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Das Brückenmännchen feiert im Boulevardtheater Dresden

Theaterpremiere Das Brückenmännchen feiert im Boulevardtheater Dresden

Die Kindertheater -Revue „Das Brückenmännchen“ war jahrzehntelang beliebter Sommertreff im Dresdner Kulturpalast. Nun gewährt ihm das Boulevardtheater Dresden Asyl. „Das Brückenmännchen feiert mit Pippi Langstrumpf“ hatte jetzt Premiere.

Pippi Langstrumpf (Johanna-Friederike Krüger), Brückenmännchen (Bürger Lars Dietrich) und der Starke Adolf (Michael Kuhn)

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  „In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren“ – mit diesen Worten schloss Astrid Lindgren (1907-2002) den Begleitbrief zu ihrem Manuskript „Pippi Langstrumpf“ an den Verlag Rabén & Sjögren. Es war 1945, das Jugendamt wurde nicht informiert, das sommersprossigste und stärkste Mädchen der Welt, dessen voller Name Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf lautet, wurde zum Publikumsliebling, wenn auch natürlich an Bedenkenträgern kein Mangel war. Denn mit Autorität hat es Pippi ganz und gar nicht. Auch wenn sie einmal den Versuch macht, die Schule zu besuchen, mit „Plutimikation“ und anderen Sachen mit nicht existierendem Spaßfaktor hat sie es nicht so. Sich sagen lassen, was sie zu tun und lassen hat, will sie schon gar nicht. Könnte mit ein Grund gewesen sein, weshalb in der DDR erst 1975 Pippi-Langstrumpf-Bücher zu haben waren, wobei die Auflage sehr klein blieb. Devisenmangel? Oder lag es daran, dass die Gestalt eines vor Autoritäten keinen Respekt habenden Mädchens mit Aussagen wie „Warum ich rückwärtsgehe? Leben wir etwa nicht in einem freien Land?“ im real deprimierenden Sozialismus suspekt wie heikel war?

Aber gut, in der DDR gab es auch Helden, wobei es nicht die Helden der Arbeit waren, die Kinder interessierten. Ein solcher Held war Alfons Zitterbacke, waren die Digedags, aber auch das Brückenmännchen. Eigentlich ist das Brückenmännchen ja 750-und-ein-paar-zerquetschte Jahre alt. So lange hockt die Relieffigur aus Sandstein schon am Altstädter Pfeiler der Augustusbrücke, wobei gemäß Überlieferung der italienische Baumeister Matteo Foccio dargestellt sein soll. Richtig lebendig geworden ist das Männeken dann 1973. Da betrat es zum ersten Mal die Bühne des Kulturpalastes – und entwickelte sich zum Kassenschlager, gehörte zur Stadt wie Eierschecke und Goldener Reiter. Gut 20 Mal pro Sommer wurde die Kindertheater-Revue gespielt, immer vor ausverkaufter Hütte. Von 1975 bis Mitte der 1980er war das Brückenmännchen auch im Fernsehen der DDR zu sehen. Prominente wie Achim Mentzel und Wolfgang Stumph durften an der Seite des Publikumslieblings Hilfsdienste leisten. Vor vier Jahren war dann (erst Mal) Schluss mit lustig, der Kulturpalast wird derzeit ja gerade umgebaut.

Nun gewährt das Boulevardtheater dem Brückenmännchen Asyl, vorerst bis 2018 hat man sich die Rechte an der Figur des Brückenmännchens gesichert. Der Titel der Inszenierung lautet „Das Brückenmännchen feiert mit Pippi Langstrumpf“. Das Pippi-Stück war nämlich schon gesetzt, als ihr männliches Frechdachs-Pendant dazukam. Viel zu tun hat das Brückenmännchen nicht, es fungiert als eine Art Grußonkel, heizt die Stimmung ein bisschen an, trifft – soweit die Rahmenhandlung – in einem Theater, in dem grad Ferien sind, drei Kinder und spielt dann mit diesen sowie auch dem Hausmeister oder der Maskenbildnerin „Pippi Langstrumpf“. Die beiden fünfjährigen Testpersonen an meiner Seite, denen das Brückenmännchen schon vom Alter her nichts sagt, waren froh, als endlich Pippi die Bühne betrat.

Die Macher dieser Inszenierung, allen voran Regisseur Olaf Becker, sind nicht der Versuchung erlegen, die aus Buch und vor allem Film bekannten Vorlagen eins zu eins abkupfern zu wollen. Die Villa Kunterbunt ist eher eine kleine Datsche, das Pferd Kleiner Onkel ein Holzpferd, Herr Nilson ein Plüschtier. Natürlich fehlt der Limonadenbaum nicht. Und man gibt nicht nur dem Affen Zucker, reiht nicht flotten Spruch an flotten Spruch, sondern setzt auch mal leisere, geradezu berührende Akzente, etwa wenn Pippi ihren Vater vermisst, von ihm unterm Sternenhimmel träumt, was in Zeiten von Patchwork-Familien so manches Kind im Saal schwer schlucken lassen dürfte. Aber es wird nie lang geschwiegen, dann die Regie hat zum Glück eine Devise Pippis verinnerlicht: „Lange schweigen ist gefährlich, es kann einem die Zunge tatsächlich festkleben!“ Mitreißend, vielfach zum Mitklatschen animierend, sind dann diverse eingestreute Lieder, allen voran „Hey, Pippi Langstrumpf“ und der zumindest bei vielen Älteren im Saal noch bekannte Song „Das Brückenmännchen geht durch die Stadt“.

Johanna-Friederike Krüger spielt den Pippi-Punk, so wie man ihn sich vorstellt. Rotzfrech. Respektlos. Unvernünftig. Unbequem. Schlagfertig. Großzügig (im Verteilen von Bonbons wie Goldstücken). Ständig Lügen erzählend. Deshalb einfach wundervoll. Und logo hat sie rote Zöpfe und trägt an den Beinen Ringelstrümpfe – in unterschiedlichen Farben natürlich. Ihr Berufswunsch: Seeräuber. Schrecken der Meere. Das ist ungefähr so, als würde ein Kind seinen linksalternativen Eltern eröffnen, es wolle Hedgefonds-Manager oder Söldner werden. Lena Heimannsberg und Fabian Baecker sind Pippis Freunde Annika und Tommy, wobei vor allem Tommy derart brav rüberkommt, dass selbst Philipp Lahm dagegen wie ein verwegener Haudegen erscheint. Katrin Jaehne erntet nicht nur des dicken Reifrock-Hinterns wegen viel Lacher für ihre Darstellung des Fräuleins Pyrsselius, der humorlosen Leiterin des Kinderheims, die von Pippi aber „Prüsseliese“ genannt wird und letztlich nur aus den Pippi-Filmen bekannt ist, denn in den Büchern taucht sie nicht auf. Starke Akzente setzt Michael Kuhn – sowohl als „Starker Adolf“, der gegen Pippi keine Chance hat, als auch – mit norddeutschen Zungenschlag snakend, als Pippis Vater Kapitän Langstrumpf. Für Tausendsassa Bürger Lars Dietrich, der das Brückenmännchen geben darf, fallen da ansonsten nur noch kleine Rollen als Matrose und Dieb Donner-Karlsson ab. Wiedersehen würde man ihn gleichwohl auch im nächsten Jahr gern wieder.

Nächste Vorstellungen: bis 17. Juli, Boulevardtheater. Karten ab 9,95 Euro: Tel. 0351/26 35 35 26

http://boulevardtheater.de

Von Christian Ruf

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