Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+
Das Kino in der Fabrik richtet einmal mehr die Osteuropäische Filmtage aus

Wider Idioten, Krieg und Hass Das Kino in der Fabrik richtet einmal mehr die Osteuropäische Filmtage aus

Dem russischen Regisseur Tarkowski wird anlässlich seines 30. Todestages nun im Rahmen der Osteuropäischen Filmtage Dresden im Kino in der Fabrik eine Retrospektive ausgerichtet – und die Werkschau ist sogar kunstübergreifend angelegt, d.h. Künstler von Derevo, der Sinfonietta Dresden sowie weitere Gäste sitzen mit im Boot.

„United States of Love“ des polnischen Regisseurs Tomasz Wasilewski hat auf der 66. Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhalten.

Quelle: Oleg Mutu

Dresden. „Ihr versteht nichts von Russland“ wirft in dem Film „Nostalghia“ der russische Schriftsteller Andrej Gortschakow, der gerade in Italien weilt, weil Material zur Biografie eines russischen Komponisten sammeln will, der Ende des 18. Jahrhunderts in Italien vor Heimweh krank wurde, aber nicht mehr in die Leibeigenschaft zurückwollte, seiner italienischen Übersetzerin in den Kopf. Tja, das ist natürlich immer das ultimative „Totschlagargument“, man versteht die Einwohner eines Landes nicht, weil man eben nicht dort lebt, mögen auch Russland-Versteher, Vertreter der Toskana-Fraktion oder USA-Fans dies anders sehen.

Wie auch immer: Der 1983 von dem russischen Regisseur Andrej Tarkowski in Italien gedrehte Film „Nostalghia“ ist eine einzige Auseinandersetzung mit einem großen Thema, nämlich Heimweh in der Fremde und schwere Übersetzbarkeit eigener Erfahrungen. Zu fragen wäre, ob Tarkowski ein Träumer und Visionär war? Oder ob er, wie seine Schwester Marina Tarkowskaja in ihrem Buch „Splitter des Spiegels“ meint, ein Abenteurer und Draufgänger war? Vermutlich läuft die Antwort mal wieder nicht auf ein simples Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch hinaus. Nicht zu übersehen ist, dass der von 1932 bis 1986 lebende Tarkowski traumwandlerisch sicher im Zusammenspiel von Beobachtung, Erinnerung und Imagination seine Bildersprache entwickelte. Dass der Träumer an seinem unverwechselbaren Stil festhielt, drastischen Repressionen sowjetischer Kulturfunktionäre zum Trotz, war nur möglich dank seiner abenteuerlichen Kühnheit.

Von zwei Jahrzehnten im Dienste des sowjetischen Kinos war Tarkowski die meiste Zeit arbeitslos, er konnte ganze sieben Filme vollenden, bevor er im Pariser Exil wegen Krebs starb. Schon mit seinem Erstlingswerk „Iwans Kindheit“ von 1962 hatte Tarkowski Probleme mit den Apparatschiks des sowjetischen Filmwesens. Die aus der realen Welt des Krieges ausbrechenden Traumsequenzen fanden bei den Funktionären nicht gerade Anklang. Doch dies war noch unbedeutend gegenüber allem, was ihm mit seinen folgenden Werken widerfuhr. An „Andrej Rubljow“ wurde u.a. moniert, dass das mittelalterliche Russland viel zu düster dargestellt sei. Eine lapidare Notiz in seinem Tagebuch (7. September 1970) gibt Auskunft. „In guten Zeiten könnte ich auch Millionär sein. Wenn ich zwei Filme pro Jahr drehen könnte, hätte ich seit dem Jahr 1960 bereits 20 Filme gedreht. Aber was kann man denn bei unseren Idioten schon drehen.“

Die Filme, die er den „Idioten abtrotzte, erhielten prompt Resonanz und Preise in Venedig, San Francisco oder Cannes, begründen bis heute seinen Ruhm. Wobei anzumerken wäre, dass Tarkowskis Ruhm im Westen außer vom Dissidenten-Bonus und dem Martyrium der Emigration durchaus auch von der Unkenntnis der sowjetischen Filmkunst neben Tarkowski lebt. Diesem Regisseur wird anlässlich seines 30. Todestages nun im Rahmen der Osteuropäischen Filmtage Dresden im Kino in der Fabrik eine Retrospektive ausgerichtet – und die Werkschau ist sogar kunstübergreifend angelegt, d.h. Künstler von Derevo, der Sinfonietta Dresden (diese spielt „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt) sowie weitere Gäste sitzen mit im Boot.

Auch sonst zwischen dem 11.11. und 20.11. im Kino in der Fabrik laufen allerlei bemerkenswerte Filme aus Osteuropa, darunter allerlei laut Ankündigung „sehenswerte, faszinierende, eindrucksvolle“ Erstaufführungen. Selbst die diesjährigen Kinderfilme, z.B. „Der Geheimbund von Suppenstadt“, sind ganz frisch im Kino. Alles in allem sind 25 Filme zu sehen. Der Film „United States of Love” des Regisseurs Tomasz Wasilewski entführt ins Polen des Jahres 1990. Es ist das erste Jahr einer neuen Freiheit, aber auch der unsicheren Zukunft. Für vier scheinbar glückliche Frauen unterschiedlichen Alters ist es an der Zeit, ihr Leben zu ändern, für ihr Glück zu kämpfen und ihre Sehnsüchte zu erfüllen.

In dem Film „Der Narr“, gedreht 1914 von Yury Bykov, informiert ein einfacher, aber grundehrlicher Klempner in einer namenlosen russischen Provinzstadt die Bürgermeisterin, dass ein großer Wohnblock einzustürzen droht – und sticht in ein Wespennest aus Intrigen, Raffgier und Korruption. Die serbisch-deutsche Koproduktion „Enklave“ wird als „eindringlicher Film über den Alltag einer Kindheit inmitten eines Nachkriegsgebietes und über Freundschaften, die über Grenzen hinweg möglich sind“ gepriesen. Im Zentrum steht ein kleiner einsamer Junge namens Nenad – als sein Großvater stirbt, unternimmt der junge Christ eine riskante Reise hinter die feindlichen Linien und schließt Freundschaft mit den Muslimen. Denn ausgerechnet bei ihnen hat er die Möglichkeit, seinem Opa eine angemessene Bestattung zu organisieren.

„Mittagssonne“ von Dalibor Matanic erzählt drei Liebesgeschichten zwischen einer Serbin und einem Kroaten, die sich in drei aufeinanderfolgenden Jahrzehnten in zwei von ethnischem Hass geprägten Balkandörfern abspielen. Der Film „Chevalier“ wiederum wird als „todernste und hochskurrile Komödie, in der mit viel Ironie althergebrachte Konzepte und Rituale von Männlichkeit ad absurdum geführt werden“, beworben. Regisseurin Athina Rachel Tsangari gilt als Vertreterin einer besonders pointierten und herausfordernden Art des neuen griechischen Kinos. In „Lily Lane“ wiederum erzählt der ungarische Regisseur Benedek Fliegauf von einer starken Mutter-Sohn-Beziehung, die sich auf eine wunderbare gemeinsame Kommunikation stützt. Die Mutter erzählt ihrem Sprössling eine märchenhaft-verstörende Geschichte und darin haben viele Themen Platz. Der Junge darf alles fragen, sie geht intensiv auf ihn ein, nimmt ihn und seine Fragen ernst.

für Freunde des gepflegten Stummfilms, aber eigentlich auch alle anderen, wäre vielleicht der 1929 gedrehte Streifen „Der Mann mit der Kamera“ was. Dziga Vertov dokumentiert den Tagesablauf einer großen sowjetischen Stadt, montiert aus Moskau, Kiew und Odessa. Er verzichtet auf narrative und inszenierend-gestaltende Elemente und setzt allein auf die Wirkung der Montage. Filme sollten nach Vertovs Überzeugung generell und ausnahmslos das „Leben so zeigen, wie es ist“; jede Art von Inszenierung war ihm Verfälschung und Unterschätzung des Publikums. Andreas Krug steuert dazu Musik auf dem Piano bei, in diesem Fall ist der Eintritt sogar frei.

Vollständiges Programm und Anfangszeiten unter: www.kinofabrik-dresden.de und www.kif-dresden.de

Kartenbestellung unter: Telefon: 0351 42 44 860

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr