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Das Kunsthaus Dresden präsentiert sich in aufgefrischtem Outfit

Das Kunsthaus Dresden präsentiert sich in aufgefrischtem Outfit

Nach halbjähriger Schließung ist das Kunsthaus auf der Rähnitzgasse ins Kulturleben der Stadt zurückgekehrt. Mit erfreulich aufgehübschter Fassade, die nicht mehr an ein vernutztes Ladengeschäft erinnert, einem attraktiven zweiten Eingang aus Richtung Hauptstraße, der mit einer permanenten Lichtinstallation eine bisherige Schwachstelle im Rundgang durch das Haus beseitigt, neuer Beleuchtung und mancherlei kleinen Änderungen praktischer Natur, die mit viel Initiative und wenig Geld zustande kamen.

All das war schon Grund genug für eine kleine Festivität, selbstverständlich auch als Einstimmung für eine neue Ausstellung, die schon deshalb nicht zu Unrecht mit "Lines/Linien" überschrieben ist, weil sie gleich mehrfach die schlüssige Verbindung mit Früherem und gar Althergebrachten, mit Künftigem und gar Futuristischem herstellen soll.

Im weitesten Sinne geht es um die Kunstgeschichte, die wohl mit der Zeichnung, mit der Linie begann und im engeren um das Haus und seine Perspektive, für die nun wiederum Leiterin Christiane Mennicke-Schwarz mit dem ersten Projekt nach ihrer Babypause eine Einstimmung geben will. Dass sie sich dazu gleich mehrere Ko-Kuratoren an ihre Seite geholt hat, lässt keineswegs auf Unsicherheit schließen, allerdings auf den bei Ausstellungsmachern verbreiteten Hang, ein schönes klares Thema aus möglichst vielen ungewohnten Perspektiven und mit vertrackten Weiterungen zu präsentieren - und damit in einer unauflösbaren Überlagerung von Philosophien, Theorien, Abstraktionen und Transzendenzen zu enden. So werden aus Linien "19+ Thesen zur Zeichnung im Raum", deren Inhalte und Absichten am Ende eigentlich nicht mehr kommunizierbar sind, auch nicht mit Unterstützung einer Choreographin und eines Theaterleiters. Vielleicht am ehesten noch mit der einer weiteren Kuratorin, nämlich Elli Brose-Eiermann vom Kunsthaus-Freundeskreis, die Leihgaben der Mitglieder zu einer sehr anregenden Kabinettausstellung mit Zeichnerischem im engeren und weiteren Sinne arrangiert hat.

Auch Anna Till hat eine dankbare Aufgabe, denn sie ist dafür zuständig, dass sich Bewegung in den städtischen Raum überträgt, sich unmittelbar bzw. intuitiv verständliche Verbindungslinien zwischen der Kunst und der Umgebung herstellen. An den Performance-Tagen (Line 1, 28./29. September und Line 2, 6. Oktober) ist sie mit einer eigenen Arbeit beteiligt, gibt aber auch jedermann Gelegenheit, sich an Line-Dance-Workshops zu beteiligen. Andreas Nattermann vom Societaetstheater war bzw. ist zunächst für die technische Unterstützung sämtlicher Aktionen mit Rampenlicht zuständig.

Mögen die aufsteigenden Bank-Linien von Jozef Legrand vielleicht manchem unverständlich bleiben, nicht nur seine "Nachrichten aus Berlin", streng linear gezeichnete, dabei leicht ironische Darstellungen seines Lebensmilieus, stehen dafür, dass das Kunsthaus alles andere sein will als eine Nische für intellektuell abgehobene Kunst, vielmehr ein offener und einladender Ort für jedwedes interessierte Publikum.

Eine Lockung in diesem Sinn stellt die dauerhafte Installation über dem neuen Eingang von Sebastian Hempel mit ihren wandernden Licht-Wellen-Linien dar. Ähnlich verführerisch wirken möglicherweise die mit der Raumordnung korrespondierenden, nur temporär angebrachten Liniengerüste aus Klebeband, die Marcel Tarelkin auf einige Fußböden appliziert hat, und so lassen sich in der kritischen Fülle der Angebote durchaus auch solche finden, deren hoch gesteckter philosophischer Anspruch mit relativ leicht lesbaren, um nicht zu sagen populären Ausdrucksformen daherkommt. Auch der Beitrag des Hamburgers Christoph Schäfer zählt dazu, der mit seinen comicartigen aquarellierten Zeichnungen dem Wesen der modernen Urbanität nachspürt, in der für ihn insbesondere das Erbe der Industriegesellschaft aufgehoben ist. Seine Arbeit "Die Stadt ist unsere Fabrik" ist eigentlich eine Art Roman und wird mit ihren 158 Einzelblättern präsentiert. Bei Juliane Schmidt sind es nur 20, und sie sind auch noch verschlossen, nämlich als Rollen aufgestellt, jeweils mit angehängten Bleistiftspitzspänen im Beutelchen. Der Stoffwechselprozess, der mit dem Zustricheln von Papierflächen mittels Stiften unterschiedlicher Härtegrade einhergeht, ist ihr bedeutsamer als etwaige zeichnerische Aussagen.

Irene Pätzung dagegen hat das Zeichnen einer Maschine überlassen und präsentiert die Ergebnisse als Protokoll-Wand zu bereits mehr als 40 Arbeitstagen. Die Ergebnisse wirken immer abstrakt und zugleich sympathisch, weil die Zeichenmaschine ständig kreisende Bewegungen ausführt, die sich per Zufall über das Blatt verschieben und dabei wolkige wulstige kugelige geballte Formen ausbilden. Kugeln nach ihrem Maß lässt die Künstlerin auch rollen und zwar durch Landschaften, demnächst auch entlang beider Elbufer mit Kreuzungspunkt auf der Pillnitz-Kleinzschachwitzer Fähre. Imaginäre erfahrene Linien im Stadtraum, die sich mit Spuren und Material(abrieb) an den Kugeln manifestieren werden.

Die kleinste Zeichnung der Ausstellung ist eigentlich nur eine Skizze, die andeutet, welchen Weg Till Krause genommen hat, als er mit dem Fahrrad den Kontinent Afrika Süd nach Nord durchlängte. Wobei etwa auf der Hälfte des Weges ein Moment dieser Bewegung von "einem Mann in den Farben der Malawi Congress Partei betrachtet" wurde, was Krause in einem nunmehr überlebensgroß aufgeblähten Foto festhielt. Auch vom Format her noch beeindruckender sind die Zeichnungen aus feinsten Linien und Strukturdetails, mit denen der Künstlers Fantasiewelten entwirft und zugleich an die Grenzen des handwerklich Machbaren geht. Davor hat er eine mit einem niedrigen Durchschlupf versehene Papier-Kabine gehängt, in der er während der Ausstellung be-zeichnend arbeiten will. Auch dieses am Ende womöglich ähnlich filigran wie die großformatigen Zeichnungen wirkende Gebilde steht dann im Dialog zu Jakob Flohes so überraschend einfachen, in den Raum ausstrahlenden Linien-Konstruktionen.

ibis 3. November, Di bis Do 14 bis 19 Uhr, Fr bis So 11 bis 19 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2013

Tomas Petzold

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