Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Das Koop von Semperoper und Dresdens Kunsthochschulen heißt jetzt Reihe Y

Das Koop von Semperoper und Dresdens Kunsthochschulen heißt jetzt Reihe Y

Es wäre ein Trugschluss, würde man annehmen, dass Werke des russischen Futurismus nur in Diktaturen ein Publikum fänden. Gewiss haben sie da als Utopie funktioniert, setzten mit quasi surrealen Mitteln das fort, was im Zeitalter des Absolutismus den Fabeldichtern oblag.

Voriger Artikel
Der Dresdner Schauspieler Hanns-Jörn Weber wird 70
Nächster Artikel
Klaus Florian Vogt singt in Dresden den Cavaradossi

Michael Mienert (Zangezi-Schauspieler), Martin Schicketanz (Zangezi-Sänger).

Quelle: Matthias Creutziger

Bunter Ersatz für graue Realität, um in Bildern das auszusprechen, was Zensoren drastisch unter Strafe stellten.

Allemal verdienstvoll also, wenn die über viele Jahre geführte Koop-Reihe von Sächsischer Staatsoper und den Dresdner Kunsthochschulen - jetzt heißt sie "Reihe Y" - nun den fast vergessenen Futuristen Welimir Chlebnikow für sich und das Publikum entdeckt. Der hatte vor fast 100 Jahren gemeinsam mit Wladimir Majakowski und anderen das Futuristische Manifest verfasst. Besessen von Sprache und deren Möglichkeiten jenseits sämtlicher Alltagskommunikation, formte der 1922 mit nur 36 Jahren verstorbene Ausnahmekünstler an ihr und den ihr immanenten Potentialen.

Eine Menge davon ist nun auch bei "Zangezi" zu spüren, dieser im Rahmen von KlangNetz Dresden entstandenen Produktion, die im Laborthea- ter der Hochschule für Bildende Künste ihre Premiere hatte. Studentinnen und Studenten so ziemlich aller Sparten - Komposition und Kostümbild, Gesang und Musik, Bühne und Maske - kamen in dieser Inszenierung von Manfred Weiß (der 1985 bereits die deutsche Erstaufführung in Freiburg besorgte) zum Zuge. Aus Chlebnikows Szenischem Poem wurde unter Mitwirkung von gut einem halben Dutzend Kompositionsstudenten ein Stückchen Musiktheater, das mit zwei Schlagwerkern beginnt und sich allmählich in je doppelt besetztes Blech aus Trompete, Tuba, Horn und Posaune steigert. Benjamin Pontius und Franz Brochhagen leiteten das den Raum ausfüllende Ensemble mit Umsicht, um die experimentelle Collage beisammenzuhalten.

Die mit Wort, Buchstaben und Zahlen spielenden Texte des Futuristen sind für "Zangezi" aufgesplittet worden, werden von fünf Solisten - dem Engel Zangezi, Meister Chlebnikow höchstselbst sowie von drei Stimmen - vorgetragen, mit Kreide an die Wand gemalt, per Handzettel im Publikum verteilt. Das sorgt natürlich für eine gewisse Bewegtheit, kann aber über einen Mangel an programmatischer Idee nicht hinwegtäuschen. Warum wird der Text nicht beim Wort genommen? Warum kommt die Musik nicht stärker zum Zuge?

Statt dessen werden die Gegebenheiten des Raumes gut ausgenutzt. Auf- und Abgänge sorgen für Momente mit Überraschungseffekt, ein kleiner Projektchor greift beinahe griechisch antike Vorbilder auf. Aber die Quintessenz fehlt. Zumal es einigen Sängern an Textverständlichkeit mangelt. Bei einem solchen aufs Wort basierten Stück Theater unverzeihlich.

Einzig Michael Mienert als Chlebnikow - der führt vom Rednerpult aus in die Situation des Skurrilen ein - und Martin Schicketanz als tragischer Titelheld geben ihren Parts Glaubwürdigkeit. Die drei Stimmen von Sue Kyung Sung, Su Yeon Hilbert und Sie Hin Park wirken teils deplatziert, teils austauschbar. Manche Spieleinfälle reißen in ihrer Simplizität sogar das Textniveau ein.

Musikalisch bewegt sich "Zangezi" auf einem Mix aus Klangflächen, tonalem Experiment und überrascht mit einer Katja-Ebstein-Adaption, auf deren Schmonzette "Wunder gibt es immer wieder" der Zangezi-Abgesang "Klinge, komm an meine Kehle" gesungen wird. Auch hier hätte die Sprach-Alchemie Chlebnikows durchaus mehr Kontrast provozieren dürfen. So aber blieb es bei einer eher abstandsvollen Besichtigung des Formalismus von vorgestern.

Aufführungen: heute, 17.12.; 14., 16., 20.1., jeweils 19.30 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.12.2011

Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr