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Das New York Harlem Theatre gastiert in der Dresdner Semperoper mit „Porgy and Bess“

Liebe zwischen zwei Außenseitern Das New York Harlem Theatre gastiert in der Dresdner Semperoper mit „Porgy and Bess“

Es ist aus heutiger Sicht ein ziemlich zu hinterfragendes Frauenbild, das George Gershwin in seiner Oper „Porgy and Bess“ zeichnet, mit der das New York Harlem Theatre nun bis 31. Juli in der Semperoper gastiert. An schönen Stimmen herrscht in dieser adretten und ans große Gefühl appellierenden Inszenierung von Baayork Lee wahrlich kein Mangel.

Szene aus „Porgy and Bess“

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. „I’ve got plenty o’ nuttin“ – „Ich habe ganz viel von gar nichts”, singt Porgy, der im Leben nicht gerade das große Los gezogen hat. Er ist schwarz, er ist arm, er ist ein Krüppel, laufen kann er nicht. Er muss auf Knien kriechen oder auf einem Wägelchen sitzend sich fortbewegen. Aber dann scheint Gott, an den er inbrünstig glaubt, es gut mit ihm zu meinen. Er hat dann außer seinem Lied sowie dem Himmel und dem Meer auch noch ein Mädchen. Denn der grundgütige Porgy war der einzige, der Bess die Tür seiner schäbigen Hütte geöffnet hat, der sich um sie gekümmert hat, nachdem Bess’ muskelbepackter und testosterongesteuerter Lover Crown das Weite suchen musste. Dieser hatte fliehen müssen, weil er einen anderen Mann erstach.

Nun ist diese Bess ein zwar in der Tat bildschönes Mädel, aber auch seelisch instabil und in der Liebe ziemlich wankelmütig. Wie Porgy ist Bess in gewisser Hinsicht ein Außenseiter, wird von den schwarzen Brüdern und Schwestern zunächst verachtet und geschnitten. Bei einem Ausflug trifft sie Crown wieder – und ob der Sex, zu dem es kommt, nun einvernehmlich erfolgt oder eine Vergewaltigung ist, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Die Entscheidung fällt schwer, eine gewisse Sehnsucht nach sinnlicher Überwältigung durch eine Art Naturgewalt aus Testosteron namens Crown ist Bess meines Erachtens zu bescheinigen. Später dann wird die leichtherzige wie lebenshungrige Bess das brave Hauskleid aus- und das sexy Satinfähnchen wieder anziehen, um als Lady in Red dem öligen, zwielichtigen Dealer Sportin’ Life nach New York folgen, gefügig gemacht durch den Stoff, aus dem die Träume sind (der allerdings erst mal durch die Nase zu ziehen ist).

Es ist aus heutiger Sicht also ein ziemlich zu hinterfragendes Frauenbild, das George Gershwin in seiner Oper „Porgy and Bess“ zeichnet, mit der das New York Harlem Theatre nun bis 31. Juli in Dresdens Semperoper gastiert. Ebenso beschwören die schäbigen und doch pittoresken Holzhäuschen der Catfish Row, die Klamotten der Fischer und auch das Picknick auf der Kittiwah-Insel ein Bild des Grand Old South, bei dem in keinster Weise am Mythos gekratzt und die Armut der Schwarzen fast schon verniedlicht, ja verharmlost wird. Aber wozu sich aufregen? Pittoreske Bilder von „denen da unten“, seien es Schäfer oder Dienstboten, gehörten seit jeher zur Oper, die schließlich nicht erfunden wurde, um uns stereotyp- und klischeefrei die ultimative Wahrheit über Armut, Ausbeutung und Rassismus zu erzählen. „Porgy and Bess“ ist gute Unterhaltung, nicht mehr, aber wahrlich auch nicht weniger. Verkrampfte Regietheatereinfälle hat die Ghetto-Ballade so nötig wie einen Kropf, es kann sich auch so jeder sein Teil denken, wenn die Staatsgewalt in Gestalt eines weißen Polizeidetektivs auftaucht und deutlich wird, dass sich für Schwarze in den USA die Polizei schon früher nicht immer als Freund und Helfer erwies.

An schönen Stimmen herrscht in dieser adretten und ans große Gefühl appellierenden Inszenierung von Baayork Lee wahrlich kein Mangel: Haupt- wie Nebenrollen, die zum größten Teil alternierend besetzt sind, erzeugen in dem Werk (das bis auf ganz kleine Nebenrollen traditionell nur mit Schwarzen zu besetzen ist, wie Gershwin verfügte) einen Wohlklang, der zuweilen in scharfem Kontrast steht zu dem, was da gesungen wird: als da wären Armut, Leid, Kriminalität, kleines Glück und die großen Träume der Bewohner von Catfish Row in Charleston. Alle Akteure haben ein sehr präzises Gefühl für den speziellen Stil, den Gershwin verlangt: für die Synthese aus kultiviertem Blues und folkloristischem Ton.

In flottem Tempo jagt ein bekannter Song den nächsten, vom süßen Arienton bis zum „dreckigen“ Gesang der Straße, wie ihn Sportin’ Life (Jermaine Smith gibt diesen Dealer als Mischung zwischen Clown und Dandy) oder Bess (Morenike Fadayomi) darbieten. Alvy Powell überzeugt in jeder Hinsicht als Porgy, man ertappt sich, derart viel Sympathie für ihn zu haben, dass man es hinnimmt, dass vom Originallibretto in einem entscheidenden Punkt abgewichen wird. Der in seiner Männlichkeit gedemütigte Porgy ermordet seinen Konkurrenten Crown (agil-viril und stimmstark: Darren K. Stokes) nicht hinterrücks mit einem Messer, sondern handelt in dieser Inszenierung fast schon aus Notwehr. Beeindruckend auch, wie souverän das gesamte Ensemble Gershwins an Spirituals erinnernde Chorstücke meistert: die Totenklage um den ermordeten Fischer Robbins, dessen Leiche dann doch nicht den Medizinstudenten überlassen werden muss, weil der Bestatter bereit ist, dass die Witwe die 15 Dollar in Raten bezahlt, oder das Gebet in der Gewitterszene.

Mehrmals blitzt die tiefe Religiosität der Amerikaner auf, man versammelt sich zum Gebet, wann immer die Not groß oder Gott für seine Güte zu preisen ist. Man kann natürlich auch leise Kritik Gershwins am gottesfürchtigen Amerika hineinlesen, muss man aber nicht. Wenn der tapfere Porgy am Ende singt „Oh Lawd, I’m on my way, I’m on my way to a Heavenly Lan“ sollten selbst Agnostiker, Atheisten und sonstige Heiden schlucken ob der unverbrüchlichen Liebe Porgys zu Bess. Ob es ein Happy End gibt, bleibt offen. Porgy bricht auf ins Gelobte Land, nach New York, um Bess zu suchen, überzeugt, dass Gott ihn führen wird. Nun ist New York natürlich groß. Aber ein gläubiger Christ wie Porgy weiß, dass auch Gottes Güte und Gnade groß sind.

Nächste Vorstellungen: bis 31.7. Di bis Fr, 19.30 Uhr, Sa, 14.30 + 19.30 Uhr, So, 14 + 19 Uhr
Karten unter: Tel. 0351/4911705

www.porgy-and-bess.de

Von Christian Ruf

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