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Das Schöne im Vergänglichen - Eine Offenburgerin präsentiert in Dresden eine Tür

Das Schöne im Vergänglichen - Eine Offenburgerin präsentiert in Dresden eine Tür

Die Künstlerin Anna Higgs lebt zwar schon seit Jahrzehnten in Baden-Württemberg, ist aber von ihrer Heimat Dresden nie losgekommen. Ein bisschen ist es so, als wäre sie im falschen Körper.

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Anna Higgs und die Graffiti-Tür.

Quelle: Amac Garbe

Sprachlich badensert sie zwar ordentlich, innen drin aber lebt eine überzeugte Dresdnerin, die mehrmals im Jahr eine Dosis Heimatluft braucht. Ihr Autokennzeichen ist OG-DD. Sie hätte es gern umgekehrt. Gerade fuhr sie mit einem 1,40 Meter hohen Ölgemälde, auf dem eine mit Graffiti vollgesprühte Holztür abgebildet ist, im Kofferraum nach Dresden. Um eine marode Schönheit zu dokumentieren, die es in ihrer Stadt nicht mehr gibt.

Sie mag, dass sich diese Art der Kunst immer verändert und so viel über den Menschen dahinter aussagt.

Während man selbst in der nahezu durchsanierten Neustadt noch jede Menge Tags, Schablonen- und andere Straßenkunstwerke findet, muss man in Higgs zweiter Heimat Offenburg offenbar danach suchen. "Die Jugendlichen bei uns sind vorsichtig. Sie besprühen zwar offizielle Flächen, aber das, was sie wirklich ausdrücken wollen, ist da nicht zu sehen." Anders sei das in Städten wie Dresden oder Berlin. Auch das Originalmotiv ihrer Graffiti-Tür steht irgendwo in der deutschen Hauptstadt. Sie hat vergessen, in welchem Stadtteil, in welcher Straße sie das Foto schoss. Sie weiß aber noch, dass da jetzt auch noch ein Verkehrsschild und Schuhe drüber hängen. Sie mag, dass sich diese Art der Kunst immer verändert und so viel über den Menschen dahinter aussagt. "Graffiti sind Selbstportraits, ohne dass der Verfasser zu sehen ist. Diese Türen sind mit Barcodes vergleichbar. Sie enthalten Informationen und sind, abgesehen von der Sachbeschädigung, wahnsinnig interessant. Da steckt Zeitgeschichte drin, ständig kommt was Neues dazu oder wird übermalt, man kann darin lesen wie in einem Buch."

Es geht ihr um den Abstand zwischen Vergangenem und Jetztwirklichkeit, wie sie es nennt. Und um Reaktionen. Also stellt sie ihr Gemälde von der Graffititür an Orten auf, wo es möglichst unpassend ist, zum Beispiel da, wo die verwitterte Tür auf dicken Prunk stößt. Sie beginnt vorm Hotel Kempinski. Aber mit nur 1,40 Meter Höhe passt das Gemälde in keine Tür des Taschenbergpalais, also stellt sie es auf ein Fensterbrett, wo es die Sicht auf sündhaft teuren Schmuck versperrt. Scheinbar genau deshalb beginnen sich Vorbeilaufende für den Schmuck zu interessieren und rücken an dem Bild herum. Viel mehr geschieht nicht.

Nächster Halt ist der Kulturpalast. Der hat zwar keinen Prunk zu bieten, dafür aber eine Stahltür, die vor sozialistischer Ehrfurcht strammzustehen scheint, was die kleine Graffiti-Tür ein bisschen verloren wirken lässt. Ein junges Touristenpärchen findet sie entsprechend unpassend. Aber auch, dass Türen ein Haus verwandeln können. Immerhin. Weiter geht's zur Kreuzkirche, und da stänkert das Bild dann richtig. So ziemlich jeder rümpft die Nase. Eine Kirche und Graffiti? Nein, das geht doch nicht! Mittlerweile hat Higgs auch ihre Fragetechnik verfeinert und will von den Passanten wissen, was das Bild mit ihnen macht. "Warum löst das bei Ihnen Unbehagen aus? Liegt es daran, dass es die Urangst vom eigenen Verfall anspricht?" So richtig darauf eingehen will niemand, am häufigsten fallen die Worte "heruntergekommen", "verlassen", "lieblos" und "Geschmiere". Ein Mann von vielleicht 40 Jahren sagt, es erinnere ihn an Berlin-Neukölln. Mit diesem Gefühl dürfte er sehr nah an der Wahrheit dran sein.

Weil Wind aufkommt und es vielleicht noch regnet, tritt Higgs den Rückweg in die Neustadt an, in ein Viertel also, in dem der Kontrast zwischen gemalten und vorhandenen Türen nicht so groß ist. Einen letzten Versuch unternimmt sie noch und stellt ihr Bild vor Pfunds Molkerei auf. Nun behauptet sie, es gäbe Pläne, die schicke Eingangstür zu ersetzen. Eine Gruppe indischer Touristen überfordert diese Vorstellung. Einer sagt schließlich, dass er es mag, weil es anders ist. Die Reiseleiterin ist aus Dresden und sieht keinen Sinn darin. "Es gibt ja noch genügend Gegenden, die so aussehen. Ich gehe mit meinen Gästen lieber dahin, wo es schön ist." Das Schöne im Vergänglichen, im Verwitterten, es will heute niemand erkennen. Doch auch das ist Teil dieser Kunstaktion, für Higgs trauen sich die Leute eben nur nicht so richtig ans emotional Eingemachte. Sie dagegen setze sich gern mit allem Möglichen auseinander und habe keine Angst vor neuen, möglicherweise unsicheren Situationen. Außerdem sei sie glücklich, wenn sie malen könne, "auch wenn das keine gute Rente abwerfen wird."

Anna Higgs heißt eigentlich Anna Steinacker. Sie ist ein Republikflüchtling wider Willen. Ihre Familie packt heimlich und verschwindet gen Westen, da ist sie 14 Jahre alt. Von heute auf morgen verliert sie ihre Freunde, ihre Mitschüler und ihr geliebtes Dresden. "Vielleicht ist dieses abrupte Ende ein Grund dafür, dass ich mich so verwurzelt fühle in dieser Stadt." Die Wurzeln ziehen sie noch zu DDR-Zeiten zurück, bevor sie mit 20 Jahren dann ein zweites Mal abhaut. Vielmehr will sie nicht sagen, will keine alten Wunden aufreißen. Sie hat jedenfalls an der HfBK mit dem Kunststudium angefangen und es Jahre später in Basel zu Ende gebracht. Sie lebt, liebt und arbeitet im Westen Deutschlands, aber Dresden bleibt ihr Sehnsuchtsort.

Wenn sie jetzt zu Besuch ins Elbtal kommt, schaut sie sich alles ganz genau an. Sie fotografiert, dokumentiert und fügt so viele kleine Teile zu einem Bild zusammen, das sie überall hin mitnehmen kann. Wären da nicht ihre drei Kinder und mittlerweile auch Enkel in Offenburg, für die Dresden nicht viel mehr ist als eine schöne Stadt im Osten, sie wäre längst wieder hier. Hier, in der Frauenkirche, heiratet sie am 12.12. 2012 Ehemann Nummer zwei. Für das symbolische Glück muss die gesamte Familie mitten in der Woche im Schneesturm quer durch Deutschland düsen. Immer wieder Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.09.2013

Juliane Hanka

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