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Das Dresdner Polizeimuseum spiegelt Jahrhunderte der Kriminalgeschichte

Das Dresdner Polizeimuseum spiegelt Jahrhunderte der Kriminalgeschichte

Seit über 100 Jahren thront das Polizeipräsidium an der Schießgasse wie eine Festung im Herzen der Stadt - vom Architekten Julius Temper als drohende Mahnung an alle Unholde konzipiert.

Seit über 100 Jahren thront das Polizeipräsidium an der Schießgasse wie eine Festung im Herzen der Stadt - vom Architekten Julius Temper als drohende Mahnung an alle Unholde konzipiert. Was nur wenige wissen: Hinter seinen dicken Mauern birgt es kriminalistische Kleinodien, die deutschlandweit ihresgleichen suchen.

Von Heiko Weckbrodt

Unter dem Dach, dort, wo kaum ein normalsterblicher Besucher je hinkommt, hütet Polizeioberkommissar Wolfgang Schütze eine Sammlung, die ein jahrhundertelanges Ringen zwischen Verbrechern und Kriminalisten spiegelt. Zu den ältesten Stücken gehört ein Vorderlader aus dem Jahr 1680, so schwer, dass ihn ein Gendarm kaum alleine tragen konnte - um zu zielen, musste der Schütze das Gewehr auf eine Gabel lagern.

Viel unauffälliger ist da ein Wanderstock in einer Vitrine. Doch nimmt man ihn auseinander, kommt eine "Stockflinte" zum Vorschein. "Das war eine getarnte Waffe, die sich Wilderer ausgedacht hatten, um die Förster zu täuschen", erzählt Schütze. "Das flog erst auf, als damit um 1920 ein Mord im Vogtland begangen wurde." Daneben liegt ein auf den ersten Blick ganz harmloses Buch. Aber klappt man es auf, werden die aufgeschnittenen Seiten sichtbar: ein ideales Versteck für eine Mini-Pistole.

All dies und rund 1000 weitere Stücke sind Teil des "Dresdner Kriminalmuseums", das einst, vor einer kriegsbedingten Dezimierung, zu den größten Polizeimuseen weltweit gehörte. Wobei Schütz "Museum" nur ungern sagt - das Wort schüre nur falsche Hoffnungen: "Für einen regelmäßigen Betrieb und eine öffentliche Präsentation haben wir leider nicht die Ressourcen", sagt er. Seine Schätze könne er nur angemeldeten Besuchergruppen zeigen.

Was wirklich schade ist, denn selbst im dezimierten Zustand ist die Kollektion hochinteressant: Wo bitte sieht man sonst noch die originalen Fahndungbilder vom Anarchisten Luigi Lucheni, der 1898 Kaiserin Elisabeth ("Sissi") eine Feile ins Herz stieß? Oder die Verwarnkarten zu zehn und 20 DDR-Mark, die die Volkspolizei an Raser verteilte? Ein Bolzenschussgerät, mit dem vor 100 Jahren ein Liebespaar auf dem Lande getötet wurde?

Ein historisch interessantes Stück ist auch ein Kammhelm, wie ihn nur die Dresdner Polizei einst trug. "Der König wollte nicht, dass in seiner Stadt die Polizisten in preußischen Pickelhauben umherliefen", erklärt Schütze den "Dresdner Sonderweg". "So musste ein Helm nach österreichischem Vorbild konstruiert werden, der statt der Spitze einen Kamm hatte, der je nach Dienstgrad recht reich verziert war. Heute gehen selbst die einfachen Dresdner Kammhelme bei eBay nicht unter 3500 Euro weg."

Noch wertvoller sind die Kollektionen gefälschter Briefmarken, die der Oberkommissar in einem Panzerschrank verwahrt - als wäre das ganze Präsidium voller Polizisten noch nicht Schutz genug. Noch stärker gesichert ist die größte Polizeiwaffensammlung Ostdeutschlands, die Schütze hinter schweren Türen einschlossen hat: Fast 350 Modelle lagern hier, vom barocken Vorderlader bis zu Maschinenpistolen, die von Spezialeinheiten der DDR-Polizei getragen wurden.

Der ursprüngliche Kern des Museums ist hingegen in Vitrinen für Besucher gut einsehbar: Lehrmaterialien für angehende Kriminalisten, wie man Tatortskizzen zeichnet, Spuren sichert und Geheimschriften entziffert. Sie gehen auf einen königlich-ministeriellen Beschluss von 1894 zurück, bedeutende Kriminalfälle für die Polizeiausbildung zu dokumentieren. Die ersten Stücke waren in einer Haftzelle im Coselpalais untergebracht. Doch die Sammlung wuchs so rasch, dass beim Neubau des Polizeipräsidiums ab 1895 gleich eigene Räume für die Ausbildungssammlung eingeplant wurden. Da war die Dresdner Polizei längst zum Vorreiter moderner Kriminalistik im Reich geworden. Sie gehörte zum Beispiel zu den ersten, die eine eigene Kripo aufbauten und die Fingerabdruckkunde bei Ermittlungen einsetzte.

In den 1920er Jahren hatte das Polizeimuseum bereits 70 000 Exponate angehäuft und war weltweit legendär. Doch ab 1944 wurde die Sammlung wegen drohender Luftangriffe an die Nordallee ausgelagert. Was danach mit den Stücken geschah, ist bis heute nebulös: Ein Teil fiel wohl Bomben zum Opfer, ein anderer wurde mutmaßlich von sowjetischen Besatzern mitgenommen. Erst nach der Wende versuchte die Dresdner Polizei ernsthaft, den früheren Museumsbestand wieder in der Schießgasse zusammenzuziehen. Wiedergefunden wurden knapp 1000 Exponate - und selbst dieser Rest ist noch heute eindrucksvoll.

Anmeldungen für Besuchergruppen: Wolfgang Schütze, Telefon 483-3447, E-Mail: wolfgang.schuetze@polizei.sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.09.2011

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