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Das Kabarett "Notenkopf" gastierte im Dresdner Breschke & Schuch

Das Kabarett "Notenkopf" gastierte im Dresdner Breschke & Schuch

Gut, die meisten waren mit ihrer besseren Hälfte gekommen, da ziemt es als Mann schlichtweg nicht, den Arm zu recken, "Hier" zu rufen, wenn eine Frau von der Bühne herab ein eindeutiges Angebot macht, mag die Dame auch noch so attraktiv sein.

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Jörg Lehmann als "Mautschnorrer" aus dem benachbarten Frankreich, der bei Romy Hildebrandt in eine Verkehrskontrolle gerät.

Quelle: PR

Aber auch Männer, die offenkundig solo waren, duckten sich weg, kniffen den Schwanz ein, hätten sich am liebsten unsichtbar gemacht. Klar, die Offerte ging über eine schnelle Nummer weit hinaus, die Frau machte glatt einen Heiratsantrag, aber es gibt moralisch schlimmere Prüfungen, die das Leben bereithält, etwa Bücher von Peter Handke oder Alben von Silbermond. Nun hatte die Frau, die sich, so verklemmt sie auch wirkte, als "wilde Hilde" pries, allerdings vorab erklärt, dass sie Witwe ist. Und das gleich mehrfach. Hilde ist eine sogenannte "Schwarze Witwe", eine männermordende Frau, deren Leben vielleicht mit nicht ganz so vielen Leichen gepflastert ist wie der letzte Tatort "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur, die aber eindeutig mehr Männer auf dem Gewissen hat als Jack the Ripper Frauen. Hildes Männer starben allesamt am Fieber, und wie, das schildert Romy Hildebrandt auf die Melodie von Eddie Cooleys und John Davenports Hit "Fever" in dem Programm "Couchgeflüster", das jetzt bei Breschke & Schuch Premiere hatte.

Die Gedanken liegen frei

Hildebrandt ist die eine Hälfte des Kabaretts "Notenkopf", Jörg Lehmann die andere. Vor allem er sorgt mittels Piano oder Akkordeon, Saxophon oder Gitarre dafür, dass das Etikett "musikalisches Kabarett" auch seine Berechtigung hat. Er hat wohl auch das Gros der Lieder (viele davon mit Moritaten-Charakter) und Szenen verfasst, und das jetzt wohl nicht nur, weil er, wie Hildebrandt kurz spöttelte, seine Mittlere Reife zur Schau stellen will. Texten kann er: Vor allem Parodien auf Schlager wie "Eine neue Liege ist wie ein neues Leben" oder "Kleine Dosen von Arsen" (nach der Melodie von Nana Mouskouris "Weiße Rosen von Athen") sind bestechend gut gelungen.

Laut Programmzettel habe schon Nietzsche erkannt: Kaum befindet sich der Mensch auf einem bequemen Sofa, wird er redselig. Sowas kommt von Sofas, jedenfalls wird man Zeuge, wie ein Frauenmörder immer dann freimütig und gesprächig wird, wenn er auf dem Modell "Anneliese", Mutter aller Möbel für Psycho-Analysen, sitzt. Und da der homo sapiens in der modernen Industriegesellschaft die meiste Zeit seines Lebens mittlerweile im Sitzen und Liegen verbringt, schwatzt, streitet und diskutiert er unermüdlich. Das Schweigen der Lämmer war gestern, heute wird ohne Punkt und Komma geredet. Wobei es am Telefon allerdings vorsichtig zu agieren gilt. Denn Telefonieren heißt auch hofieren, kaschieren, katalysieren, ja sogar die Wahrheit frisieren und Gerüchte schüren, wie man als Erkenntnis verklickert bekommt. Und das Lied "Die Gedanken sind frei" wird vor dem Hintergrund heutigen NSA-Überwachungswahns umgedichtet, heißt nun "Die Gedanken liegen frei", denn "wir wissen seit Snowden / man kann sie downloaden".

Ein Running Gag des Programms ist die Kultserie "Olaf auf der Couch". In diesem "Psycho-Drama in vier Akten" wird man peu à peu Zeuge, wie ein Softie, also ein Weichei, ein Warmduscher, aus Gewissensgründen erst zum Vegetarier, dann zum Veganer ("Wer monogam lebt, kann auch vegan leben") und schließlich gar zum Frutarier wird. Ökologisch-moralisch korrekt bis in den Tod, der Mann endet allerdings als Skelett. Im Himmel gibt's als Belohnung für all die Mühen der ökotrophologischen Ebenen wieder Schnitzel.

Alles in allem lauscht man dem "Couchgeflüster" gern, vor allem dem Gros der Songs. Insbesondere Hildebrandt überzeugt auch schauspielerisch. Es macht Spaß ihr zuzusehen, wie sie die Pointe ausspielt, ob nun das nicht ganz so kleine, sondern knöchellange "Schwarze" oder eine Kittelschürze aus Dederon tragend. Hier und da wird es etwas bemüht, vor allem dann, wenn es hochpolitisch-brisant werden soll. Inwieweit "Rauten-Angie" wann was im NSA-Skandal gewusst hat, bleibt einstweilen (bis zur Öffnung von Archiven in 30 oder 100 Jahren) pure Spekulation, wenngleich die Abhör-Affäre natürlich auch dankbares Futter insbesondere für alle diejenigen ist, denen das politische Lager, dem Merkel vorsteht, suspekt ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2014

Christian Ruf

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