Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Das Festival "China from inside" in Hellerau bietet durch Gespräche mit Künstlern ganz neue Einblicke

Das Festival "China from inside" in Hellerau bietet durch Gespräche mit Künstlern ganz neue Einblicke

Wenn man ein Land wahrhaftig kennenlernen will, so ist das nicht mit einer Rundreise getan. Und noch weniger mit gebündelten Nachrichten, die einseitig über Katastrophen, Einschränkungen, Überschreitungen informieren.

Voriger Artikel
Dresdner Studenten eröffnen Kindern mit "Hänsel und Gretel" die Welt der Klassik
Nächster Artikel
Grünes Gewölbe in Dresden erhält Rubinglas-Deckelbecher von August dem Starken

Ein Festival, das auch Erfahrungen zur Situation freier Künstler in China einfließen lässt - und nicht nur die dortige Tanzszene zeigt wie hier in "Stupid, Dance".

Quelle: Hellerau

Es braucht schon etwas mehr Zeit wie auch Geduld und Gelegenheit, um tatsächlich jene kennenzulernen, die in diesem Land leben und arbeiten. Um die Neugier zu wecken, die Lust auf mehr. Das am Wochenende im Festspielhaus Hellerau gestartete Festival "China from inside" gewichtet diesen vertiefenden Einblick, stellt Künstler und Ensembles vor, die überwiegend frei von staatlicher Unterstützung ihre eigenen und auch unbequemen Wege gehen.

So gibt es nicht nur Aufführungen, sondern ebenso eine Reihe von Gesprächen und Filmen, wofür mit entsprechenden Möglichkeiten speziell kleinere Säle eingerichtet wurden. Zudem irritiert im seitlichen Treppenfoyer ein quicklebendiger Drache die Besucher. Auf seiner Projektionsfläche quasi eingegrenzt, vollzieht er so rasante Schwünge, dass es wie der Tanz eines Suchenden anmutet - wenn man ihn "loslassen" würde, wäre er in seiner agilen Präsenz wohl bald überall im Hause zugange. Mit "Faces of Shanghai" sorgt auch der in China lebende deutsche Fotograf Thomas Füsser für ein beredtes Erscheinungsbild des Festspielhauses. Beidseitig vom Portikus sind in den Abendstunden wechselnde Porträts zu sehen von Personen, die Füsser ungeachtet ihres Alters, ihrer Herkunft, ihrer gesellschaftlichen Stellung fotografierte. Zugleich wird im Haus mit "Short cuts" ein Film gezeigt, der ein neues Projekt des Fotografen vorstellt.

Verpassen sollte man auch nicht die Chance, in Gesprächen mit Künstlern aus China mehr über ihren Alltag und ihre Arbeiten zu erfahren. Am Sonntag beispielsweise war die in Peking lebende Regisseurin und Übersetzerin Cao Kefei zu erleben, sprach über ihren Werdegang wie auch über die speziellen Strukturen und Möglichkeiten der vom Staat kaum unterstützten freien Gruppen in China. In Filmaufzeichnungen stellte sie ihre Theaterprojekte mit der eigenen Gruppe Ladybird vor, und unverkennbar ist dabei der Einfluss zu spüren, den vor etlichen Jahren Begegnungen mit Pina Bausch und dem Tanztheater Wuppertal auf sie ausübten. Offenbar assoziiert sie bewusst die Szenerie von "Der Fensterputzer", macht aber auch etwas Eigenes daraus. Cao Kefei hat sich ebenso als Übersetzerin deutschsprachiger Theaterstücke einen Namen gemacht, ist eine vielseitige und engagierte Mittlerin zwischen den Kulturen.

Eröffnet wurde das Festival im Festspielhaus Hellerau mit zwei Aufführungen der Gruppe Zuhe Niao aus Shanghai. Bezeichnenderweise äußerte nach der Vorstellung ein junger Mann - möglicherweise ein Student - im Gespräch: "Die Tänzer finde ich gut. Aber ich habe nicht verstanden, worum es geht. Naja, eben China!" Das Publikum hatte angesichts der Inszenierung "Stupid, Dance" tatsächlich einiges herauszufinden. Zum Beispiel dann, wenn auf dem durchsichtigen, die Szene umschließenden hellen Vorhang Daten und Angaben zu Personen projiziert waren: Name, Passnummer, wann geboren, wann ausgefertigt, wann abgelaufen- Oder diverse Tage, Orte, Plätze benannt, Dokumentarfilme wie Schemen gezeigt wurden.

Andererseits dürfte wohl jeder geahnt haben, was mit der kurios bewegten Gruppe und den zum Wurf bereiten Schuhen assoziiert ist. Da erinnert man sich doch gleich an den spektakulären Schuhwurf auf den chinesischen Staatschef beim Vortrag an der britischen Universität Cambridge, begleitet von den empörten Worten "Wie könnt ihr den Lügen dieses Diktators zuhören?" Die Tänzerinnen bewegen sich in raffiniert wechselnden Formationen durch den Raum, bis sie unmittelbar ins Publikum blicken. Wenn man dann diesen Ausruf im Ohr hat, ist das schon denkwürdig. Und auch, dass sie schließlich die Schuhe fallenlassen, gemaßregelt werden und in reuiger Haltung verharren.

Obwohl das Bühnengeschehen zunächst wenig aufregend erscheint, ist es in seiner hintergründigen Erzählweise doch markant. Dafür sorgen allein schon die vier Tänzerinnen mit ihrer Eindringlichkeit. Und wenn sie schließlich vor dem Vorhang erscheinen und in der Körpersprache sehr genau ihr Befinden artikulieren, dann spürt man genau, worum es geht. Und vergisst alle dummen Sprüche, Vorurteile und dergleichen mehr. Weil diese Künstler absolut etwas zu sagen haben. Aber begreifen können wir nur dann, wenn wir mehr von ihnen erfahren.

Dafür gibt es in den kommenden Tagen noch reichlich Gelegenheit. Am Mittwoch und Donnerstag (Beginn jeweils 20 Uhr) gastiert das 1994 von der Choreografin Wen Hui und dem Filmemacher Wu Wenguan gegründete Living Dance Studio aus Beijing mit "Listening to third Grandmother's stories" als Deutsche Erstaufführung. Das Stück entstand nach einem Treffen von Wen Hui mit einer entfernten Verwandten, der 83-jährigen Su Mei Lin. Diese "dritte Großmutter" erlebte das 20. Jahrhundert in allen Phasen, und Wen Hui erzählt damit auch die Geschichte der Frauen in China. Jeweils im Anschluss gibt es im Nancy Spero Saal am Mittwoch ein Solo mit Nunu Kong (Shanghai) sowie am Donnerstag/Freitag die Deutsche Erstaufführung "Question mama" mit Brand nu Dance (Shanghai). Am Sonnabend ab 20 Uhr gibt es den Auftritt des TAO Dance Theatre aus Beijing im Großen Saal. Seit der Gründung 2008 hat diese Kompanie auch international für Aufsehen gesorgt. Gabriele Gorgas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.12.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr