Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
"Das Märchen vom Zaren Saltan" an Dresdens Staatsoperette

"Das Märchen vom Zaren Saltan" an Dresdens Staatsoperette

Mein lieber Schwan! An der Staatsoperette in Leuben will man noch einmal, bevor es in gut einem Jahr ins Stadtzentrum geht, die Möglichkeiten voll ausreizen und hebt eine große Oper ins Repertoire.

Voriger Artikel
Das Duo Schwarze Grütze feierte in Dresden Geburtstag
Nächster Artikel
Eine Dekade Komponistenarchiv in Hellerau

Operette trifft Puppentheater: Maria Perlt (Schwanhilde), Patrick Bonck.

Quelle: Stephan Floß

Dresden. Verhoben hat man sich nicht an Nikolaj Rimskij-Korsakows großem fantastischen Werk "Das Märchen vom Zaren Saltan" nach der Versdichtung des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin, in deutscher Übersetzung von August Bernhard.

Die Uraufführung 1900 in Moskau war ein Erfolg, auch wegen der Ausstattung des Malers Michail Wrubel, in Verehrung der russische Paul Cézanne genannt. Von Moskau aus ging das Werk um die Welt. Im Dresdner Großen Haus, dem heutigen Schauspielhaus, die Semperoper wurde ja erst 1985 wieder eröffnet, gab es zuletzt 1977 eine erfolgreiche Inszenierung von Harry Kupfer. Er, der sich intensiv mit den Opern von Rimskij-Korsakow beschäftigte und auch unbekanntere Werke auf die Bühnen brachte, hat das Werk insgesamt vier Mal inszeniert, zuletzt 1993 an der Berliner Komischen Oper.

Mit der aktuellen Produktion reizt die Staatsoperette mutig ihre gegenwärtigen Möglichkeiten aus. Erstaunlich, was innerhalb der räumlichen, der technischen, vor allem der akustischen Grenzen des Hauses möglich ist.

Über den Inhalt der Oper gibt schon der programmatische Titel Auskunft, der lautet nämlich: "Das Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem ruhmreichen und mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschönen Schwanenzarewna". Das ist so etwas wie eine russische Aschenbrödelvariante. Drei Schwestern träumen davon, dass ein Zar kommt und sie heiratet. Der Zar kommt, heiratet die jüngste, zeugt mit ihr einen Sohn und zieht in den Krieg. Die neidischen Schwestern, im Verein mit einer intriganten Base, fälschen die Geburtsanzeige, die Zarin habe ein Ungeheuer zur Welt gebracht, worauf der Zar befiehlt, Mutter und Sohn in eine Tonne zu stecken und ins Meer zu werfen.

Auf einer öden Insel wird der Zarewitsch zum Helden. Er erlegt ein Ungeheuer, rettet die Schwanenprinzessin, die natürlich seine Braut wird, eine fantastische Stadt der Lichter steigt aus dem Meer und als Hummel verwandelt, zum berühmten "Hummelflug", sticht der Zarensohn das teuflische Trio im heimischen Palast. Wir sind im Märchen, alles wird gut, am Ende glückliche Paare, großmütig waltet Gnade vor Recht, ein Herrscher wird menschlich, der Weg dahin braucht keine Logik.

Die Musik changiert zwischen greller Groteske, schmetternder Militanz, berührender Poesie und folkloristisch grundierten Chorszenen. Ein großes Spektakel, jede Szene wird mit einer Fanfare eröffnet, Strawinskys Jahrmarktstreiben aus "Petruschka" kommt nicht von ungefähr ins Ohr.

Wie der Dirigent Andreas Schüller mit dem bestens disponierten Orchester die problematischen akustischen Klippen dieses Theaters mit weichen Klängen umspült, besonders in den Zwischenspielen, das ist erstaunlich. Den parlierenden Passagen verleiht er Spannung, die üppigen Klanggemälde leuchten, besonders im zweiten Teil gewinnt die Aufführung an Dynamik.

Dazu kommen die von Thomas Runge einstudierten Chorszenen und ein großes, rundum stimmiges Ensemble der Solistinnen und Solisten. Da ist der Bassist Tilmann Rönnebeck als Gast von der Staatsoper in der Titelpartie ein Gewinn für diese Aufführung. Antigone Papoulkas und Elke Kottmair als "böse" Schwestern und Silke Richter von den Landesbühnen als Base sind das intrigante Trio infernale. Maria Perlt als Schwanenprinzessin hat den lichten Zauberton einer Soubrette. Als so naiver wie romantischer Recke gefällt der Tenor Richard Zamek als Zarewitsch Gwidon. Dramaturgisch, vor allem musikalisch, ist es eine schöne Idee, zunächst die junge Zarin von Elena Puszta singen und spielen zu lassen und dann als gereiftere Frau von Ingeborg Schöpf, deren berührende Pianopassagen der Sehnsucht zu den schönsten Momenten dieses Abends gehören.

Die Zusammenarbeit mit den Puppenspielern Anna Menzel und Patrick Borck vom Theater Junge Generation setzt wesentliche Akzente für das Gelingen der Aufführung und weckt Hoffnungen auf weitere künstlerische Korrespondenzen beider Theater, demnächst ja ohnehin vereint unterm Dach des Kulturkraftwerkes in Dresdens Mitte.

Die Puppenspieler sind fantastisch, einfallsreich, besonders ob der Entzauberungsmomente, denn man sieht ja, dass ihre Geschöpfe der Fantasien von Menschenhand bewegt werden. So sind sie dienstbare Geister, wenn die Szenen rasch wechseln, sind Katze, Eichhörnchen oder Kindermädchen. Sie lassen den jungen Zarewitsch in märchenhaftem Tempo wachsen und laufen lernen, sie bewegen die mächtigen Flügel der Schwanenprinzessin, sind geheimnisvolle Meerwesen und Riesen oder lassen im berühmten Flug der Hummel die Kinderherzen der erwachsenen Operettenbesucher höher schlagen.

Hendrik Scheels Ausstattung hat etwas von poetischem Surrealismus, etwa wenn die Stadt der Lichter aufsteigt und die Darsteller zu wandelnden Bauwerken eines Lichtermeeres werden oder wenn skurrile Kostüme und Masken der Absurdität des Märchens geschuldet sind und so einen optischen Parforceritt durch die Zeiten möglich machen: Jede Zeit braucht ihre Märchen, und jede Zeit erzählt sie sich in ihren Bildern.

Großen Anteil hat das Ballett, der Choreograf Radek Stopka lässt die Tänzer als historische Doppeldecker in den Krieg fliegen, sie sind die rettenden oder die stürmischen Wogen, dafür schlägt ihnen die ungeteilte Sympathie des Publikums entgegen.

Regisseur Arne Böge ist nicht zu beneiden. Gefragt ist bei den großen Szenen auf der kleinen Bühne vor allem Organisationstalent für die Arrangements, dabei kommt aber die Präzisionsarbeit der Charakterisierung in der Führung der Personen leider zu kurz.

nächste Aufführungen: morgen 15 Uhr; 20. Oktober, 19.30 Uhr

www.staatsoperette-dresden.de

Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr