Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Das Deutsche Theater gastierte mit Gorkis "Kinder der Sonne" im Dresdner Schauspielhaus

Das Deutsche Theater gastierte mit Gorkis "Kinder der Sonne" im Dresdner Schauspielhaus

Maxim Gorki schrieb "Kinder der Sonne" 1905 in Haft - er hatte gegen die Erschießung friedlicher Demonstranten am Petersburger Blutsonntag protestiert. Im Mittelpunkt des Stücks, das Gorki zur Zeit der Cholera-Epidemie 1892 spielen lässt, stehen Vertreter der russischen "Intelligenzija" (ein Chemiker, ein Tierarzt, ein Maler und dazu gehörige Ehefrau und Schwestern).

Sie leben in einem Elfenbeinturm aus Illusionen, Enttäuschungen, Eitelkeiten und Sehnsucht nach Liebe und Bedeutung. Umgeben sind sie von einem Volk aus "Bestien" bzw. von Menschen, von denen sich diese Intelligenzler selbst so weit entfernt haben - Auslegung je nach Perspektive der Protagonisten. Die Unzufriedenheit der einfachen Leute droht am Ende des Stücks in Aggressivität umzuschlagen, denn da draußen grassiert die Cholera und man sucht nach Schuldigen.

1906 führte Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin bei der deutschen Erstaufführung von Gorkis "Kinder der Sonne" Regie. Doch während Gorkis Theaterstücke "Nachtasyl" oder "Sommergäste" über verschiedene gesellschaftliche Systeme hinweg Dauergäste auf deutschen Bühnen blieben, fristete das Werk "Kinder der Sonne" einen langen Dornröschenschlaf. Wachgeküsst wurde es zunächst 2010 von Luk Perceval am Hamburger Thalia-Theater. Ein paar Monate später inszenierte Stephan Kimmig noch erfolgreicher seine Version (zusammen mit Sonja Anders schrieb er eine eigene Fassung) mit einem Team aus Klasse-Darstellern am Deutschen Theater Berlin.

Im Rahmen der festlichen Saison zur 100. Spielzeit des Dresdner Schauspielhauses gastierte nun die Berliner Inszenierung von Gorkis "Kinder der Sonne" an zwei Abenden in Dresden - zwei Mal im ausverkauften Haus, versteht sich. Dass das Interesse des Publikums vor allem bekannten Namen wie Nina Hoss oder Ulrich Matthes gelten dürfte, ist in diesem Fall sogar völlig berechtigt. Denn das, was in anderen Kritiken zur Inszenierung als "Edelboulevardkomödie" bezeichnet wurde, funktioniert und fasziniert in erster Linie dank der exzellenten Darsteller und ihres temporeichen Zusammenspiels.

Bei Kimmig schrumpft die Cholera zur gewöhnlichen Grippe. Außerdem wurde dem Stück eine ganze Menge "russische Seele" ausgetrieben. Die Personen reden sich nur mit ihren Vornamen an, ohne den Vatersnamen (Jelena Nikolajewna), und niemand trinkt Tee. Wenn die Figuren aus ihrem Selbstmitleid herausgehen und tanzen, dann drehen sie sich einzeln im kleinen Kreis - ein Single-Reigen in Zeiten des Individualismus.

Auf der ein paar Reihen in den Zuschauerraum hinein gerückten Bühne von Katja Haß mit angedeuteten Räumlichkeiten aus Metallstäben sucht und verfehlt sich eine Gruppe von Individualisten. Boris (Alexander Khuon) begehrt die trübselige, kränkelnde Lisa. Lisas Bruder Pawel, der hier Genforscher ist und am Computer das Hungerproblem der Dritten Welt lösen will, liebt seine Frau Jelena, hat aber kaum Zeit dafür (sagt er wirklich!). Ihn liebt wiederum Boris' Schwester Melanija, ohne Erfolg. Der Maler Wagin liebt Pawels Frau Jelena, die schwach wird, aber widersteht. Boris bringt sich um, nachdem Lisa seinen Heiratsantrag zurückweist. Die tragische Note der Komödie ist voraussehbar - nicht zuletzt dank des exzellenten weinerlichen Kassandra-Fatalismus von Katharina Schüttler. Der Rest ist aber vor allem komisch bis zynisch - ein kleines Universum von Sich-Selbst-Erklärern. Der abgewiesene Wagin (in Dresden spielte ihn souverän ohne unnötige Sentimentalität Peter Jordan) rezitiert nicht mehr feurige Verse, sondern Zeilen des Spötters Robert Gernhardt.

Zu den besten Darstellungen gehört die von Katrin Wichmann als Melanija, die der Figur trotz Ironie Würde verleiht. Ja, und natürlich bezaubert Nina Hoss als nervöse Jelena, die es satt hat, um Liebe zu betteln, die schwach ist und stark tut, wofür sie wenige Gesten mit den Händen braucht. Überzeugend und unterhaltsam ist auch die lockere Entrücktheit von Ulrich Matthes als Pawel. Er verkörpert einen an die Grenze der Lächerlichkeit gerückten Wissenschaftler, der Kirschkompott nascht, wenn ihn Zweifel zu plagen drohen. Doch offensichtlich wurden selbst die Kirschen vorher entkernt, denn man sieht ihn keine Kerne ausspucken. Das passt gut zu Pawels Überzeugung "Wir sind Kinder der Sonne!".

Die Inszenierung dauert schlanke 90 Minuten, was an radikalen Kürzungen liegt - diverses Volk und Nebenpersonage wurden gestrichen. Nur der mürrische Schlosser Jegor (Markus Graf) verkörpert die Anderen, die Bedrohung der Unzufriedenen - was in dem letzten Satz gipfelt, den er ins Publikum schmettert: "Na, ihr werdet schon sehen!" Das wirkt mächtig aufgesetzt. So, als wollte man Gorkis Geist mit einer kleinen Dosis Revolutionsstimmung besänftigen und das Fehlen von Sozialkritik rechtfertigen.

Wen das Sozialgewissen nicht allzu sehr plagt, der erlebt großes, pointiertes Schauspieltheater. Dafür gab es im Schauspielhaus heftigen Beifall für alle - Regisseur Stephan Kimmig erwies Dresden sogar die Ehre, sich mit zu verbeugen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.01.2013

Bistra Klunker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr