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Das Schranzenvolk von Dresdnern - Jean Paul in der Elbestadt

Das Schranzenvolk von Dresdnern - Jean Paul in der Elbestadt

"Gestern kam ich an", schrieb Jean Paul am 16. Mai 1798 seinem Freund Christian Otto aus Dresden, "daher will ich dir heute noch nichts über den Dresdener Flor, Verfal, Populazion und Moralität schreiben".

Schon einen Tag später aber hat er den "Abgussaal" der Antikensammlung besucht und war begeistert: "So oft ich künftig über große oder schöne Gegenstände schreibe, werden diese Götter vor mich treten und mir die Gesetze der Schönheit geben". Gekommen war er aus Leipzig, wohin er Ende Oktober 1797 gezogen war, und in Begleitung von Emilie von Berlepsch, einer Schriftstellerin und frühen Verfechterin von Frauenrechten, der er ein paar Monate zuvor ein Eheversprechen gegeben und gleich wieder zurückgezogen hatte. Die ersten Romane "Die unsichtbare Loge" und "Hesperus" waren erschienen, sein literarischer Stern begann zu steigen, besonders unter den Leserinnen war er beliebt.

In Dresden traf er sich auf der Buchmesse mit seinem Berliner Verleger Carl Matzdorff und arbeitete an seinem Romanprojekt "Titan", berichtete seinem Freund vom Besuch der Bildergalerie und des Naturalienkabinetts. Angetan war er von der Landschaft, der Elbe und ihrer Brücke, den Palästen der Stadt, unternahm auch Ausflüge nach Königstein, wo "die Welt wie um einen Thron liegt", und in den Plauenschen Grund, er war "vergnügt, aber nicht außer mir". In der katholischen Hofkirche sah er "die fürstliche heilige Familie nebst dem plattgedrückten Hoftroß" und knirschte seine "demokratischen Zähne" über "das gekrümmte Schranzenvolk von Dresdnern, die nicht schön, nicht edel, nicht lesbegierig, nicht kunstbegierig sind, sondern nur höflich". Danach ging es zurück nach Leipzig, er habe viele Bekanntschaften gemacht, schrieb er, aber keine von Bedeutung. Emilie von Berlepsch aber fand als emanzipierte Gräfin Linda de Romeiro Eingang in den "Titan".

"Geliebt wurd'ich von vielen"

Die zweite, längere Dresden-Reise ist datiert vom 2. Mai bis 15. Juni 1822. Dreieinhalb Tage brauchte er von Bayreuth. Es muss ein triumphaler Empfang für den schon erkrankten Dichter gewesen sein, doch "in mein altes Herz kann kein Frühling voriger Zeit mehr kommen". "Geliebt wurd' ich von vielen", würde er nach seiner Rückkehr an Heinrich Voß schreiben, "daß meine 5 Wochen nicht hinreichten zu fremder und meiner Befriedigung - sogar von den Almanachdichtern allda ohne Eifersucht und vollends von den Weibern, die mir am Morgen Blumen und Kränze brachten und Abends jene von meiner Rockklappe wieder holten". Während des Besuches, bei dem er an zahlreiche Tafeln geladen wurde, traf er unter anderem Ludwig Tieck, Elisabeth von der Recke, Christoph August Tiedge, Helmina von Chézy und Carl Maria von Weber, wurde von Carl Christian Vogel von Vogelstein porträtiert. Auch seinen Neffen Richard Otto Spazier lernte er kennen, da die Schwester seiner Frau in Dresden wohnte und ein "Lenzhäuschen" in der Nähe des Japanischen Palais für ihn gemietet hatte.

Wieder war er von der Stadt und ihrer Umgebung begeistert. "Die Luftörter übertreffen an Aussichten alle deutsche. Die Brühlsche Terrasse abends mit ihren Lichtern und Gebirgen und der Brücke und Elbe gab mir einmal eine Stunde der inneren Verklärung, die ich seit vielen Jahren ... umsonst gesucht". Dennoch, "wohnen möchte ich doch nicht hier".

Was vielleicht auch an den Dresdnern liegt, denen er, wie schon beim ersten Besuch, mit Skepsis begegnete. "Alles ist hier gefällig bis zum Volk der Soldaten herab; du findest das militärische Grobgeschütz bayrischer Offiziere hier nicht. Indes herrscht hier in Freude, Kraft, Schönheit und Talent ein gewisses Mittelmaß und Mittelgut". Oder sollte es am Bier gelegen haben? Ein durchaus wichtiger Standortfaktor für einen Mann, der sich auf seinen Reisen schon mal ein Fässchen des geliebten Getränks aus der Heimat kommen ließ. "Das hiesige bairische Bier verhält sich zu unserem bairischen, wie der sächsische Landtag zum bairischen", notierte er im Tagebuch.

Zurück in Bayreuth schrieb er für Zeitungen wohlwollende Beiträge über seinen Dresden-Aufenthalt. Von allmählicher Erblindung behindert, fiel ihm die Arbeit aber nun zunehmend schwer, so dass der Neffe aus Dresden im Oktober 1825 anreiste, um den Dichter zu unterstützen. Viel Zeit aber blieb nicht mehr, am 14. November starb Jean Paul.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2013

Jens Wonneberger

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