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Das Phänomen Gewalt: Ausstellung im neu eröffneten Militärhistorischen Museum erzählt auch von den Opfern der Kriege

Das Phänomen Gewalt: Ausstellung im neu eröffneten Militärhistorischen Museum erzählt auch von den Opfern der Kriege

Dein Vater ist im Krieg. Deine Mutter ist im Pommerland. Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg.

Maikäfer flieg.

Dein Vater ist im Krieg.

Deine Mutter ist im Pommerland.

Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg!

Oben in 30 Metern Höhe stehen und dieses Kinderlied summen. Ausgerechnet auf dieser Spitze. Sie zeigt einen der schönsten Blicke auf die Altstadt von Dresden, aber auch den auf das Ostragehege.

Unausbleiblich geht der Blick genau dorthin, wo am 13. Februar 1945 die Alliierten die ersten Leuchtbomben abgeworfen haben. Ausgerechnet an diesem Ort fällt einem dieses Kinderlied ein. Es wundert nicht. Wer sich Zeit nimmt für das Militärhistorische Museum der Bundeswehr, wer sich auf diesen von Daniel Libeskind entworfenen Neubau einlässt, der nimmt nicht nur den gewaltigen Keil wahr, der die alte neoklassizistische Fassade mit seinem Metallgitter durchschlägt, der stellt auch unweigerlich fest, dass von den Kuratoren und Ausstellungsmachern an diesem Ort etwas gewagt wird.

Der keilförmige Neubau ähnelt nicht dem Musée de l'Armée in Paris, dem Imperial War Museum in London oder dem Militärmuseum der chinesischen Volksrevolution in Peking. Er zeigt zwar polierte Säbel, Kartätschen und Bajonette, Orden 1. und 2. Klasse, auf Bügelfalte geglättete Uniformen und auch Kanonen, Panzer, Bomben und Raketen, doch wer glaubt, dass der Militaria-Freund und Waffennarr hier auf seine Kosten kommt, der irrt.

Dafür ist das Schockprogramm viel zu groß. Der Besucher wird mit seinem eigenen Aggressionspotenzial konfrontiert. Ängste werden hervorgerufen, Erschrecken, Beklemmung, Enge. Verstörende Dinge sieht, hört, riecht und erlebt man hier: Den Verwesungsgeruch in Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die Grabplatte des 1941 gefallenen vierundzwanzigjährigen Gefreiten Alois Gebert, ca. 150 Splitter einer explodierten Sprenggranate einer tschechischen Flugabwehrkanone. Eine ausgestopfte Katze erinnert an den qualvollen Tod der Tiere, die 1943/44 an der Erprobung des Kampfmittels "Phosgen" starben. Man sieht das Kriegspuppenhaus der Londonerin Faith Eaton - das Mädchen hatte Grasbettchen für seine Puppenkinder aufgestellt und die Fenster verdunkelt, sieht den Gesellschaftsanzug mit Blutspuren von Generalmajor Hans Hoster, getragen am Abend des Bombenanschlags auf das Joint Headquarters Rheindahlen, die Beinprothesen eines 14-jährigen kambodschanischen Jungen, der auf eine Mine getreten ist, oder den ISAF-Wolf der Bundeswehr, der am 27. November 2004 bei einem Anschlag in Kunduz beschädigt wurde. In diesem leichten LKW haben zu dem Zeitpunkt drei Insassen gesessen. Sie alle wurden schwer verletzt.

Dieses Museum erklärt Militärgeschichte nicht wie anderswo mit einem gewaltigen Säbelrasseln, sondern macht vor allem eins deutlich: Krieg heißt immer und immer Gewalt. Gewalt, die sich gegen Mensch und Tier richtet. Gewalt wird im größten Geschichtsmuseum als ein historisches, kulturelles und anthropologisches Phänomen begriffen. Das ist die große Leistung der Historiker und Kuratoren um Gorch Pieken und Matthias Roog, das macht das Militärhistorische Museum der Bundeswehr zu einem weltweit einmaligen Ereignis.

Doch der Reihe nach. Der Blick auf den Anfang würdigt die Leistung umso mehr. Das schlossartige Arsenal in der Dresdner Albertstadt dient seit 1897 als Museum. Erst als Königliche Arsenal-Sammlung, die 1914 in das Königlich Sächsische Armeemuseum überging, dann als Heeresmuseum der Wehrmacht. 1972 änderte es wieder seinen Namen: Diesmal wurde es der Öffentlichkeit als Armeemuseum der DDR vorgestellt. Inhaltlich hielt man sich dogmatisch an die Vorgaben der sozialistischen Geschichtsauffassung, war von Klassenkampf und dem Sieg der kommunistischen Gesellschaft die Rede. Das NVA-Museum war nicht frei von Schwarz-Weiß-Denken, von ideologischer Verfälschung der Geschichte. Differenzierung und kritisches Hinterfragen waren nicht erwünscht.

Es war klar, dass mit dem Fall der Mauer sich auch für das NVA-Museum der DDR die Frage nach einem neuen Standpunkt stellte. Den ersten Schritt dazu vollzog man am 1. März 1990 mit der erneuten Namensänderung: Militärhistorisches Museum Dresden. Wenig später schon bekannte sich die Bundeswehr zu diesem Bau. 1994 wurden mit einer vom Verteidigungsminister verabschiedeten Konzeption für das Museumswesen der Bundeswehr die weiteren Weichen für den Neubau dieses traditionsträchtigen Hauses gestellt.

Heute - nach 17 Jahren - kann man konstatieren: Das Museum hat sich geradezu neu erfunden. Es präsentiert sich als zwei Museen unter einem Dach: Es gibt einen klassischen Teil im Altbau. In den Sälen mit den schlichten gusseisernen Säulen finden sich 700 Jahre Militärgeschichte streng chronologisch gearbeitet, vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart. Hier trifft man Judith mit dem Haupt des Holofernes, den achtjährigen Dauphin de France im Kerker, das menschliche Schädeldach mit einer Hiebverletzung im Stirnbeinbereich von 1861 und den Teppich aus 288 zusammengenähten Schulterklappen deutscher Regimenter von 1900, den Mantel von Hermann Göring und gleichzeitig die 60 Schuhe aus dem Vernichtungslager Majdanek. Oder auch die Single mit den Originalaufnahmen aus Elvis Presleys Film "G.I.Blues" von 1960 sowie das zwischen 1969 bis 1983 genutzte NVA-Paradefahrzeug "Repräsentant" und die Armbanduhr Casio G-Schock, getragen von Hauptfeldwebel Stefan Deutschl während des Anschlags eines Selbstmordtäters in Afghanistan am 14. November 2005. Der zweifache Familienvater verlor an diesem Tag beide Beine.

Man ahnt es schon bei dieser Aufzählung: Dem Team um den Wissenschaftlichen Leiter des Museums Gorch Pieken und Museumsdirektor Matthias Roog geht es nicht um die museale Präsenz der Exponate, nicht um Glamour, noch weniger um Verherrlichung des Militärs. Sie setzen auf Konfrontation. Sie erzählen das Kriegshandwerk aus der Perspektive der Opfer, zeigen so immer auch die verheerenden Kriegsfolgen.

Und es gibt das zweite Museum - in dem markanten Neubau von Daniel Libeskind. Man ist verführt zu sagen, es ist das Antikriegsmuseum, obwohl es nicht die Intention der Kuratoren ist. Hier finden sich die Themenparcours: Zwölf Ausstellungsbereiche nicht nach Zeittafeln chronologisch sortiert, dafür aber nach dem Prinzip der verschiedenen Perspektiven auf ein und dasselbe Thema blickend. Die Inszenierungsstrategie geht auf. Themen wie "Krieg und Gedächtnis", "Schutz und Zerstörung", "Politik und Gewalt" oder "Krieg und Spiel" zwingen einen zum Innehalten, zum Mutigsein, auch sich selbst gegenüber.

Ein unbedingter Grund dafür ist die Architektur. Wie im Jüdischen Museum in Berlin setzt Libeskind auf haushohe Betonschächte, beengte Räume, schiefe Betoneinbauten, schräge Geometrien und vertikale Schluchten. Hier wird der Macht der Bilder vertraut, der Kraft der Installationen. Und wie in Berlin funktioniert es auf verblüffende Art und Weise. Der Libeskind-Keil ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, besonders aber auch für die Ausstellungsgestalter der Architekturbüros HG Merz aus Stuttgart und Holzer Kobler aus Zürich. Ihre dreidimensionalen Installationen sind außergewöhnlich, bewegend, anrührend, überwältigend.

Nur um ein Beispiel zu nennen, sei die Arbeit Geschosshagel erwähnt. Dieser Hagel erstreckt sich über mehrere Etagen des Neubaus. Projektile, Bomben und Raketen aus 23 verschiedenen Waffen - von der sowjetischen Werfergranate bis hin zur Abwehrlenkwaffe der Bundeswehr und zur ebenso hässlichen wie zerstörerischen US-Kurzstreckenatomrakete "Honest John". Sie alle werden von unsichtbaren Seilen gehalten. Ihr Ziel aber ist der Betrachter, auf ihn stürzen sie zu, ihn werden sie vernichten, eine bedrohliche Vorstellung. Dieser Geschosshagel erzählt noch etwas. Er zielt auch auf einige "Ein-Mann-Bunker" im Erdgeschoss. Deutlicher aber kann man es nicht illustrieren: Das Missverhältnis von Vernichtungskraft und Schutzmöglichkeit im Nuklearzeitalter - es ist nicht zu übersehen.

Spätestens aber hier kommt man nicht daran vorbei, sich selbst zu überprüfen, in Frage zu stellen, spätestens hier kann man nicht anders, als seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Spätestens jetzt will man auch wissen, wie reagieren Mütter und Väter auf diese Ausstellung, die ihre Söhne in Afghanistan und anderswo im Kampf wissen, wie verhalten sich Soldaten, wenn sie auf besonders bedrückende Exponate stoßen, wenn sie mit dem Tod auf dem Feld so überdeutlich konfrontiert werden? Gehorchen sie dann immer noch ihren Vorgesetzten oder gehen sie zurück in ihre Familien? Dass die Bundeswehr solche Fragen zulässt, ist ein Wagnis, das man am wenigsten von ihr erwartet hätte. Dass sie es noch dazu mit Bravour gemeistert hat, das ist einfach nur groß.

Berichte über das Museum auch in www.dnn-online.de

Die Schau zeigt auf rund 13000 Quadratmetern mehr als 10 500 Exponate.

Öffnungszeiten: Heute bis Dienstag (18.10.) verlängerte Öffnungszeiten: jeweils 10 bis 21 Uhr

Danach: Mo 10-21 Uhr, Di, Do-So 10-18 Uhr. Mi geschlossen

Eintritt: Bis Anfang 2012 frei.

Umfangreiches Veranstaltungsprogramm in der Eröffnungswoche

Überblicksführungen bei einer Mindestteilnehmerzahl von drei Personen ohne Voranmeldung montags, dienstags und donnerstags 14 Uhr sowie sonnabends und sonntags 12 und 14 Uhr. Weitere thematische Führungen werden angeboten, hier ist Voranmeldung notwendig.

www.mhmbw.de

Publikationen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.10.2011

Adina Rieckmann

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