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Das 22. George Enescu Festival mit wesentlichen musikalischen Akzenten aus Dresden

Das 22. George Enescu Festival mit wesentlichen musikalischen Akzenten aus Dresden

Aller zwei Jahre befindet sich die rumänische Hauptstadt im September in einem musikalischen Ausnahmezustand. So auch in diesem Jahr, beim 22. George Enescu Festival, das gerade nach 22 Tagen mit über 60 Konzerten unterschiedlichster Formate zu Ende ging.

Andris Nelsons, designierter Chef des Leipziger Gewandhausorchesters, dirigierte zum Festival-Finale das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und führte mit der zweiten Rumänischen Rhapsodie eines der bekanntesten Werke Enescu (1881-1955) auf, zu dessen Ehren dieses Festival stattfindet. Am Tag zuvor hatte Nelsons mit dem gleichen Orchester die siebte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch gespielt.

Namhafte Dirigenten und Solisten

Enescu starb vor 60 Jahren, Schostakowitsch vor 40, ein Anlass für die Festivaldramaturgie, die Werke beider Komponisten auf vielfältige Weise korrespondieren zu lassen. Dazu gab es eine eigens konzipierte Reihe, "Enescu und Zeitgenossen", in der besonders das Konzert des jungen Kammerorchesters der Republik Moldawien unter der Leitung von Cristian Florea damit beeindruckte, wie es Bartok und Enescu in einen musikalischen Dialog brachte.

Das Aoede Streichquartett mit dem Pianisten Alfredo Perl begeistere mit Schostakowitschs viertem Streichquartett, überraschte darauf mit dessen so witziger wie hintersinniger Theatersuite "Hamlet und die menschliche Komödie", um abschließend mit dem Klavierquintett op. 29 ein Werk von Enescu vorzustellen, in dem sich der Übergang des Komponisten von impressionistischen Einflüssen in die tonalen Möglichkeiten der Moderne nachvollziehen lässt.

Werke von Enescu, Schostakowitsch und Gustav Mahler, der vor 155 Jahren geboren wurde, fanden sich auch in den Programmen der Spitzenorchester der Welt, die mit den namhaftesten Dirigenten und Solisten an 22 Abenden das Publikum im riesigen Saal des großen Kulturpalastes begeisterten. Alle waren da: Zubin Mehta dirigierte das Israel Philharmonie Orchestra, Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker, darauf stand Christian Thielemann an zwei Abenden am Pult der Staatskapelle Dresden. Auf Michael Tilson Thomas mit dem San Francisco Symphony Orchestra folgte Ion Marin mit dem London Symphony Orchestra und Semyon Bychkov leitete zwei Konzerte mit den Wiener Philharmonikern.

Zu einem ergreifenden Erlebnis wird die Aufführung der zehnten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch unter der Leitung von Yuri Temirkanov mit der Philharmonie aus St. Petersburg. Zum Abschluss seiner Europa-Tournee beschert dieser Klangkörper dem Bukarester Festival ein russisches Programm, in dem Valery Sokolov, Preisträger des internationalen George Enescu Wettbewerbs vor zehn Jahren, den Solopart in Tschaikowskis Violinkonzert spielt. Ist hier, besonders in der Sinfonie von Schostakowitsch, der dichte, dunkel grundierte Klang der großen Streicherbesetzung im Zusammenklang mit den machtvollen Passagen der Bläser bei sparsamster Zeichengebung des Dirigenten zu bewundern, so muss man angesichts des Dirigats eines Maestros vom Range Constantinos Carydis geradezu von einer choreografischen Meisterleistung sprechen, auf die die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters bestens zu reagieren wissen.

So gibt es hier eine so verblüffende wie zutiefst berührende Klangkorrespondenz zwischen Enescu und Schostakowitsch bei der Aufführung des sinfonischen Poems "Isis" von Ersterem und der in sich so widersprüchlichen wie aufwühlenden fünften Sinfonie Schostakowitschs mit ihren beängstigenden Passagen aus dem Jahre 1937.

In der ausgesprochen beliebten Reihe der Mitternachtskonzerte im historischen Konzertsaal des Bukarester Athenäums, wo auch George Enescu als Dirigent und Violinvirtuose gefeiert wurde, überlassen die besten Ensembles und Solisten der internationalen Barockszene einander das Podium, vor allem die konzertanten Opernaufführungen begeistern das Publikum. Der Andrang ist mitunter so groß, dass zusätzliche Plätze geschaffen werden und junge Leute auf Treppen sitzen oder in den Gängen stehen.

Da begeistert The King's Consort mit Purcell, Britten und Händel, Il Pomo D'Oro mit Max Emanuel Cencic und Franco Fagioli führt Leonardo Vincis "Catone in Utica" auf, Orchestra and Choir of the Age of Englightenment Händels Oratorium "Saul". Ian Bostridge singt die Titelpartie in Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" und The Academy of Ancient Music führt zum Abschluss dieser Reihe Monteverdis "L'incoronazione di Poppäa" auf.

Erstkontakt: "Elektra" und "Wozzeck"

Zwei konzertante Opernaufführungen bringen vor allem das Bukarester Publikum mit zwei Werken des 20. Jahrhunderts erstmals in Berührung. 106 Jahre nach der Dresdner Uraufführung kommt "Elektra" von Richard Strauss mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Sebastian Weigle zur Aufführung. Die Münchner erweisen sich als exzellentes Strauss-Orchester und bei den Solisten bleiben keine Wünsche offen. Elena Pankratova, die in der Titelpartie letztes Jahr in Dresden ihr Debüt gab, wird auch in Bukarest gefeiert. Zum Trio infernale der starken Stimmen gehören Agnes Baltsa als Klytämnestra und Anne Schwanewilms als Chrysothemis, René Pape singt den Orest.

Vor 90 Jahren wurde in Berlin Alban Bergs Oper "Wozzeck" nach Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" uraufgeführt. Für die Bukarester Erstaufführung steht der britische Dirigent Leo Hussain am Pult des Orchesters der Bukarester Philharmonie "George Enescu". Der Spannungsbogen bricht nie ab in dieser konzertanten Aufführung. Hussain kann mit diesem Orchester knisternde Spannung erzeugen, berührende Klänge von abgrundtiefer Traurigkeit wechseln mit skurrilem Witz und verfremdeter Folklore. Die musikalischen Aufschreie des Entsetzens lassen fratzenhafte Klanggemälde entstehen.

Es braucht der üblichen Szene gar nicht, die Menschen dieses Dramas werden von der Musik getragen, umhüllt oder brutal herausgeschleudert.

Evelyn Herlitzius als Marie wartet mit einer grandiosen Leistung auf. Mit ihrem besonderen Timbre, mit geradezu lyrischen Passagen kann sie berührende Momente der eigenen Versicherung intensiv gestalten. Sie hat die mitunter geforderten harten Töne des ausbrechenden Aufschreis. Michel Volle ist Wozzeck. Er ist der Mensch, der wie ein geöffnetes Messer gehetzt durch die Welt läuft, für den der Mond ein blutig Eisen ist.

Dieser Bariton dürfte derzeit zu den besten Interpreten dieser Wahnsinnspartie gehören. Sein Gesang kann Mitleid erwecken, verstören und provozieren. Er hat die Töne der Einsamkeit, den gehetzten Gestus des Flüchtenden und jene minimalen Momente des Innehaltens, die ihn aber doch nicht aufhalten, seinen mordenden, selbstmörderischen Weg zu gehen. In dieser Interpretation kommen Büchners Text und Bergs Musik zusammen, hier werden die Fetzen zur Form, in der das Weltganze eingeschlossen ist.

Die Stille danach ist außerordentlich. Der darauf einsetzende Beifall auch.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2015

Boris Gruhl

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