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Das Ensemble Wortgestiker verbindet im Projekttheater Dresden expressionistische Texte und Tanz

Das Ensemble Wortgestiker verbindet im Projekttheater Dresden expressionistische Texte und Tanz

"Es ist ein gottloses verfluchtes Jahrhundert", hatte der österreichische Dichter Georg Trakl über seine Gegenwart Anfang des 20. Jahrhunderts gesagt. 100 Jahre ist diese Zeit her, als empfindsame Künstler wie Trakl in ihrer Sehnsucht nach Neuem ultimativ das Aufbrechen des Alten forderten, manche auch um jeden Preis: Es ist kein Zufall, dass der deutsche Expressionismus mit dem Ersten Weltkrieg, der von einigen seiner Vertreter mit zumindest anfänglicher Begeisterung gefeierten Urkatastrophe, zusammenfällt.

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Holger Fuchs und Sibylle Uttikal versuchen in einem Zweipersonenstück, den Kosmos der Expressionisten erfahrbar zu machen.

Quelle: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Energische Texte stammen aus dieser kurzen Epoche, die vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis etwa in die Mitte der 20er Jahre reicht. Sehnsucht, Experiment, Kriegserfahrung, Zusammenbruchserscheinungen - all das liegt in diesen Texten, ohne die ein Verständnis der Zeit des in diesen Tagen allseits erinnerten Weltkriegs kaum möglich ist.

Das Dresdner Ensemble der Wortgestiker hat sich im Stück "Sie bocken bei Tag und sie trillern bei Nacht", das am Donnerstag im Projekttheater Premiere feierte, expressionistischer Texte angenommen. Die Inszenierung von Karoline Bischoff-Leesch basiert auf dem glücklich Einfall, Text und Tanz zu verbinden. Die Ursprünge des modernen Ausdruckstanzes in Deutschland fallen in die Epoche des Expressionismus, weshalb ein Miteinander von Gedichtvortrag und Choreografie wie eine natürliche Verbindung erscheint.

Allerdings gelingt dieses Miteinander auf der Bühne nicht immer wirklich überzeugend. Besonders in der ersten Hälfte des Stücks rezitiert der sinnigerweise in Soldatenmantel und Stiefel gekleidete Holger Fuchs Gedichte, Auszüge aus Aufrufen, Briefen oder Erzählungen, während die Choreografin und Tänzerin Sibylle Uttikal in einen Korb gestellt wie ein Teil des Bühnenbilds wirkt. Andersherum versteckt sich Fuchs hinter einer kleinen Litfaßsäule, als Uttikal mit Else Lasker Schüler "Hinter meinen Augen stehen Wasser/Die muß ich alle weinen/.../ Ich möchte auffliegen/Mit den Zugvögeln fort.", ausruft und zu einer Choreografie ansetzt. Tanz und Text werden wie These und Antithese voneinander getrennt, wobei der eigentliche Reiz der Inszenierung in beider Synthese liegt.

Dabei erzielt auch dieser Teil des etwa einstündigen Abends Wirkung. Die ist aber überwiegend den starken Texten geschuldet, etwa Jakob van Hoddis' "Weltende": "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut/In allen Lüften hallt es wie Geschrei/Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei/Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut...", oder dem gleichnamigen Gedicht von Laske-Schüler: "Es ist ein Weinen in der Welt/Als ob der liebe Gott gestorben wär/.../ Du! wir wollen uns tief küssen/Es pocht eine Sehnsucht an die Welt/An der wir sterben müssen." Auch wenn Fuchs während oder nach seiner Rezitation zu kleinen Requisiten greift, wirkt dieser Teil so, als sei Vortrag an Vortrag gereiht. Möglich, dass die Inszenierung jedem Text Luft geben wollte, um ihn wirken zu lassen. Durch die dichte Abfolge verhallt jedoch zu oft, was vom Gegenüber hätte aufgegriffen werden können.

Dieser Eindruck verschwindet in der zweiten Hälfte des Programms, als Holger Fuchs Frontbriefe von August Stramm verliest, während Sibylle Uttikal sich zunächst langsam zu den ungeheuerlichen Schilderungen und Gedanken des 1915 Gefallenen bewegt. Am Ende dominiert sie mit abgehackten Bewegungen, wie widerstrebend dahingeworfenen Gliedmaßen, die Bühne. Jetzt gelingt das Miteinander, verstärken sich das Gesagte und die Bewegung in ihrer Wirkung - ein bedrückender Effekt.

wieder am 27., 28. und 29. März

www.projekttheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.01.2014

Hofmann, Uwe

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