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Das Dresdner Lapidarium - eine Schatzkammer der überraschenden Art

Das Dresdner Lapidarium - eine Schatzkammer der überraschenden Art

Schatzkammern haben in allen Kulturen etwas Anziehendes, und das Lapidarium in Dresden in der Ruine der Zionskirche am Nürnberger Ei reiht sich ein in die Tradition des Aufbewahrens wertvoller Dinge.

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Blick in das Dresdner Lapidarium.

Quelle: Claudia Reichardt

Die heutige äußere Hülle war freilich nicht für solch eine Nutzung vorgesehen, wie auch die untergebrachten Objekte - neben Steinen auch Metall- und Glasarbeiten - sich in einem ungewohnten Umfeld wiederfinden.

Die Stadt Dresden - Eigner und Verwalter des Steinlagers - hat sich wie einige wenige andere Städte Deutschlands für ein öffentlich zugängliches "Depot der Architektur-Fragmente" (Zitat website dresden.de) entschieden, und das Dresdner Lapidarium hat aufgrund seines heutigen Standortes in der Ruine der Zionskirche eine Behausung von beeindruckender Hallengröße.

Der Aufbewahrungsgedanke spielte bei der Auswahl der Ruine und der Einrichtung des Depots die wichtigste Rolle, wiewohl er keineswegs neu ist. Das Wort Lapidarium ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet in erster Linie nicht mehr als Steinsammlung. Frühe Nachweise von Lapidarien gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Relativ neu ist die Idee, auch beschädigte und teilweise zerstörte Skulpturen und -fragmente, Grab-, Grenz- und Meilensteine aus verschiedensten Jahrhunderten sowie Relikte unserer jüngsten Vergangenheit wie z.B. die mit Reliefs versehenen Bronzetüren des Kulturpalastes aufzubewahren. Oft ohne konkrete Idee, wann, wo und unter welchen Bedingungen die Objekte jemals zurückfinden werden aus dem derzeitigen Zwischenlager.

Wie stellt sich das Innere des Lapidariums dar? Von der Stille des Steins kann keine Rede sein, im Gegenteil. Straßenlärm und Vogelgezwitscher sind präsent, ergänzt durch Arbeitsgeräusche aus verschiedenen Richtungen. Man kann davon irritiert sein, erwartet man doch eher eine gesetzte, manchmal entrückte Ruhe wie in Museen oder auf Friedhöfen. Aber vielleicht sollte man den ca. 7000 Objekten auch eine fast hörbare Kommunikation untereinander zutrauen? Die Einlagerung folgt pragmatischen Koordinaten und erfolgt keineswegs im Modus einer kunsthistorisch stimmigen Präsentation. Regaleinheit XY ist frei, dort kann der Lüster aus dem Lahmann-Sanatorium Platz finden; Nachbarschaften ergeben sich nicht durch Material und Entstehungszeit. Solche Einordnung verlangt von den zwei für das Depot zuständigen Mitarbeitern des städtischen Amtes für Kultur- und Denkmalschutz mehr als Erfahrung in Lageristik; alle Objekte werden wissenschaftlich erfasst und stehen zu Recherchezwecken der interessierten Fachwelt zur Verfügung.

Die ungewohnte Ordnung der Objekte fordert den kulturinteressierten Menschen, weil sie überraschende Begegnungen erlaubt und verschiedenste Zugangsebenen anbietet - rationale wie emotionale, wissenschaftliche wie materialtechnische - eine Ansammlung, die unseren persönlichen Interessen Spielraum lässt und wenig vorgibt.

Die Wanderung durch das Lapidarium ist ein Gang durch mehrere Jahrhunderte regionaler Kulturgeschichte. Generöse Lampenlüster in Jugendstilmanier stehen neben einem Torgitter mit Dresdner Stadtwappen aus den Dreißigern; die Grabplatte von 1050 liegt neben einer von 1730 und lässt eine Ahnung aufkommen, die da heißt: Ich melde mich immer wieder, auch oder gerade weil ich nur als Fragment "meinen Finger hebe"; ganz ähnlich der kurzen, bizarren Sage "Vom eigensinnigen Kinde", zu finden in der Märchensammlung der Gebrüder Grimm.

Die eingelagerten Objekte und Kunstgüter von nicht zu bezifferndem materiellem Wert sind Bestandteil unseres Kultur-Gewissens. Letzteres hat mit Akzeptanz von und Achtung vor Geschichte zu tun, und auch mit der Frage: Was ist ein Fragment wert? Das Metallgitter aus den Neunzehnhundertdreißigern ist unseren Mitbürgern jenseits der Achtzig noch in der persönlichen Erinnerung gegenwärtig und wird deshalb anders betrachtet und bewertet als von jungen Menschen, deren kulturelle Biografien erst begonnen haben - auch dort werden also individuelle Differenzierungen sichtbar, über die zu diskutieren sich stets lohnt.

Für Fachleute wie Kunsthistoriker und Restauratoren ist das Lapidarium Arbeitsstätte und für Laien ein Refugium inmitten der Stadt. Es erzählt über die Dualität von Dauer und Vergänglichkeit. Man fragt sich natürlich, welche Objekte in restaurierten oder zumindest konservierten Zustand an einen neuen Platz vermittelt werden können; besonders bei vielen Fragmenten gibt es darauf heute noch keine Antwort, aber die Frage nach dem "wann" steht bei den Steinen sowieso nicht im Vordergrund - schon eher bei Metall- und Glasarbeiten (z.B. den Fenstern des alten Kugelhauses).

Kulturinteressierten Dresdnern und natürlich auch Gästen steht das Lapidarium nach telefonischer Terminabsprache wochentags offen. Zum Touristenmagneten taugt das Depot nicht, die touristisch orientierten Besucher der Stadt werden sich eher den "vollkommenen" Bau- und Kunstwerken Dresdens widmen. Das ist keineswegs von Nachteil für die Ruine der Zionskirche: So ist sie doch ein Ort der Stille, im übertragenen Sinne.

Nächster öffentlicher Besuchstermin: 14. September zum Tag des Offenen Denkmals Individuelle Besuche unter Tel. 0351/4767819 oder 0351/4888936 (Herr Pfitzner, Herr Hübner) anmelden lapidarium-dresden@web.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.09.2014

Claudia Reichardt

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