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Das Museum für Sächsische Volkskunst zeigt „Bücherhelden auf der Puppenbühne“

Ausstellung Das Museum für Sächsische Volkskunst zeigt „Bücherhelden auf der Puppenbühne“

Ob Münchhausen, Don Quijote oder der Kleine Prinz – Es sind die Helden, die Märchen und Geschichten erst zum Leben erwecken. Das Museum für Sächsische Volkskunst zeigt in einer Ausstellung eine große Auswahl der Sympathieträger aller Kinder als Puppenbühnenfiguren und Marionetten.

Don Quijote und sein Knappe Sanco Panza, Stabmarionetten von Kontanza Kavrakova-Lorenz

Quelle: © SKD, Foto: Frank Höhler

Dresden. Beleidigung, Diebstahl, Hausfriedensbruch, grobe Sachbeschädigung, Tierquälerei, versuchter Meuchelmord, jedes Delikt in mehreren Fällen – das Sündenregister von Max und Moritz ist lang. Gutmenschen werden natürlich darauf beharren, dass die eigentlich Schuldigen die Gesellschaft, der Kapitalismus, Computerspiele, Gangsterfilme usw. sind, und Altachtundsechziger werden vermutlich insgeheim den revolutionär-anarchistischen „Geist“ der Delinquenten bewundern. Der Rest stellt sich allerdings schon die Frage: Wozu das alles? Die traurige Wahrheit ist: Aus Lust an der Heimtücke, aus purer Freude daran, andere zu quälen und ihnen Schaden zuzufügen. Von begleitenden Lebensumständen ist nichts bekannt, allenfalls die Namen geben Anlass zur Annahme, dass die beiden Intensivtäter vermutlich keinen Migrationshintergrund haben.

Gleichwohl gehören Max und Moriz zum Kanon all jener Figuren, die, seit sie vom geistigen Vater Wilhelm Busch in die Welt gesetzt wurden, die kindliche Fantasie beflügeln. Eben weil sie die Grenzen des Erlaubten ein ums andere Mal überschreiten, eben weil es mit ihnen nach einem klaren Fall von Selbstjustiz ein schreckliches Ende nimmt. Und nun geben sich Max und Moritz in der neuen Ausstellung der Puppentheatersammlung im Museum für Sächsische Volkskunst die Ehre. „Bücherhelden auf der Puppenbühne“ lautet der Titel der Schau, die der Tatsache Rechnung trägt, dass heute viele Puppenspiele – seien sie nun für Kinder oder Erwachsene gedacht — nach beliebten Büchern entstehen. Selbst ein „Kondom des Grauens“ trieb – basierend auf einem Comic von Ralf König – schon sein Unwesen im Schwulenmilieu bzw. auf der Bühne, in einer Inszenierung des Puppentheaters Meiningen. Auf gut 180 Quadratmetern sind nun im Jägerhof gut 120 solcher Bücherhelden, seien sie nun aus Stoff oder Draht, Pappmaché oder Plaste hergestellt, aus 17 Inszenierungen verschiedener Theater zu sehen. Fast alle Objekte gehören zum Bestand, wurden der Puppentheatersammlung des Museums für Sächsische Volkskunst von diversen Bühnen geschenkt, ob nun vom Theater Junge Generation (tjg) Dresden oder den Puppentheatern in Magdeburg oder Zwickau.

Der Fokus liegt auf modernem Puppentheater, es muss auch mal ohne Hohnsteiner Kasper gehen. Die Ausstellung führt in die unterschiedlichsten Fantasiewelten, zeigt vorrangig Figuren, aber auch Entwürfe und ein paar Bühnenbilder. Zudem gibt es Ecken, in denen Kinder selbst mit Figuren auf einer Probebühne spielen oder auch nach Herzenslust schmökern, malen und sich sonstwie ausprobieren dürfen, wenn auch nur im Rahmen des Grundgesetzes und nicht im Geiste von Max und Moritz. Viele Figuren führen eindrucksvoll vor Augen, dass es fast nur im Puppentheater möglich ist, sich den Helden eines Stückes derart nach eigener Vorstellung maßzuschneidern werden. Da hat Berthold der Scharfschütze, ein Weggefährte des Barons von Münchhausen, eben ein Auge, das de facto ein Kanonenrohr ist – jedenfalls in der Handstockpuppen-Ausführung, die Matthias Hänsel für das tjg schuf.

Überhaupt wird immer wieder deutlich, wie poetische Stoffe an Puppenbühnen sehr zur Freude des Publikums die Grenzen des Machbaren mitunter ausgelotet werden. Aber zu groß darf die Abweichung auch nicht sein. „Der Wiederkennungseffekt ist wichtig“, auch weil der kostenlose Werbeeffekt sonst dahin sei, sagt Lars Rebehn, der Konservator der Puppentheatersammlung. Wo Pettersson und Findus draufsteht, sollte auch Pettersson und Findus drin sein. Die typischen Kleidungstücke des schrulligen Kauzes oder Fellfärbung des kecken Katers müssen schon aus urheberrechtlichen Gründen übernommen werden. „In einer Inszenierung ,Der kleine Prinz’ nach dem Buch von Saint-Exupéry durfte, solange das Urheberrecht nicht erloschen war, der kleine Prinz nicht von einem Mann gespielt werden. Das musste eine Frau tun, aber sie musste eine bestimmte Perücke tragen“, erzählt Rebehn.

Was sonst so für Helden zu sehen sind? Nun, weder Batman noch Asterix der Gallier tummeln sich hier. Ebenso wenig Gemüsebeetman oder Brechbohnen-Boy, die unbesiegbaren Streiter der Immunabwehrbrigaden, die ständig im Kampf mit brutalen Brühwürsten oder auch Terrorbuletten aus der Abdeckerei des teuflischen Mister McDonald’s liegen. In die Kategorie Möchtegern-Held fällt eigentlich Don Quijote. Der Büchernarr zeigt, so Rebehn, dass es schädlich sein kann, zu viele Ritterromane zu lesen, wird er doch ob des Übermaßes an Lektüre zum Ritter von trauriger Gestalt. Erst recht kein Vorbild für die Jugend ist Capricorn, bekannt aus dem ungewöhnlich erfolgreichen Jugendroman „Tintenherz“. Wo endet das Buch und wo beginnt das Leben? Gulliver jedenfalls begibt sich auf seinen Reisen ins Land der Riesen und nach Liliput und lernt dort viel über sich selbst. Ebenso Alice, die es ins Wunderland verschlägt. Jede Zeit hat eben so ihre Helden. Waren dies einst etwa der als „Marschall Vorwärts“ verehrte Blücher oder ein Krieger wie Achill, so wird heute lieber „Ferdinand dem Stier“ gehuldigt, einem ungemein friedlichen Bullen, der null Bock auf Spielchen um Leben und Tod in der Arena hat – nachzulesen in dem Buch, das im Original 1936 erschien und von Munro Leaf geschrieben wurde. „Es ist ein zutiefst pazifistisches Stück“, entsprechend wurde es von nicht wenigen Stellen misstrauisch beäugt, als es 1986 in einer heißen Phase des Kalten Krieges in Erfurt inszeniert wurde, weiß Rebehn.

„Wir hoffen, dass es die letzte Schau hier ist“, meint Igor Jenzen, Direktor des Museums für Sächsische Volkskunst, der es gern sähe, wenn die Puppentheatersammlung endlich vom Interims-Dasein erlöst und eine feste Bleibe im Kraftwerk Mitte finden würde. Der Kuss der Erlösung wäre das Okay des Finanzministers, aber Jenzen ist klar, dass sich das mit der Entscheidung ziehen könnte, es gibt drängendere Sorgen... Aber gehandelt werden müsse. Die Technik im Depot der Puppentheatersammlung – in der Garnisonskirche – stammt aus DDR-Zeiten, genügt keinen Sicherheitsstandards mehr. Eine Horrorvorstellung wäre für Jenzen aber auch, wenn es allenfalls auf einen Umzug in ein anderes Interimsquartier hinauslaufen würde. Seine Vision für die künftige Bleibe im Kraftwerk Mitte, wo mindestens 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung ständen: eine „Erlebniswelt einzurichten“: Es wäre an der Zeit, „das Puppentheatermuseum neu zu erfinden“.

bis 26. Februar 2017, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr

Von Christian Ruf

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