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Das "3Länderspiel" am Hauptmann-Theater Zittau stößt in neue Dimensionen vor

Das "3Länderspiel" am Hauptmann-Theater Zittau stößt in neue Dimensionen vor

Also Geduld. Das gilt insbesondere für Grenzkultur, sobald sie übergreifen soll. Ein besonderes Pflänzchen davon reift seit zweieinhalb Jahren im östlichen Dreiländereck: In Anspielung auf die drei markanten Hausberge - also Jested, Oybin und Sniezka - gebaren die drei Intendanten aus Liberec, Zittau und Jelenia Gorá das Bündnis "J-O-Š".

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Bogdan Kocas dritter und bislang eindrucksvollster Zittauer Geniestreich: "The Last Sentence before Execution" (mit Ludwig Hollburg) eröffnete per europäischer Erstaufführung das Zittauer dritte "3Länderspiel".

Quelle: Pawel Sosnowski

Alles braucht seine Zeit. Sein Auftrag: eine länder-, also sprachübergreifende Kooperation der drei naheliegenden Schauspielsparten zu etablieren - mit dem schlichten Ziel der trilapidaren Völkerverständigung. Dazu dienen sollen gegenseitige Gastspiele, trinationale Festivals und - als Krönung - gemeinsame Produktionen.

Seit fast einem Jahr arbeitet im Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater (GHT) ein Projektbüro an der Umsetzung des Credo' und legte nun mit dem dritten Zittauer "3Länderspiel" eine gelungene Bestandsaufnahme mit sieben Produktionen aus sechs verschiedenen Häusern an drei Tagen vor, die mit der Resonanz von insgesamt 591 Zuschauern die Vorjahrgänge klar übertraf. 16 Freaks schauten sich per Festivalpass gar alles an. Zum Vergleich: 2013 waren es an zwei Tagen bei sechs Vorstellungen aus fünf Theatern in drei Sprachen rund 400 Zuschauer.

Zittaus Schauspielintendantin Dorotty Szalma, die im Sommer aus Wien an die Mandau wechselte, brachte sofort die Idee eines Gastlandes ein und holte aus ihrer ungarischen Heimat, genauer aus Békéscsabai "König Lear" nach Zittau - also knapp drei Stunden großer Shakespeare auf Ungarisch mit Übertiteln -, so dass das ihr erstes Festival sofort mit der vierten Sprache in eine neue Dimension vorstieß.

Für die Eröffnung des Festivals am Donnerstag stand mit Bogdan Kocas theatraler Installation "The Last Sentence before Execution" zuerst eine eigene Premiere an. Und die bot in einer knappen Stunde starken Tobak: Inspiriert von der Reaktion von George W. Bush auf den 11. September, der jeden, der nicht mit ihm sei, zum Feind erklärte, und schon 15 Wochen später am Sydney Art Theatre uraufgeführt, entführt Koca die Zuschauer als Spanner in eine bevorstehende Hinrichtung auf der nur vage beleuchteten Bühne. Der Delinquent sitzt gut verschnürt und anonym verpackt im weißen Hemd und atmet schwer. Davor und dahinter schleicht stets unmerklich und wortlos ein Wächter mit Strumpfmaske und Hut (David Pawlak) herum.

Für die öffentliche Exekution hat der Todgeweihte einen letzten Satz, der stellvertretend von einem guten Schauspielprofi (Ludwig Hollburg) gesprochen wird, aber zuvor von "unabhängigen Experten editiert", also zensiert ist. Es folgt, kunstvoll in Thomas-Mann-Manier ohne Punkt, aber mit Kommata über Seiten gestreckt, die Lebensbilanz und anklagende Fragen - immer wieder unterbrochen durch den Zensur-Peep und dem Einspiel "Gestrichen!", sobald es konkret wird.

Ganz allmählich wird klar: Da vorn sitzt ein Angestellter, der immer treu dem eigenen System diente, und nur dank ihm unbekannter Neudefinition der Spielregeln zum Terroristen erklärt und nun gerichtet wird. Er nutzt seine letzte Chance und dreht den Spieß um.

Ab und an kündigt der Monolog die Anzahl der folgenden Worte bis zum Tod an. So wird auch das Umfeld und die Kulisse angeprangert: unbeschreibliches Gänsehauttheater ohne Ausflucht.

Unmittelbar danach entführte das Liberecer Saldy-Theater mit "Mickey Mouse is Dead" in die abgefuckte urbane Großstadtwelt. Auch hier führt der Autor Tomáš Dianiška selbst Regie, allerdings mit seinen drei Schauspielerkollegen Karolína Baranová, Barbora Kubátová und Tomáš Váhala gemeinsam, die allesamt in schwarzes Leder gekleidet ein doppeltes Beziehungsdrama abliefern, in deren Ablauf nicht nur die die berühmte Maus für tot erklärt wird. Das geschieht wild bis anarchisch, unter steter Sucht nach Flucht, meist in naheliegendes. Gut gespielt, aber kaum in Erinnerung bleibend.

Ebenso wie "Spot!" vom Lubuski-Theater in Zielona Gorá. Simon Turkiewicz inszeniert seine Collage aus sinnfreien Werbe- und TV-Slogans. Er kleidet sein Quartett ganz in Weiß und lässt kein gutes Haar an der schönen, neuen Konsumwelt seiner Heimat und flicht die subtile Kritik in ein grelles Teilzeit-Musical mit steter Videounterstützung.

Mehr zu erzählen haben die Kollegen vom Norwid-Theater aus Jelenia Gorá, die sich in "Miedzianka" dem Roman von Filip Springer widmen. Dieser erzählt von der Geschichte von Kupferberg in Niederschlesien, also in direkter Nachbarschaft des Theaters. Kurzzeit-Heimkehrer Adam, der in Dänemark zwölf Stunden täglich schuftet, möchte per Dok-Film seiner neuen Umwelt (inklusive der finnischen Verlobten) beweisen, dass die Polen nicht so schlimm sind. Doch hier warten "die Erinnerer", eine sechsköpfige Brigade, die ihn in verschiedenen Episoden an die Geschichte seiner Heimat erinnern, um ihn zurückzuholen. Eine Mission, die scheitern muss - schließlich war Kupferberg ein blühendes deutsches Dorf mit Lager nebenan, dann plötzlich für vier Jahre ein riesiges sowjetisches Uranbergwerk und wurde 1973 fast komplett abgerissen - dafür ein witziger, unterhaltsamer wie informativer Theaterabend.

Dass die Theater der Nachbarländer in Frische und Selbstironie das deutsche Uraufführungswesen gern übertreffen, ist keine neue Erkenntnis. Ebenso, dass sie dank harmonisch aneinander gewachsener Ensembles über Kraft per Erfahrung verfügen, die echte künstlerische Flops nahezu ausschließen.

Für das mutige Zittauer Experiment bleibt als Fazit nach drei Jahrgängen, dass neben der Geduld stete Evaluation gut tut, um die Ausstrahlung in den Kulturraum zu erhöhen, also vermehrt auch Bautzener und Görlitzer Theaterfans sowie Besucher aus den großen Ex-Industriedörfern des Oberlandes zu gewinnen.

Denn für die begonnene grenzüberwindende Kulturevolution braucht es einen langen Atem, womöglich über mehrere Intendantengenerationen hinweg. Noch kommen öffentlicher Gedankenaustausch und der Festivalcharakter in Form von anwesenden Ensembles samt künstlerischer Führung ein wenig kurz.

Ganz in diesem Sinne kündigte Dorotty Szalma für 2015 eine Neuproduktion, für die drei Autoren aus drei Ländern gewonnen werden, an: "Es wird im Sommer geschrieben und soll dann fester Bestandteil des Repertoires aller drei Häuser werden." Würdiger Ort der abschließenden gemeinsamen Schreibklausur: das Gerhart-Hauptmann-Museum in Jelenia Gorá. Und Szalma geht noch weiter: "Eine Erweiterung des "3LänderSpiels" auf alle drei Länder ist zugleich Ziel und Wunsch für die Zukunft. Zuvor muss das Festival jedoch noch an Bekanntheit gewinnen." Ein kluger Schachzug war die Einbindung der drei Theaterjugendclubs. Szalma erläutert: "Es ist die erste von drei Phasen einer intensiven Zusammenarbeit der Jugendlichen aller drei Länder, die zweite Phase wird in Jelenia Góra, die dritte in Liberec stattfinden."

www.g-h-t.de/de/3LaenderSpiel/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.02.2014

Andreas Herrmann

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