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Das 1. Dresdner Poesie- und Literaturfestival vom 4. bis 8. September

Das 1. Dresdner Poesie- und Literaturfestival vom 4. bis 8. September

Sieben Jahre lang begleitet Sebastian Koch dieser Text nun schon. Dann hat der Schauspieler Arthur Schnitzlers (1862-1931) "Traumnovelle" für das Poesie- und Literaturfestival vorgeschlagen, das es in Dresden vom 4. bis 8. September zum ersten Mal geben soll (DNN berichteten).

Immer und immer wieder hat Sebastian Koch probiert, wie dieses 1926 erschienene Stück Prosa am besten vorzutragen sei. "Jetzt bin ich endlich Herr des Textes", erzählt der 51-jährige internationale TV- und Kinostar ("Das Leben der Anderen", zuletzt "Stirb langsam 5" mit Bruce Willis). "Ich kenne die Geschichte mittlerweile so inwendig, dass ich sie lesen kann." Eine gekürzte Lesefassung der fast hundert Seiten umfassenden Buchausgabe hat Koch selbst zusammengestrichen.

Es ist eine Geschichte um eine scheinbar intakte Ehe, gefährdet durch erotische Wünsche, Gelegenheiten zur Untreue. Geschrieben von jenem sehr genauen Darsteller der "Topographie der Wiener Seelenverfassung um 1900", wie ihn der Kritiker Egon Friedell mal genannt hat. Schnitzler lotet tief in das Eheleben des Arztes Fridolin und seiner zehn Jahre jüngeren Frau Albertine. Das spielt sich ab zwischen Arbeit, Alltagspflicht und den Nächten mit ihren Träumen, Phantasien und Verführungen. Die drängen mit zerstörerischer Macht in die Wirklichkeit - "und jene unbeträchtlichen Erlebnisse waren mit einemmal vom trügerischen Scheine versäumter Möglichkeiten zauberhaft und schmerzlich umflossen", wie es an einer Stelle heißt. Ein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Bedauern über Triebverzicht, verpasste Gelegenheiten und gegenseitiger Aufrichtigkeit und Liebe. Am Ende kommen die beiden aus den wirklichen und den geträumten Abenteuern heil davon.

Neue Art von Literaturpräsentation

Welche Musik würde zu diesem Text der Wiener Moderne passen? Sebastian Koch fiel spontan Jazz ein, diese Miles-Davis-Trompete. Sicher, andere Zeit, anderer Ort, anderer Stil. "Aber dieses Morbide, Schwüle, Sexuelle - das trifft sie ganz genau. Die passt wie der Deckel auf den Topf." Und so lässt sich Koch begleiten von Hubert Nuss (Piano) und dem Jazz-Trio. Morbiden Charme steuert auch der Veranstaltungsort bei: der Alte Schlachthof.

Ein Staraufgebot an Vortragenden, eine abgewogene Mischung gehaltvoller Texte, passende Musik, besondere Orte - darauf setzt Veranstalter Hermjo Klein mit seiner Agentur, die sonst beispielsweise Konzerte mit Jazzsängerin Diana Krall oder dem ehemaligen "Deep-Purple"-Gitarristen Ritchie Blackmore und dessen Frau Candice Night organisiert. Ausprobiert hat er das bereits: in Bad Homburg. Dort ist es im Juni zum vierten Mal gelaufen. "Diese neue Art von Literaturpräsentation mit Musik wurde sehr gut angenommen", konstatiert Klein. "Schade, dass es sie nur einmal im Jahr gibt", habe er gedacht. Warum nicht eine weitere Auflage versuchen? In Dresden, wo Klein seit Dezember 2012 lebt. Schließlich erlebe er die Stadt als "sehr kulturbeflissen, sehr kulturvoll" und will deshalb mit dieser Großinvestition den Sprung hierher wagen. "In Bad Homburg jedenfalls hat sich dafür ein eigenes Publikum entwickelt, ist mit gewachsen", schwärmt Sebastian Koch. "Drei Stunden Lesung, die Leute sind begeistert. Es ist eine Lust, das mitzuerleben."

Bernd Hoffmann, der künstlerische Leiter, hat Dresden gleichfalls in guter Erinnerung. Von der Live-Tournee des multimedialen Rilke-Projektes vor sieben Jahren in der Gläsernen VW-Manufaktur. Er gibt sich gewiss, dass das Festival mit Darstellern aus der "Top-Liga der deutschen Theater- und Fernsehschauspieler" auch hier auf großes Interesse stößt.

Im Erlwein-Capitol, ein früherer Rinderstall, der Ende 2011 zu einer 2000 Quadratmeter großen Eventhalle umgebaut wurde, interpretiert Peter Lohmeyer die Vorlage zur weltberühmten Bizet-Oper "Carmen", Prosper Mérimées 1847 erschienene gleichnamige Novelle. Lohmeyer, der 2004 für seine Rolle als Kriegsheimkehrer Lubanski in "Das Wunder von Bern" mit dem Publikumspreis als "Schauspieler des Jahres" geehrt wurde, will die tragische Liebesgeschichte zwischen der sinnlich-eigensinnigen Frau und dem Soldaten Don José reportageartig gestalten. Passend gerahmt wird das mit Tanz zu andalusischer Musik.

Am selben Ort zu erleben ist Suzanne von Borsody, nicht nur eine preisgekrönte und erfahrene Schauspielerin, sondern ebenso wie die meisten der hier Auftretenden vor allem eine bekannte Stimme. "Jetzt, wo Du mich verlässt, liebe ich Dich mehr denn je" lautet der Titel der 2005 produzierten Hörbuch-CD, auf der sie Texte der Malerin Frida Kahlo spricht. Damit wird sie im Erlwein-Capitol zu hören sein.

Im Ostrapark, wo das Erlwein-Capitol steht, ist unter freiem Himmel die Stimme von Harry Potter zu erleben - der Schauspieler Rufus Beck. Mit René Goscinnys Kinderbuchklassiker "Der kleine Nick" (1964 im französischen Original). "Ein Familienbuch, das alles und jeden zum Überkochen bringt", meint Hoffmann.

In den Festungsmauern will der Österreicher Robert Stadlober Friedrich Hölderlins lyrischen Briefroman "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" (1799) zum Leben erwecken. Stadlober wurde als Wuschel in Leander Haußmanns "Sonnenallee" bekannt. Er war auch mit der Show Schönherz & Fleer beim Rilke-Projekt dabei.

Andreas Schmidt-Schaller liest im Swissotel Raymond Chandlers Krimiklassiker "Der große Schlaf" (1939). In treffend trocken und harter Art. TV-Krimifreunden ist der aus Thüringen stammende Schauspieler als Kommissar Grawe in der Serie "Polizeiruf 110" bekannt oder als Kriminalhauptkommissar Hajo Trautzschke in der ZDF-Serie "SOKO Leipzig".

Hohe künstlerische Qualität

Präsentiert wird aber auch Gegenwartsliteratur: Arno Geigers berührendes Buch "Der alte König in seinem Exil", 2011 erschienen und mit mehreren Preisen bedacht. Der Wiener beschreibt darin das schwierige Zusammenleben mit seinem an Demenz erkrankten Vater. Ein Sprachkunstwerk, das Matthias Brandt, der neue Münchner "Polizeiruf-110"-Kommissar, in Szene setzt. Die Veranstalter haben dafür die evangelische Christuskirche in Strehlen gewählt und verzichten auf Begleitmusik, um allein den Text sprechen zu lassen.

Gudrun Landgrebe, im gedruckten Pogrammfaltblatt noch angekündigt, kann nicht auftreten. Wegen kurzfristig anberaumter Dreharbeiten im Ausland, bei denen sie unabkömmlich ist. Die Zusammenarbeit mit begehrten Schauspielstars hat auch ihre Risiken. Wer schon ein Ticket hat, kann es gegen eins für eine andere Lesung tauschen oder kriegt sein Geld zurück, teilten die Veranstalter mit.

Die kalkulieren mit großen Sälen von etwa zweihundert bis tausend Zuhörern. Anschließend kann man sich von jeder Schauspielerin und jedem Schauspieler ein Autogramm holen.

Künstlerische Qualität darf auch ihren Preis haben. Die Eintrittskarten kosten je nach Veranstaltungsort zwischen 9 und über 40 Euro. Der Abend ist auch in einer Luxusvariante mit "Zwei-Gang-Poesie-Menü", Abholung und Rückfahrt im edlen Wagen für 120 Euro zu haben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.08.2013

Tomas Gärtner

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