteil. Und für das Jubiläumskonzert, in dem noch Respighi, Elgar und Sarasate erklingen, haben die Mitglieder zuletzt vier Probenwochenenden und in dieser Woche nahezu tägliche Proben in Kauf genommen. Der weitgereisteste Ehemalige aus Offenbach bewältigte für die Ehre seines Mitwirkens 3000 Autokilometer!

Rechnet man zurück, so fiel das Gründungsjahr 1962 in die Zeit der wilden Expansion des alten Hoyerswerda. Zeit der Kohle, Brigitte-Reimann-Zeit, die Zeit, in der ein WK nach dem anderen in der Neustadt emporschoss. So viel Enthusiasmus und Aufbruchstimmung auch zu spüren waren, "so schmal war im Gegensatz der Kulturkalender gestrickt", schreibt die Festschrift. 1962 wurde deshalb die Musikschule gegründet und mit ihr ein Jugendorchester. Parallel dazu entstand ein "Orchester der Werktätigen" in kammermusikalischer Besetzung.

"Die Musikschule bildete gezielt Orchesterinstrumentalisten aus", erinnert sich Angelika Ashauer. Sie selbst erlernte deshalb Geige statt des ursprünglich vorgesehenen Akkordeons. Nach fünf Jahren war der Nachwuchs so stark, dass die beiden Orchester zu einer sinfonischen Besetzung vereint werden konnten. Von der Zäsur, dem Sprung, den der Umzug in die 1984 eröffnete Lausitzhalle bedeutete, schwärmt Angelika Ashauer noch heute. Bei den Hoyerswerdaer Musiktagen war man seit 1966 regelmäßig dabei, aber "plötzlich ein Riesenpublikum" und auch qualitativ ein Satz nach vorn. Denn auch die Ansprüche an sich selbst wuchsen beständig. Uraufführungen, sorbische Musik, gar eine Rock-Sinfonie erweiterten das Repertoire.

Die Älteren und vor allem der bis heute am Dirgentenpult aktive "Urvater" Lutz Michlenz sind nach wenigen Sätzen auch beim Dank an den damaligen FDGB, den Gewerkschaftsbund der DDR. Der trug viele Auslagen und bezahlte die einwöchigen Probenlager. Wie es dort vor allem nach den Proben zuging, können junge Leute kaum noch erfassen, die das Feiern verlernt haben. Es gibt jedenfalls auch ein orchestereigenes Stimmungsliederbuch, zum Jubiläum werden etliche "Volkskunst"-Einlagen erwartet.

Lutz Michlenz - ein Phänomen. Der heute 76-jährige Geigenlehrer dirigierte nahezu ausschließlich sämtliche Konzerte dieser 50 Jahre. Der Typ des bärbeißig Sympathischen, der geborene Feind des Orchesters, der es zugleich liebt und hasst. Ja, nickt er, das könnte so stimmen. Bis heute wirkt er vitaler und vor allem mit einem großen Herzen dabei, als es seine drei Bypässe erwarten ließen. "Dieser Haufen hier hält mich fit", brummelt er. Er wolle die DDR und ihre hohen Kulturausgaben nicht unbedingt verklären, sagt er, aber sein schwerster Kummer hängt schon mit der Entwicklung nach 1990 zusammen. Die Musikschule bildet nicht mehr so anspruchsvoll und gezielt aus, "alles muss nur noch Spaß machen". "Dauernd fehlt einer", schildert Michlenz die Besetzungssorgen, Honorarkräfte müssen ran, an den ersten Pulten manchmal Profis auch aus Dresden. Die Abwanderung aus Hoyerswerda tat ein Übriges.

Dennoch ist das als Verein organisierte Orchester faktisch der städtische Klangkörper, ergänzt das Angebot der Lausitz-Philharmonie. "Die Leute lieben uns und wollen uns hören", stellt Vereinschefin Christiane Vogel fest, obschon auch sie die Sorgen kennt. Für die oft als Kultur-Diaspora verkannte Lausitzregion bleibt das Hoyerswerdaer Orchester jedenfalls eine wichtige Institution. Michael Bartsch

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.05.2012

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