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Das Jüdische Museum Berlin zeigt Fotos des aus Dresden stammenden Fred Stein: Exilant und herausragender Straßenfotograf

Das Jüdische Museum Berlin zeigt Fotos des aus Dresden stammenden Fred Stein: Exilant und herausragender Straßenfotograf

Die Stelen machen unsicher. Das liegt an ihrer Schräge. Sie streben alles andere als senkrecht in den Berliner Himmel. Und weil auch der Boden einer geneigten Ebene gleicht, ist buchstäblich jede Bewegung in diesem kleinen Areal getragen von Unsicherheit.

Ein Bruch mit dem Vertraulichen, das uns öffentliche Plätze sonst meist suggerieren. An diesem Ort ist das gewollt. Es ist der sogenannte Garten des Exils im Jüdischen Museum. Was Daniel Libeskind dort in Architektur übersetzte, war vor achtzig Jahren für unzählige Flüchtlinge bittere Gegenwart: Das Exil als ein Gang ins Ungewisse.

Ein paar Schritte weiter, in den Sonderausstellungsräumen des Museums in der Eric F. Ross Galerie, bekommt das Drama der erzwungenen Auswanderung einen Namen: Fred (eigentlich Alfred) Stein. Er war einer der jungen Juden, die schon früh Deutschland verließen. Bis dahin war Dresden die Heimat für den Sohn eines Rabbiners. Das änderte sich mit der Machtergreifung der Nazis umgehend. Stein, damals Rechtsreferendar, wollte eigentlich promovieren - was ihm aus Gründen sogenannter rassischer Zugehörigkeit verweigert wurde. Die Konsequenz, die er gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Frau Lilo zog, war hart: Exil. Beide gingen noch 1933 nach Paris, auf einer vorgetäuschten Hochzeitsreise. Der Boden unter beider Füßen dürfte sich damals ähnlich schwankend angefühlt haben wie die heutige Assoziation der Libeskind'schen Stelen.

Paris gilt zu jener Zeit (noch) als Ort ungezügelter Freiheit - wenn man Geld hat. Die Steins haben es nicht, und doch finden sie Halt, Lebensfreude, Freunde. Dabei hilft auch eine kleine Kamera, eine Leica, ein Hochzeitsgeschenk, mit der Fred Stein bald überall fotografiert und sich so eine neue Welt erschließt. Schon im ersten Jahr ihres Exils eröffnen Lilo und Fred Stein in ihrer Wohnung das Studio Stein. Das Badezimmer dient als Dunkelkammer. Zu den Freunden, die das Ehepaar Stein an der Seine findet, zählen fast folgerichtig auch andere fotografierende Exilanten wie Gerda Taro und Robert Capa. Das offenbar einzige existierende Foto, das Taro und Capa als Paar zeigt, stammt übrigens aus den Pariser Tagen - und wurde aufgenommen von Fred Stein, 1935. Eine Fußnote der Fotografiegeschichte. Und doch mehr. Es ist einer der Ausgangspunkte für Fred Steins Œuvre.

Es bleibt unklar, ob Stein von Eugène Atget weiß, dem 1927 in Paris gestorbenen Fotografen, dem Wegbereiter der Straßenfotografie. Der Dresdner aber nimmt den unsichtbaren Faden auf, den Atget dort spann. Stein schaut sich um im Straßenleben der Metropole, die Kamera ist ständiger Wegbegleiter. Stein nimmt sie auf, die Leichtigkeit des Seins: die sich gegenseitig stützenden Rennradfahrer, der mit der Mütze grüßende Alte, aber auch die Gesichter und Szenerien auf Demonstrationen. All das Mitte der dreißiger Jahre. Es wirkt wie das Fortschreiben von Atgets Sujets.

Im September 1939 beginnt der Krieg, auch Frankreich tritt ein. Die dortige Regierung verlangt die Verhaftung aller deutschen Staatsbürger. Fred Stein durchläuft diverse Internierungslager, von Anfang an getrennt von seiner Frau Lilo und der 1938 geborenen Tochter Marion. Erst im Sommer 1940 treffen sich die drei nach glücklicher Fügung in Toulouse wieder, wo die kleine Familie fortan in einem Hühnerhaus wohnt. Kein Visum, kein Geld, doch zumindest die Abzüge und Negative ihres Mannes hat Lilo gerettet. Trotz schlechter Aussichten setzen sie alles daran, das Frankreich unter Vichy so schnell wie möglich zu verlassen. Und wieder lächelt das Glück: Das Emergency Rescue Committee schickt im August den Journalisten Varian Fry nach Marseille, um Intellektuellen, die sich gegen die Nazis positioniert haben, die Ausreise zu ermöglichen. Das Warten macht mürbe, doch am 6. Mai 1941 verlässt die S.S. Winnipeg schließlich den südfranzösischen Mittelmeerhafen gen USA. Eins der letzten Schiffe mit Flüchtlingen, das den weg in die Neue Welt antritt. Auch an Bord: die Steins. Sie gehören zu den rund 2000 Menschen, die Fry vor den Faschisten in Sicherheit bringen kann. Um Ausmaß und Bedeutung dieser Rettungsaktion zu begreifen, eine kurze Auswahl derer, die den Weg der Steins gingen: Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Marcel Duchamp, Max Ernst und Franz Werfel. Eine illustre Liste, zusammengeschweißt durch den Zwang zur Flucht.

Es ist dieses Biografische, das mitzudenken nicht nur hilfreich, sondern notwendig ist, um das fotografische Werk Fred Steins zu verstehen, das sich aus den geografischen Hintergründen seines Exils, Paris und New York, speist. An der Ostküste der USA findet er das, über das er 1933 in Paris auch schon heilfroh war: einen Ort der Freiheit. In New York muss diese Erfahrung noch fundamentaler gewesen sein. Ein ganzer Ozean liegt nun zwischen neuer Heimat und alten Ängsten. Fred Stein atmet durch, das zeigt seine New Yorker Straßenfotografie jener Jahre. Die eng zusammenstehenden Jungs in Brooklyn, die fünf Frauen in Little Italy, die zwar gerade in die Kamera blicken, ohne aber so recht amüsiert zu sein, die alte Dame, auf einer Steinbank sitzend, mit einer Zeitung als Sonnenschutz auf dem Kopf - aus all dem spricht auch die Lebensfreude des Fotografen. Und eine untrügliche Sicherheit für den richtigen Moment, den Auslöser zu drücken.

Dass er sich in seinem Metier handwerklich zum Dilettantismus bekennt ("Eine Schulung hatte ich nie für diesen neuen Beruf", schreibt er 1954 in einem Brief), ist Ausdruck des Selbstverständnisses, sich einer noch jungen Kunstform zu bedienen. Die Kamera als Mittel zum Zweck, als Maschine des Abbildens, als Werkzeug.

"Dresden vertrieb mich; so wurde ich Fotograf", sagte Fred Stein rückblickend. Was er aus dem Vetriebensein machte, bleibt erstaunlich. Und in welcher Liga er zu Hause war, zeigt auch die Tatsache, dass der 2007 in New York geöffnete berühmte mexikanische Koffer nicht nur verschollene Arbeiten von Taro, Capa und David Seymour enthielt, sondern auch Material von Fred Stein.

Der Mensch stand bei ihm im Mittelpunkt - in diesem Fall keine Floskel. Das zeigen auch die mehr als 1200 Porträts, die Stein anfertigte, und von denen etwa 50 auch im Jüdischen Museum zu sehen sind. Hannah Arendt, Otto Dix, Bertolt Brecht, Albert Einstein, Marlene Dietrich - die Aufzählung bekannter Namen ließe sich mühelos fortsetzen. Doch Stein ist kein Wegbereiter des name dropping, sondern ein Humanist hinter dem Sucher. Einer, dessen Platz mitten in der Fotografiegeschichte ist, die ihm aber bislang eher ein Mauerblümchendasein zugesteht. Vielleicht auch, weil er nie um Aufnahme bat in den erlauchten Kreis der 1947 gegründeten Fotoagentur Magnum. Dort hineingehört hätte er zweifellos. Fred Stein habe die Agentur auch sehr hoch geschätzt, sagt sein Sohn und Nachlassverwalter Peter Stein. Er würde es übrigens sehr gern sehen, wenn die Stein-Ausstellung auch nach Dresden käme, in die Geburtsstadt seines Vaters. Es wäre die Erfüllung eines (damals schon vorvertraglich) abgegebenen Versprechens. Denn bereits 2008 war im Dresdner Kupferstich-Kabinett eine Fotoausstellung mit Arbeiten Fred Steins geplant. Sie kam nicht zustande. Doch vielleicht kehrt der Exilant ja noch zurück an die Elbe.

Ausstellung "Im Augenblick", bis 23. März, Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, geöffnet Mo 10-22, Di-So 10-20 Uhr

www.jmberlin.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.01.2014

Torsten Klaus

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