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Das Deutsche Theater Berlin gastierte mit „Gift“ im Dresdner Schauspielhaus

Glücklicher ohne Happy End Das Deutsche Theater Berlin gastierte mit „Gift“ im Dresdner Schauspielhaus

„Gift“ heißt das Stück der niederländischen Autorin Lot Vekemans, mit dem das Deutsche Theater Berlin jetzt an zwei Abenden im Dresdner Schauspielhaus gastierte. In dem Stück geht es nicht um ein Umweltthema. Das Gift, um das es sich hier handelt, belastet die Psyche oder die Seelen der beiden Hinterbliebenen.

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Quelle: Arno Declair

Dresden. Ein Mann und eine Frau treffen sich in einer Friedhofshalle, zehn Jahre nach dem Tod ihres gemeinsamen Sohnes, der an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben war. Angeblich soll er umgebettet werden, nachdem Gift im Friedhofsboden gefunden wurde. „Gift“ heißt auch das Stück der niederländischen Autorin Lot Vekemans, mit dem das Deutsche Theater Berlin jetzt an zwei Abenden im Dresdner Schauspielhaus gastierte. In dem Stück geht es nicht um ein Umweltthema. Das Gift, um das es sich hier handelt, belastet die Psyche oder die Seelen der beiden Hinterbliebenen, die erst ihr Kind, dann sich und schließlich einander verloren haben.

Das heißt, ER ist einfach für immer gegangen, mit zwei Koffern an einem Silvesterabend zehn nach sieben, und SIE hat gespürt, was vor sich geht und trotzdem am Fenster gewartet. SIE hat nichts getan, um ihn zu halten oder zurückzuholen, aber SIE hat sich nie befreien können von der Trauer und der Sehnsucht. Erst kürzlich kam ihr eine Idee...

Daraus entsteht eine extrem konstruierte und zugleich höchst banale Situation, und deren Absurdität wird in der Inszenierung von Christian Schwochow noch herausgestrichen mit dem Bühnenbild von Anne Ehrlich. Es zeigt eine beinahe riesige, dabei äußerst provisorisch wirkende Wartehalle mit etlichen Stühlen und zwei Getränkeautomaten. Als gebe es dahinter eine Behörde, die den Brief verschickt hat, der IHN zu einer bestimmten Zeit an diesen Ort bestellt hat. SIE kommt zur Sicherheit ein bisschen später, quittiert seine Anwesenheit mit freudiger Verlegenheit, hält aber auf Distanz, während ER offensiv das Terrain erkundet: „Du hast dich nicht verändert.“

Einerseits ein Zusammentreffen, das sich emotional sehr schnell aufheizen muss, anderseits eine leicht durchschaubare Konstellation, eine Versuchsanordnung, deren Nüchternheit sich am Ende durchsetzen muss, ohne dass Balance und Spannung frühzeitig auf der Strecke bleiben. Da braucht es eine besondere Art von Glaubhaftigkeit, mit der sich Widersprüche und Fiktionen in den Hintergrund spielen lassen, ohne dass der Eindruck von Falschheit, Heuchelei oder naiver Blindheit entsteht.

Das gilt für die Figuren, aber erst recht für die Darsteller, in diesem Fall Dagmar Manzel und Ulrich Matthes, und sie machen es, wie man sich derzeit gern tiefsinnig ausdrückt, wirklich extrem gut. Da ist nichts aufgetragen, scheint nichts von außen aufgedrückt, vielmehr sind beide wie wirklich bei sich, entwickeln ihre Konzepte, öffnen sich, wobei ER, der an sich schon spontanere, auch hier ständig improvisiert, während SIE sich aus dem sturen Beharren in Trauer und Verletztsein erst allmählich bewegt, nachdem ER eingesteht, wieder liiert zu sein und dass seine Frau ein Kind erwartet. Das lässt ihre letzten Illusionen platzen, während ER durchaus geneigt scheint zu erkunden, wie weit die alte Beziehung aufleben könnte. SIE erweist sich dabei als veritable Kratzbürste: muss nun einsehen, dass sie sich viel zu sehr auf ihr eigenes Leid (wie früher auf die nur ihr eigene Beziehung zum Kind) konzentriert hat und damit gemeinsames Fühlen und gemeinsame Verantwortung unmöglich gemacht hat. Aber SIE will das natürlich genauso wenig zugeben wie ihre Sehnsucht wenigstens nach Versöhnung, als Verlassene nicht den ersten Schritt tun. Am Ende aber nutzen beide, jeder auf seine Weise und schließlich sogar gemeinsam die Chance, mit dem Unausgesprochenen, Ungeklärten ihrer Vergangenheit aufzuräumen und damit Platz zu machen für einen neuen Anfang. Manzel und Matthes machten daraus mit Einfühlsamkeit und Temperament eine ebenso anrührende wie amüsante Geschichte, glücklicher ohne Happy End.

Der Dank des Publikums am Sonntag war beinahe überschwänglich.

Von Tomas Petzold

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