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Das Nationale Musikforum in Breslau setzt Maßstäbe

Ein Haus fürs ganze Land Das Nationale Musikforum in Breslau setzt Maßstäbe

Siebzig Jahre, nachdem sich nach dem Krieg in Polen das erste neu formierte Orchester in der schwer zerstörten Stadt an den kulturellen Wiederaufbau wagte, kann die Breslauer Philharmonie endlich in einem Konzertsaal spielen, der in seiner Größe auch der niederschlesischen Metropole angemessen wirkt.

Blick in den neuen großen Konzertsaal, der rund 1800 Publikumsplätze bereithält, ganz zu schweigen von seinen akustischen Möglichkeiten.

Quelle: Hartmut Schütz

Breslau. Sie bevölkern die ganze Stadt und sind eine Touristenattraktion für sich: Die Breslauer Zwerge. Witzige, in Bronze gegossene Männchen rackern sich auf Bürgersteigen oder vor Eingängen ab, treiben Schabernack oder lassen den Tag sorglos vorbeiziehen – sehr zur Freude vor allem der Kinder. Dabei ist der Ursprung der putzigen Figuren ein durchaus ernster. Ende der 1980er Jahre, während der Sozialismus in Polen schon deutliche Züge der Agonie trug, setzten sich Breslauer Künstler orange Zipfelmützen auf und mischten sich an Feiertagen als subversive Zwerge unters Volk. Die Einwohner der Stadt verbinden also ihre Geschichte mit den Skulpturen. Daher dürfen die Zwerge auch auf dem Vorplatz des neuen Nationalen Musikforums, dem Platz der Freiheit, an das erste Konzert der Filharmonia Wrocławska im Juni 1945 erinnern und dieses Denkmal unterscheidet sich in seiner skurrilen, liebenswerten Art sehr vom Pathos anderer, die in den letzten Jahren der großen Geschichte gewidmet wurden.

Siebzig Jahre, nachdem sich nach dem Krieg in Polen das erste neu formierte Orchester in der schwer zerstörten Stadt an den kulturellen Wiederaufbau wagte, kann die Breslauer Philharmonie endlich in einem Konzertsaal spielen, der in seiner Größe auch der niederschlesischen Metropole angemessen wirkt. Jahrzehnte brachte das Orchester in einem wenig repräsentativen Haus zu, das eingeklemmt zwischen anderen Bauten an einer stark befahrenen Straße steht und stets zu klein war. Einstweilen dient die Fassade dieses Gebäudes noch als Werbefläche.

Nicht nur der Termin als europäische Kulturhauptstadt 2016 gab also den Ausschlag für die Idee, ein neues Konzerthaus zu errichten und darin mit Blick auf die Zukunft ein Nationales Musikforum, das Narodowe Forum Muzyki (NFM), zu etablieren. Ohnehin wurde in Breslau in den vergangenen 20 Jahren, vor allem nach der Oderflut, viel restauriert und gebaut. Die Geschlossenheit, in der sich auch das weitere Stadtzentrum heute wieder zeigt, verdankt sich augenscheinlich der Bautätigkeit in neuester Zeit, in der verbliebene Kriegsbrachen und Lücken gefüllt wurden. Meist gelungen ist dabei der Bezug auf die rekonstruierten Gebäude, die die polnischen Architekten und Bauleute den Ruinenfeldern von 1945 mit großer Achtung vor dem kulturhistorischen Wert der Altstadt abgerungen haben. Diese Aufbauleistung lernt man richtig zu würdigen, wenn man beim Gang durch das Stadtzentrum die vielfach angebrachten Fotos vom zerstörten Breslau mit der Gegenwart vergleicht.

Initiator und schließlich sogar Bauleiter des Nationalen Musikforums war sein heutiger Direktor Andrzej Kosendiak, der als Musikwissenschaftler, Universitätsdozent für Alte Musik, Dirigent und als Intendant der Breslauer Philharmonie eng mit dem Musikleben der Stadt verbunden war und ist. Hand in Hand mit der Neuausrichtung der zugehörigen Ensembles sowie deren Zusammenfassung unter einem Dach ging ab 2008 die Planung des Konzerthauses durch den Warschauer Architekten Stefan Kuryłowicz (1949-2011) und seine Mitarbeiter. Das Gebäude beschließt seit seiner Eröffnung im Herbst 2015 den ebenfalls neu gestalteten Platz der Freiheit und bildet entlang des Stadtgrabens mit anderen bedeutenden Bauten ein großzügiges, harmonisches Ensemble: Im Zusammenspiel mit dem Opernhaus (1841/1871), dem spätbarocken Schloss, der gotischen Kirche St. Stanislaus, St. Dorothea und St. Wenzel, den trutzigen Gebäuden des früheren Landgerichts und der Polizei am anderen Ufer sowie alten Bank- und Geschäftshäusern in der Nachbarschaft wurde ein ganzer Bereich südlich der Altstadt neu erschlossen. Am Ort eines im Krieg zerstörten Museums erhebt sich nun ein Bau, der trotz seiner bedeutenden Ausmaße schwungvoll daherkommt. Fassadenelemente aus einem Verbundmaterial in farblich variierenden Holztönen spielen ebenso mit dem Licht, wie die diversen Staffelungen, Faltungen und Wölbungen der Fassaden, die den Bau aus jedem Blickwinkel aufs Neue überraschend wirken lassen.

Am Haupteingang empfängt eine Glasfront das Publikum wie ein großes Portal, aus dem Inneren des Foyers bietet sich dann von mehreren Galerien aus ein weiter Blick über die Stadt nach Osten. Die klaren, eleganten Linien steigern sich in den Materialien: Polierter schwarzer Stein erzeugt Spiegelungen von weißen Flächen, aufgelöst wird der scharfe Schwarz-Weiß-Kontrast durch den Goldton einer Metallverkleidung, die den großen Saal umhüllt und sich von der südlichen Fassade ins Gebäude hineinzieht. Sie setzt sich auch in den für Besucher unzugänglichen Bereichen fort und so endet der festliche Charakter des Hauses nicht an den Türen zu den Diensträumen. Selbst die großzügig weiten Gänge hinter der Bühne und zu den Büros sprechen noch von der Bestimmung des Gebäudes.

Zentral und akustisch vom übrigen Bau entkoppelt liegt der große Konzertsaal mit 1800 Plätzen. Er vereint die Vorzüge des klassischen „Schuhkartons“ mit einer näheren Anordnung der Bühne und lässt sich zusätzlich nach Bedarf klanglich beeinflussen. Für die Planung der Akustik verließ man sich auf die Erfahrungen der Firma Artec, deren Team schon den spektakulären Konzertsaal von Luzern gestaltete. Drei weitere Säle bieten unterschiedliche Möglichkeiten für kleinere Ensembles: Der rote Saal mit gefalteten Wänden und der schwarze Saal mit einer Verkleidung aus mattem Stein sorgen für Studioatmosphäre, der holzgetäfelte dritte Saal ist ideal für Kammermusik. Dank variabler Bestuhlung und Bühnenelemente sind die kleinen Säle jedem Anlass gewachsen, überall ist zudem Tontechnik vorhanden, so dass alle Räume auch als Aufnahmestudios dienen können. Dieser Aufwand ist mitnichten zu üppig, denn neben der Breslauer Philharmonie sind am Haus noch das renommierte Kammerorchester Leopoldinum, das Breslauer Barockorchester, der Chor und der Knabenchor des NFM und mehrere Kammerensembles beheimatet. Für einen dicht gedrängten Konzertkalender sorgen aber nicht nur die hauseigenen Musiker, denn daneben beanspruchen nicht weniger als sieben Festivals mit Alter Musik, Jazz und Zeitgenössischem und mehrere Akademien die Räume für Konzerte und Aufnahmesitzungen.

Mit seinem neuen Nationalen Musikforum steht Breslau – übrigens verwendet man in Wrocław heute in deutschsprachigen Texten, etwa im Stadtmuseum, ohne Ressentiments wieder den deutschen Namen der 1000-jährigen Stadt – fraglos an der Spitze einer beachtlichen Zahl neuer Konzertsaalbauten, die aktuell in Polen entstanden sind: Lodz, Krakau, Kattowitz oder Stettin reihen sich ein und dokumentieren ebenso den Nachholbedarf aus sozialistischen Zeiten wie den hohen Stellenwert, den das Nachbarland einer reichen Musikkultur beimisst. Der Großstadt Breslau, der viertgrößten Polens, ist mit dem Konzerthaus ein gewaltiger Sprung gelungen, denn die Platzkapazität gegenüber dem alten Saal der Philharmonie hat sich mehr als versechsfacht. Hinzu kommt die besondere Atmosphäre, die das Gebäude außen wie innen durch seine gelungene Gestaltung selbst noch im „Ruhezustand“ ausstrahlt. Entstanden ist ein Haus für das ganze Land, dessen Spielplan auch den europäischen Anspruch zeigt. Eine solche Investitionen in die Kultur ist mit Sicherheit nicht die schlechteste Art, an der Zukunft einer Stadt zu arbeiten und nebenbei ahnt man, dass mehr als die hübsche Lage an einem Fluss nötig ist, um dem Rang einer europäischen Kulturhauptstadt gerecht zu werden.

Von Hartmut Schütz

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