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Das Dresdner Stadtmuseum widmet sich Breslau einst und heute

Spuren der Geschichte Das Dresdner Stadtmuseum widmet sich Breslau einst und heute

Während in Berlin bereits die Waffen schwiegen, wurde Anfang Mai 1945 noch immer um die „Festung Breslau“ gekämpft. Erst am 6. Mai erfolgte die Kapitulation – und da das zu 70 Prozent zerstörte Breslau im Zuge des Potsdamer Abkommens an Polen fallen sollte, wurde die deutsche Bevölkerung, soweit sie nicht geflohen war, vertrieben.

Diese Postkarte zeigt eine Ansicht des Sonnenplatzes von Südosten um 1900. Links die Einmündung in die Gräbschener Straße. Von der alten Pracht und Herrlichkeit ist nichts geblieben.

Quelle: Städtisches Museum Breslau

Dresden. Während in Berlin bereits die Waffen schwiegen, wurde Anfang Mai 1945 noch immer um die „Festung Breslau“ gekämpft. Erst am 6. Mai erfolgte die Kapitulation – und da das zu 70 Prozent zerstörte Breslau im Zuge des Potsdamer Abkommens an Polen fallen sollte, wurde die deutsche Bevölkerung, soweit sie nicht geflohen war, vertrieben.

Zur Ruhe kam die Stadt zunächst nicht, in den Jahren 1949 bis 1953 agierten in Breslau rund 20 Untergrundorganisationen, die auf der Grundlage der Heimatarmee und späterer Varianten dieses Kampfbundes gegründet worden waren. Auch die Anzahl derer, die an die mittels Flugschriften und Filmen verbreitete Mär von der ewigen Zugehörigkeit Schlesiens zum sogenannten „Mutterland“ (Macierza) glaubten, hielt sich ziemlich in Grenzen – zu offensichtlich lag die kommunistische Propaganda konträr zur historischen Wahrheit. Anders als der Nationalmythos, der auch in Deutschland oft kolportiert wird, kamen die Neu-Breslauer mehrheitlich nicht aus den von der Sowjetunion annektierten polnischen Ostgebieten, sondern vorzugsweise aus west- und zentralpolnischen Regionen. Gleichwohl wurden Straßen und Plätze umbenannt, deutsche Inschriften entfernt, ob nun auf Reklametafeln oder Grabmälern, und Denkmäler gestürzt, etwa das für König Friedrich Wilhelm III., dem Namensgeber der zerstörten Universität. Es dauerte trotzdem – und vielleicht auch wegen dieser Geschichtsklitterung – lange, bis die Stadt zu einer neuen Identität fand.

„Breslau gestern – Wroclaw heute“ ist nun der Titel einer Ausstellung im Dresdner Stadtmuseum, mit der man die „kleine Tradition an Ausstellungen über Dresdner Partnerstädte fortschreibt“, wie Erika Eschebach wissen ließ, Direktorin des Stadtmuseums und neben Magdalena Paluska die zweite Kuratorin der Schau. In zwei kleinen Vitrinen liegen Geschenke, die die Breslauer Stadtväter ihren Dresdner Kollegen zu diesem oder jenem offiziellen Anlass in der Vergangenheit so überreichten. Mal war es Nippes wie ein Teller mit militärischen Motiven, Symbol der Waffenbrüderschaft zwischen NVA und polnischer Volksarmee im Warschauer Pakt, mal die etwas mehr Kunst zuzurechnende Replik des Breslauer Stadtwappens.

Über tausend Jahre Stadtentwicklung unter wechselnden politischen Herrschaften und kulturellen Einflüssen – zwischen Böhmen, Polen, Österreich und Preußen – haben sich tief in die Topographie und Architektur der schlesischen Metropole eingeschrieben. Fotos des alten Breslau zeugen von der einstigen Schönheit, aktuelle Ansichten der wiederaufgebauten ermöglichen den Vergleich, wie sich das Stadtbild verändert hat. Über 40 Motive wurden ausgewählt. Nicht alles an Wiederaufbauleistung überzeugt. Als ästhetisch gelungen kann man beispielsweise das Denkmal für König Boleslaw Chobry nicht bezeichnen. Der Neumarkt hat allen Charme verloren, es dominiert die Einfallslosigkeit sozialistischer Plattenbauten.

In der Ausstellung werden außerdem 28 Menschen von gestern und heute vorgestellt, die aus der Odermetropole stammen. Mal handelt es sich um Christen, mal um Juden, mal um Deutsche, mal um Polen. Deutlich wird, dass eindeutige Zuschreibungen schwerfallen. Fritz Haber, ein Chemiker, dessen Name mit dem großen Giftgaseinsatz bei Ypern verbunden ist, war zwar jüdischer Abstammung, hatte aber den evangelischen Glauben angenommen und fühlte sich in jeder Hinsicht als Deutscher, bis ihn die Nationalsozialisten eines „Besseren“ belehrten. Jeder Person wird ein Gebäude zugeordnet, das in der jeweiligen Biografie eine gewisse Bedeutung hat (Geburtshaus, Universität...), zudem ist ein Zitat von der jeweiligen Person zu lesen. Die 1924 in Breslau geborene Holocaust-Überlebende Renate Lasker-Harpprecht versichert: „Ich habe gelernt, Menschen genau zu beobachten. Ich weiß sofort, wie sie sich benommen hätten, wenn sie mit mir in einer Zelle gesessen hätten.“

Deutlich wird, dass Architekturelemente aus dem 19. Jahrhundert es zunächst schwerhatten. Leidbild beim Wiederaufbau war nicht die Metropole der Kaiserzeit, sondern ein „Piasten-Breslau“. So gut es ging, so viel Ideologie war dann doch im Spiel, wurden die Spuren der preußisch-deutschen Vergangenheit beseitigt. Anschaulich vermittelt dies etwa die Westseite des Blücherplatzes (heute der Plac Solny). Statt eines großen mondänen Baukorpus prägen nun kleinteilige Fassaden im Stil von Barock und Renaissance das Bild. Vor allem am Ring, dem zentralen Platz mit dem berühmten Alten Rathaus, strahlen die Fassaden längst wieder den alten Bürgerstolz aus, ob in strenger Backsteingotik oder überschwänglichem Barock, in klassizistischer Eleganz oder kühner moderner Sachlichkeit. Und nicht nur bei der Jahrhunderthalle wird deutlich, dass Breslau einst ein Experimentierfeld für neue Formen des Bauens und Denkens war. Interessant sind nicht zuletzt diverse Stadtpläne, darunter ein großer aus dem Jahr 1940. Wer aufmerksam hinguckt, entdeckt unweit der Jahrhunderthalle eine Adolf-Hitler- und eine Horst-Wessel-Straße, außerdem ein Hermann-Göring-Sportfeld. Tempi passati.

Von Christian Ruf

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