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Das Nordwind-Festival sorgt für reichlich Turbulenzen und Irritationen

Festspielhaus Hellerau Das Nordwind-Festival sorgt für reichlich Turbulenzen und Irritationen

Mit der sechsten Auflage vom Festival "Nordwind", das derzeit zwischen den Stationen Berlin, Bern und Hamburg auch im Festspielhaus Hellerau für Turbulenzen in jeglicher Hinsicht sorgt, lassen sich eh schon kalte Luftströme assoziieren.

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Erna Òmarsdóttir und Valdimar Jóhansson in ihrer Performance "A Lecture on Borderline Musicals".

Quelle: Jeaneen Lund

Dresden. Mit der sechsten Auflage vom Festival "Nordwind", das derzeit zwischen den Stationen Berlin, Bern und Hamburg auch im Festspielhaus Hellerau für Turbulenzen in jeglicher Hinsicht sorgt, lassen sich eh schon kalte Luftströme assoziieren. Quasi passend zur Jahreszeit. Doch tatsächlich herrscht da ebenso in den Innenräumen des Hauses zuweilen ein eher raues, fröstelndes Klima vor, wenn Künstler des Nordens auf ihre Weise für Überraschungen sorgen.

Man liebt sie oder man liebt sie nicht, diese Erna Ómarsdóttir aus Island, die gleich mit drei unterschiedlichen wie auch miteinander korrespondierenden Aufführungen das Festival mächtig und gewaltig eingeläutet hat. Sie ist eine Grenzgängerin, ein Urgewitter, eine, die scheinbar harmlos säuselt und tänzelt, um im nächsten Moment mit Leib und Seele aufzubegehren, mit Urlauten abzutauchen in die tiefsten Tiefen des Kreatürlichen. Da braucht es tatsächlich die dreifache Erfahrung, um sie wenigstens in Ansätzen erfassen zu können, um zu begreifen, dass das Maßlose ebenso zu ihr gehört wie ein differenziertes Spiel mit der Harmlosigkeit.

Die 2009 in Australien entstandene und 20015 mit der Iceland Dance Company (Reykjavik) neu überarbeitete Produktion "Black Marrow" hat offensichtlich das neugierige Publikum im ausverkauften Festspielhaus trotz bemerkenswerter Tänzer nicht so ganz zwingend mitgerissen. Doch erinnern wird man sich gewiss an diese dunklen Bilder einer Endzeit, in der das Leben qualvoll zu ersterben droht. Ein unbehauster, wie von Mondlicht beschienener bleierner Ort, mit auf- und abtauchenden Geschöpfen in knisternden schwarzen Folien, eine Szenerie (Bühne: Alexandra Mein), die an ölverseuchte Meere und Strände mit verendendem Getier erinnert. Aus diesem mysteriösen, irrlichternden Geschehen schälen sich zunächst kopflose Wesen heraus. Und schließlich sind es menschliche Geschöpfe, die da aus einem schnorchelnden Berg von Körpern erwachsen. Sie formieren sich in irritierenden Szenen, finden zusammen zu Gruppen von Automatisierten wie auch mit Impulsen Wiedererweckten, bis sie letztlich auf einem begrenzten Ölfilm zum Straucheln, zum Erliegen kommen.

Vom nachfolgenden Lazyblood-Konzert - die Formation wurde 2010 von Erna Ómarsdóttir gemeinsam mit dem Punkmusiker Valdimar Jóhannsson gegründet - ist mir dessen offenbar nuancierterer Ausgang ganz und gar entgangen, weil ich der mörderischen Attacke auf Hirn und Ohren einfach nicht standhalten konnte und schon früher entfliehen musste. Doch die dritte Bühnen-Begegnung mit ihr und Johannsson in "A Lecture on Borderline Musicals" am nächsten Abend wirkt dann doch deutlich stimmiger, schlüssiger, ohne auf das Verstörende zu verzichten. Die beiden erläutern, was unter Borderline Musicals zu verstehen sei, sprechen über ihre Arbeiten, demonstrieren diese oder jene merkwürdig erscheinende Szene daraus. Und zu später Stunde konfrontieren sie schließlich das Publikum mit einer kuriosen Folge nicht eben zimperlicher Zuordnungen und Namen, die sie öffentlich jeweils erfahren haben.

Zuvor hatten am zweiten Abend des Festival - quasi im Kontrastprogramm und mit gänzlich anderen Mitteln - die beiden Tänzer und Choreografen Ludvig Daae und Tilman O'Donnell eigene Arbeiten vorgestellt. Der norwegische Künstler Ludvig Daae - ausgebildet in Stockholm und Brüssel - erscheint in "MM" im virtuellen Duett mit sich selbst auf der Bühne, kommentiert den eigenen Auftritt von der Bildwand her, reagiert gewitzt auf das Live-Geschehen. Gemeinsam mit der Filmemacherin Joanna Nordahl ist dieses Wechsel-Spiel entstanden, und das Zuschauen macht deutlich Spaß, auch, weil Daae solch ein bemerkenswerter, sich feinsinnig bewegender Tänzer ist.

Was man von Tilman O´Donnell nicht minder sagen kann. Geboren in den USA, als Tänzer ausgebildet in Kanada sowie engagiert an bedeutenden europäischen Bühnen, ist er dem Dresdner Publikum vor allem noch bekannt als Mitglied der Forsythe Company von 2007 bis 2011, der er auch weiterhin als ständiger Gast verbunden blieb. Und es tut gut, ihn nun wieder in Hellerau erleben zu könne. Mit einer eigenen neuen Arbeit, entstanden für die GöteborgsOperans Danskompani.

Sein Solo "Dancing with Alain" könnte man wohl ebenso als eine Art "virtuelles Duett" bezeichnen. Doch hier geht es erkennbar um das Zwiegespräch von Tanz und Sprache. In der Aufzeichnung eines Vortrags erfahren die Besucher Gedanken des bekannten französischen Philosophen Alain Badiou, und im Kontext dazu entwickelt O´Donnell, den Vorstellungsraum umkreisend, seine Version davon. Ein wahrhaft bewegter Künstler, der über dem Nachdenken das Tanzen nicht vergisst. Und diese, seine Art ist so eigen, so uneitel, so natürlich kunstvoll, dass es dazu kaum mehr Worte braucht.

Gabriele Gorgas

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