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Das Publikum im Klavierkasten - Nils Frahm auf Hausbesuch im Societaetstheater

Das Publikum im Klavierkasten - Nils Frahm auf Hausbesuch im Societaetstheater

Wenn der Pianist Nils Frahm im Societaetstheater auftritt, ist es so, als spiele er im eigenen Wohnzimmer. Viermal war er bereits da, immer kamen ein paar mehr Zuhörer.

Nun ist der Platz ausgereizt, der Künstler selbst vermutet, er müsse das nächste Mal irgendwo anders spielen. Die Intimität und die Akustik, sie werden fehlen, wenn er tatsächlich in ein größeres Konzerthaus wechseln müsste.

Und weil der 30-jährige Wahlberliner Frahm, wie in deutschen Pressetexten immer wieder betont wird, von Nahum Brodski, dem letzten Schüler Tschaikowskis, musikalisch erzogen wurde (im englischsprachigen Material war Brodski immerhin noch der Schüler vom letzten Schüler von Tschaikowski, der 1893 starb), hört man ihm die klassische Ausbildung an. Seine Stücke sind viel mehr Kompositionen als Songs. Minutenlang bauen sich dramatische Stimmungen auf, ganz zärtlich streicht er über die Tasten eines alten Klaviers, als könnten sie seine Gefühle annehmen. Er beginnt mit dem minutenlangen Akkordanschlag von "Said and Done" (vom Album "The Bells", 2009, Erased Tapes/Indigo). Dann wirbelt er auf seinem Hocker um 90 Grad nach links und spielt auf seinem digitalen Yamaha-Piano weiter, lässt die Ruhe hinter sich, wirbelt mit gespreizten Fingern über die Tasten und hämmert immer mal wieder drauf ein, freilich nie ohne eine gewisse Gesamtharmonie aus den Augen zu verlieren.

Frahm wechselt insgesamt zwischen drei Instrumenten, mit dem dritten verzerrt er den Sound und lässt hinter den angeschlagenen Tönen elektronisches Rauschen und später auch noch Nebelschwaden aufziehen. Die minimale, aber effektive Beleuchtung aus dem Hintergrund und mit zwei Glühlämpchen über seinem Kopf, sie sorgte für eine Atmosphäre wie in einer dunklen Kammer, in die das schräge Sonnenlicht des Abends einzudringen versucht. Intimer geht kaum. Zum Abschied noch ein leises Stück aus seiner 2009 erschienenen Dreier-EP "Wintermusik", welches vermag die Rezensentin nicht zu sagen und rechtfertigt sich mit der Aussage des Künstlers, er wisse selber auch nicht so genau, wie welches Stück heiße.

Besonders weit weg vom Musikerlebnis waren die Zuhörer vermutlich noch nie bei Frahms Konzerten. Aber bei seinem aktuellen Auftritt setzte er sie beinahe in den Klavierkasten. Dem analogen Instrument wurde mit mindestens vier Mikrophonen auch das leiseste Knarzen im Gehäuse abgenommen, jede angeschlagene Saite hallte dumpf nach. Für sein aktuelles Album erfand er diese gedämpfte Form des Musizierens. Der Titel deutet sowohl die Auseinandersetzung mit seinen Gefühlen (engl.: "fühlte") wie auch die mit seinen Nachbarn an, denn um diese nicht zu stören − so geht die andere Geschichte, die über Nils Frahm geschrieben wird − legte er Filzstoff (engl.: "felt") unter das Piano, damit er auch nachts musizieren konnte.

Nils Frahm gründete 2008 das Durton Studio in Berlin, auf dem auch die Künstlerkollegen Peter Broderick oder Ólafur Arnalds veröffentlichen. Mit Letzterem teilt er sich auf der aktuellen Tour ab und zu die Bühne, in Dresden haben sich ihre Termine allerdings nicht vereint. Dennoch fand Frahm kurzzeitig Bühnenbegleitung. Auf Nachfrage meldete sich eine junge Frau im Publikum, um "ein paar B-Molls" zu spielen. Sie entpuppte sich als würdige Partnerin und improvisierte zu der Musik ihres um 90 Grad versetzen Hockerpartners. Viel Beifall am Ende und eine lange Schlange an der Bühne zu Merchandise und einem möglichen Gespräch mit dem sympathischen Musiker. Wer die Augen auch mal auf den Boden richtete, der konnte übrigens erkennen, dass Frahms schwarze Sambas von Adidas links und rechts drei weiße Klaviertasten zierten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.03.2012

Juliane Hanka

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