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Das Hygiene-Museum inszeniert "Leidenschaften" in der Kulisse eines Einrichtungshauses

Das Hygiene-Museum inszeniert "Leidenschaften" in der Kulisse eines Einrichtungshauses

Er fühle sich ein bisschen wie ein Theaterdirektor. Sagt Klaus Vogel. Und wie der Direktor des Hygiene-Museums in dem stilisierten Theaterfoyer hinterm Garderobentresen steht, glaubt man ihm das sofort.

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Angst zählt wohl zweifellos zu den stärkeren Ausprägungen der Leidenschaften: Christopher Lockes "Scissor Spider" und Stephen Kings "Shining".

Quelle: Dietrich Flechtner

Vogel spricht in dieser ungewöhnlichen Umgebung über die Ausstellung "Leidenschaften", in die der Besucher durch einen Vorhang wie auf eine Bühne tritt. Natürlich: Die Leidenschaften als ständiger Antrieb für das Stück auf der Bühne des Lebens. Oder so ähnlich. An Deutungsebenen mangelt es diesem Thema jedenfalls nicht. Womit es sich recht nahtlos in Ausstellungen zum Glück oder zur Schönheit am selben Ort einreiht.

Besagte Bühne gleicht auf den ersten Blick einem Einrichtungshaus. Die Inszenierung eines großen Themas in banaler Verschalung: einer simplen Wohnung in hellen, meist weißen Möbeln. "Die Wohnung ist wie ein Sockel für die Exponate, sie darf nicht dominieren", begründet Mariame Clément diese Optik. Die Opernregisseurin zeichnet zusammen mit der Bühnenbildnerin Julia Hansen und Kuratorin Catherine Nichols für die Ausstellung verantwortlich. Fünfmal wird eine im Grunde gleich aussehende Wohnung zur Herberge verschiedener Herangehensweisen an das komplexe Thema. Eine Kulisse, in der sich nicht nur unzählige Annäherungen an verschiedene Leidenschaften wie Angst, Liebe, Zorn, Ekel oder Staunen finden. Eine Kulisse, in der sich der Besucher umso mehr als Akteur begreifen muss, als Teil der Inszenierung. Mit dem Vorteil, dass er keinen vorgegebenen Text auswendig lernen muss. Zwischen all den Beispielen, Subtexten, Metaphern sucht er sich das Passende, den eigenen Weg.

Das Spiel beginnt sofort und unmittelbar hinterm Vorhang. Der erste metaphorische Ausdruck des Wilden und Ungezähmten ist das Modell eines sicher fünf Meter langen Krokodils. Das Reptil taucht an verschiedenen Stellen der rund 800 Quadratmeter großen Schau wieder auf. Erinnerung? Running gag? Vielleicht beides. Ansonsten führt der erste Raum - der erste Akt dieses fünf Aufzüge umfassenden Dualismus aus Bühne und Ausstellung - hin zum Begriff. Ein Blick zur Wand lässt Listen lesen. Wer zählte was unter Leidenschaften auf? Michel de Montaigne nur Zorn und Angst, Albert Camus sogar lediglich die Absurdität. Baruch de Spinoza legte dagegen 52 Begriffe vor, die er unter Leidenschaften subsumierte: von Wollust, Heiterkeit und Hoffnung bis zu Bestürzung und Ohnmacht. Jedem dieser Gemüts- und Seelenzustände könnte leicht eine eigene Ausstellung gewidmet werden. Was wiederum auf die Schwierigkeit zurückverweist, eine über die Leidenschaften zu zeigen.

Also bleibt - naheliegend oder zwangsläufig - der Griff in dieses proppevolle Begriffskino und dessen pointierte Umsetzung. Im zweiten Raum, der den Konflikt abbildet, greifen die Ausstellungsmacherinnen dabei auf die See-Metapher zurück. Das ruhig daliegende Meer, der sichere Hafen werden gegen den Sturm gestellt. Alles natürlich Entsprechungen dafür, wie Leidenschaften gelebt werden, wie ihnen begegnet wird. Die Möbel finden sich hier auf steilen Schrägen, unverrückbar wie auf einem Schiff. Ein paar Schritte weiter hat der Crash der Emotionen augenscheinlich stattgefunden, ist der Sturm umhergewirbelt. Aus den Möbeln sind verhackstückte Ansammlungen ihrer Einzelteile geworden, die wiederum, Inseln gleich, zu Thementrägern mutieren: Im Bad simuliert das Spiegel-Titelbild des in Warschau knienden Bundeskanzler Willy Brandt Scham, eine Stacheldrahtrolle aus dem Ersten Weltkrieg im Regal repräsentiert den Hass. Und Christopher Locke fand mit seinen aus Scheren gefertigten Spinnen mehr als nur eine Expression der Angst - die Scheren wurden an Flughäfen konfisziert. Ist Sicherheit etwa die Leidenschaft unserer Tage?

Weiter geht die Reise durch den Kosmos aus knapp 400 Exponaten, hin zur Bewältigung, zu Wegen der Zügelung. Es ist schließlich nicht so, dass den Leidenschaften nicht von verschiedenen Seiten Einhalt geboten wurde, durch die Religion beispielsweise. Ein anderer Kanal mit ähnlichem Ziel: die Arbeit. Nervt uns nicht die größte Bank hierzulande mit ihrem Slogan "Leistung aus Leidenschaft"?

Und dann der Tusch, Finale. Der bisherige Durchgang wird zum Rundgang, die Wohnung kann nur noch von außen betrachtet werden. Der gläserne Käfig, in dem die Leidenschaft nun hockt, erweckt Mitgefühl, Empathie, die bleibt. Egal, wie oft man die Schritte vor und zurück durch die Räume setzt. Wer weiß schon genau, wo Leidenschaft beginnt - und wo sie endet?

Torsten Klaus

bis 30. Dezember, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, heute bis 22 Uhr (gemeinsam mit der Ausstellung "Auf die Plätze")

www.dhmd.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.02.2012

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