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„Das Eigene/HEIMAT“ als Premiere zur Tanzwoche Dresden

The guts company im Societaetstheater „Das Eigene/HEIMAT“ als Premiere zur Tanzwoche Dresden

„Das Eigene/ HEIMAT“, eine the guts company-Tanztheaterproduktion, hatte im Societaetstheater zur 25. Tanzwoche Dresden Premiere. Ein rundum spannender Theaterabend mit künstlerischen Qualitäten, einer schlüssigen Dramaturgie, eigenwilligen Kostümen, und einem stimmigen musikalischen Konzept.

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Szene aus der Tanztheaterpremiere.

Quelle: Benjamin Schindler 2014

Dresden. Dass es die vom Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes geförderten Kooperationen zwischen freien Gruppen sowie Tanz- und Theaterbühnen gibt, ist für sich genommen schon etwas Besonderes. Kann damit doch, zumindest für einige Auserwählte und ihre Partner, die grassierende Freelancer-Selbstausbeutung für jeweils zwei Jahre deutlich abgemildert werden. Wenn dabei zudem noch Produktionen entstehen, die sich in schönster Weise sehen, hören, fühlen lassen können, dann hat sich die Unterstützung gleich in mehrfacher Hinsicht gelohnt.

Das zeigt auch die Premiere „Das Eigene/ HEIMAT“, eine the guts company-Tanztheaterproduktion, die im Societaetstheater zur 25. Tanzwoche Dresden herausgekommen ist. Nicht als justament startende Zusammenarbeit mit diesem Theater – diese gibt es bereits. Doch nun als Auftakt für das zweijährige Residenzprogramm, das für alle Seiten diverse Möglichkeiten eröffnet; es macht Sinn, ist hilfreich und im wahrsten Sinne förderlich. Noch 2016 folgt die zweite Produktion „Das Fremde/ ALIENIdentität“ mit der Premiere am 25. November. Und als Dritte im Bunde kommt im Frühjahr 2017 die Produktion „Alles Neu“ heraus.

Jetzt können die Beteiligten aber erstmal stolz und gemeinsam mit dem Theater sowie den heftig applaudierenden Zuschauern glücklich sein, dass der „Erstling“ so gut geraten ist, einfach alles aufweist, was einen Theaterabend rundum spannend macht. Künstlerische Qualitäten, nicht zuletzt auch bei den Texten, Tanzbilder, die sich einprägen, eine schlüssige Dramaturgie (in der beratenden Mitarbeit von Célestine Hennemann), eigenwillige Kostüme (Julia Pommer), ein stimmiges musikalisches Konzept (unterstützt von Frieder Zimmermann). Überhaupt ist das ein Bündnis inspirierter Künstler wie ebenso aller Beteiligten.

Die Produktion von gut einer Stunde lässt auch in Hinblick auf das Thema aufmerken, macht neugierig, sorgt für Assoziationen, denen sich keiner entziehen kann. Speziell dann, wenn es darum geht, nachzudenken, was eigentlich Heimat, das Eigene bedeutet. Mit allen Sinnen zu erspüren, wie und wo man verwurzelt ist, in welcher Sprache man spricht, welche Bindungen es gibt. Und dazu gehören ebenso kulturelle Prägungen, ein genaues Hinhören, Hinschauen, wenn es um Lieder oder Tänze geht, die den jeweiligen Begriff von Heimat umreißen.

Johanna Roggan findet in ihrer Choreografie, die in dieser Gruppe gewiss auch immer etwas Gemeinsames ist, stimmige, beredte Tanzbilder, bei denen sich Markantes schon in einem speziellen Kreistanz abzeichnet. Alle hängen mit allen zusammen, bewegen sich in einer vorgegebenen, zuweilen forcierten „Gangart“ und Richtung. Und wer da neugierig aus der Formation hervorlugen will, der wird gleich wieder „eingefangen“, eingepasst. Jede der so unterschiedlichen fünf Tänzerinnen hat Besonderheiten, erzählt in ihrer Körpersprache von Ordnungswahn oder Schlupfwinkeln, von Ängsten, Obsessionen, Hoffnungen, und wenn beispielsweise recht persönliche Fragen gestellt werden, erfährt man die Antworten zuweilen auch schon mit der Andeutung einer Handbewegung.

Die Erfahrung, dass deutsches Liedgut nicht immer nur brav und willig ist, selbst dann, wenn es sich so anhören mag, gehört zur Heimat-Thematik unbedingt dazu. So sind Lieder an diesem Abend liebenswert verknüpft mit der choreografischen Struktur und werden eindringlich vorgetragen vom Dresdner Gnadenchor. Insgesamt 13 Sangeswillige sind in der Aufführung mit dabei, und die Chorleitung obliegt Max Rademann – allein der Name verspricht Qualität. Und diese haben die Sänger, die da erstmals in einer Tanzproduktion mitwirken, allemal beweisen können.

Dass sie auch unmittelbar in das Geschehen einbezogen sind, zeigt jene Szene mit dem Trinklied, bei dem die Männer mit ihren Humpen auf dem langen Tisch den Takt angeben. Unter dem noch aus der vorangegangenen Szene ein Mädchen (Jule Oeft) wie in einem Raum „gefangen“ ist, dem sie offenbar aus eigener Kraft nicht entkommen kann. Erst als die Männer den Tisch wegtragen, entdeckt sie ganz vorsichtig, dass sie sich tatsächlich frei bewegen kann. Und wohl auch muss.

Entwickelt hat sich diese Situation aus einer besonders berührenden Geschichte. Die zuvor am Tisch versammelte Nachkommenschaft erhält von der stetig genervten, offenbar vom Leben enttäuschten Mutter (Simone Detig) eine noch halbwegs gemäßigte Standpauke, der sich – frei von Worten – drei der Herangewachsenen (Anna Fingerhuth, Cindy Hammer, Romy Schwarzer) zu entziehen suchen, um schließlich das Lamento im Hintergrund mit Grimassen zu begleiten. Das ist eher traurig als lustig, zeugt vom Unvermögen, miteinander reden zu können, reden zu wollen.

Man muss gewiss nicht die Ansichten dieser Frustrierten teilen, aber die Klage ist differenziert genug, ihr nicht die alleinige Schuld an dieser familiären Verwerfung zuweisen zu wollen. Da lässt es sich auffallend gut über Ursache und Wirkung nachdenken, auch über das Eigene, über Heimat, Verlust und Hoffnungen, darüber, wer wann was sagt oder tut - und warum? Die klagende Frage der Frau klingt lange nach: Hört mir hier noch irgendwer zu?

Von Gabriele Gorgas

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