Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Google+
Das Museum Bautzen widmet dem 80-jährigen Glaskünstler Richard Wilhelm eine Ausstellung

Das Museum Bautzen widmet dem 80-jährigen Glaskünstler Richard Wilhelm eine Ausstellung

Glasgestalter, auch wenn sie einen besonderen künstlerischen Anspruch vertreten, werden nur selten über den Kreis einer Fachöffentlichkeit hinaus bekannt, nicht einmal dann, wenn ihnen ein so spektakuläres Werk gelingt wie die Gläserne Blume, die im Berliner Palast der Republik einst das riesige Foyer zentrierte: ein sechs Meter hoher Stahlmast, dessen Spitze halbkreisförmige Glasplatten von zartgrünem Schimmer und feiner Ziselierung umgaben.

Das Gebilde, heute im Besitz des Deutschen Historischen Museums, war markant und dezent zugleich, es stammte zu wesentlichen Teilen von Richard Wilhelm, dem Spross einer Bautzner Handwerkerfamilie, die von 1688 bis 1958 in acht Generationen der Glasbearbeitung nachging.

Das Museum Bautzen hat dem Werk des inzwischen 80-jährigen Glaskünstlers eine mit großer Sorgfalt gestalte- te Ausstellung gewidmet. Der vorzügliche Katalog (Jürgen Vollbrecht und Ophelia Rehor) nennt Wilhelm einen der "wichtigsten Gestalter von Flachglas in baubezogenem Kontext in Deutschland"; das ist sicher richtig, aber Wilhelm hat mit Flachglas (zum Unterschied von dem für Gefäße verwendeten Hohlglas) nicht nur in jenem baubezogenen Kontext gearbeitet, der ihm den Lebensunterhalt sicherte und immer wieder zu faszinierenden Lösungen führte, zu von Farblust sprühenden Wandgestaltungen, die im Turmcafé des Berliner Fernsehturms und in Institutsgebäuden in Rostock, Magdeburg und Berlin ihren Platz fanden. Auch Kirchenfenster hat Wilhelm nicht nur restauriert, sondern oft auch selbst gestaltet.

Doch hat Richard Wilhelm, sich vom Handwerker zum Künstler bildend und so die Familientradition krönend, mit dem spröden Flachglas immer wieder auch freiplastisch gearbeitet, und diese Arbeiten sind das Interessanteste der Bautzner Ausstellung, die sie erstmals im Zusammenhang zugänglich macht. Da finden sich Gebilde aus den siebziger Jahren, die auf einer kaum mehr als postkartengroßen Bodenplatte farbig leuchtende Streifen, Flächen, Splitter phantastisch-bizarr zusammenfügen. Kleine Huldigungen hat ihr Schöpfer diese magisch leuchtenden Gebilde genannt und mit Widmungen oder symbolischen Titeln versehen; einige von ihnen hat das Berliner Kunstgewerbemuseum erworben. Eine Leihgabe aus dem Dresdner Kunstgewerbemuseum ist eine aus grünlich schimmernden Flachglasplatten gefügte Großplastik auf einer quadratischen Basis von 1 Meter Kantenlänge, die 1984 als ein bildnerischer Kommentar zu dem "Großen Tor von Kiew" aus Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung" entstand. Das ist eine aus vielen Quellen - altrussischen und solchen der frühen sowjetischen Moderne - schöpfende Architekturphantasie, deren kühle Monochromie sich von jeder Seite anders darstellt; es ist ein Chef d'œuvre mehr noch als die beliebte Gläserne Blume.

Zumeist mit Fotos dokumentiert diese Ausstellung auch viele baubezogene Arbeiten des Glaskünstlers, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hatte und auf dieser Basis Dinge in Angriff nahm, die nicht leicht ein anderer riskiert hätte. Mit Verwunderung nimmt man wahr, wie souverän er schon in den sechziger Jahren, so in einer Halle des Dessauer Hauptfriedhofs, über die formalen Errungenschaften der 1920er Jahre verfügte, die in der DDR damals keineswegs wohlgelitten waren. Wilhelm ist auch als Künstler ein Mann des Handwerks geblieben, eines Kraft, Umsicht, Genauigkeit erfordernden Handwerks, und diese Handwerksgediegenheit, Handwerksbiederkeit mag ihm den Umgang mit den politischen Auftraggebern erleichtert haben.

Die Leuchtkraft seiner Farben und die Beharrlichkeit seines oberlausitzischen Naturells muss auch in der LDP, deren Leitungsgremium der freischaffende Glaskünstler bis 1990 angehörte, seine Widersacher entwaffnet haben. Doch nicht alle Klippen ließen sich umschiffen; in Magdeburg, wo er seit 1952 lebte (nach dem Studium hatte er dort mit andern eine Werkgenossenschaft Glasgestaltung gegründet), sah er sich im Frühjahr 1989 von den Sachwaltern der herrschenden Partei massiver Kritik ausgesetzt, als diese einem aus vielen Farben und Formen gefügten Glasbild, das dem 200. Jahrestag der Französischen Revolution gewidmet war, an vier verschiedenen Stellen die Worte eingefügt fanden: "Vive! / Liberté / Egalité / Fraternité". Nur das Wort Vive! durfte stehenbleiben; der Urheber des verstümmelten Werkes, dessen Original sich heute in der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung befindet, wurde in der Ausstellung verschwiegen.

Ein halbes Jahr später gelang Wilhelm eine freiplastische Form von großer Ausdruckskraft: ein 50 Zentimeter hohes strahlend grünes Gebilde, das eine mäandrisch-labyrinthische Form in einen senkrecht nach oben weisenden Arm öffnet. "Befreiung" hat er diese lakonische Figuration von Ende 1989 genannt, es ist eine seiner besten Arbeiten.

Richard Wilhelm - Glasgestaltung zwi- schen Tradition und Moderne. Ausstellung bis 30. September. Museum Bautzen, Kornmarkt 1, Telefon: 03591/4985-33

Di.-So. 10-17 Uhr.

Zum Abschluss am 30. September, 15 Uhr, Führung, und 17 Uhr Werkgespräch mit dem Künstler: "Das nur Interessante ist der Tod der Kunst".

www.bautzen.de/museum-bautzen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.09.2012

Friedrich Dieckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr