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Daniel Kahn eröffnete mit seiner Band The Painted Bird die 18. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden

Daniel Kahn eröffnete mit seiner Band The Painted Bird die 18. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden

Lale Andersen hat das Lied berühmt gemacht, später sang es Marlene Dietrich. John Steinbeck sagte einmal: "Wäre es nicht amüsant, wenn nach all dem Theater und dem 'Sieg Heil'-Geschrei, nach all der Marschiererei und Indoktrination, der einzige Nazi-Beitrag für die Welt 'Lili Marleen' gewesen sein soll?" So verbreitet und berühmt das Lied war, so unklar ist, wie es dazu kam.

Getextet hat es Hans Leip 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, doch blieben die Worte seines wehmütigen Gedichtes nahezu unbekannt. Auch noch, nachdem der Komponist Rudolf Zink 1937 den Text zum ersten Mal vertonte. Diese Fassung war die erste, die Lale Andersen vortrug. 1938 allerdings entdeckte der Schlagerkomponist Norbert Schultze die Leip'schen Zeilen und vertonte das Gedicht neu - und brachte Andersen dazu, mit ihrer Altstimme die neue Fassung aufzunehmen. Sowohl die deutschen als auch die (westlichen) alliierten Truppen summten und sangen es, verfielen der allabendlich gespielten melancholischen Weise, die sie an ihre Heimat und die Liebste zu Hause erinnerte. Als Lale Andersen beim NS-Regime in Ungnade fiel, setzte der deutschsprachige Dienst der BBC das Lied zu Propagandazwecken ein.

Auch nach 1945 geriet "Lili Marleen" nicht in Vergessenheit. Unzählige Interpreten nahmen sich des Liedes an, Frank Sinatra, Perry Como, Greta Garbo, Eric Burdon, Milva... Und nun gibt es sogar eine Variante in jiddischer Sprache: Daniel Kahn sang sie im Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde bei seinem Konzert, mit dem die 18. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden eröffnet wurde.

Kahn ist eben immer für eine Überraschung gut. So wie er es wagt, das mit F beginnende Four-Letter-Word in einem Lied in den Mund zu nehmen, ist er nicht minder so frei, ein ukrainisches Sauflied, das von den Ostjuden zu einem "sehr heiligen Sauflied" gemacht wurde, zu intonieren. Oder eben "Lili Marleen". Mit seiner Band The Painted Bird spielt der 2005 nach Berlin gezogene Amerikaner Kahn Neuerfindungen jüdischer Volkslieder, erlesene Cover-Versionen, melancholische Walzer und tieftraurige Balladen, vorrangig vom jüngsten Album mit dem geradezu dialektischen Titel "Good Old Bad Old Days". Der US-Geiger Jake Shulman-Ment, sein Landsmann Michael Tuttle am Bass und der schwedische Schlagzeuger Hampus Melin: Dieses Trio sowie Kahn selbst an Akkordeon, Gitarre, Banjo und Ukulele - mehr braucht es nicht, um den typischen Mix aus Klezmer und Folk zu erzeugen, wobei auch mehr als nur ein Hauch von Punk und Rock im Spiel ist. Nach ein paar Minuten ist klar, wie Kahn dazu kommt, seine faszinierende Musik, die sich in keine Schublade stecken lässt, als "Verfremdungsklezmer" zu bezeichnen.

Die Songtexte sind das konzentrierte Hinhören wert, ob es nun seine eigenen Lieder sind oder Interpretationen eines Songs von Leonard Cohen, den Kahn seinen "Lieblings-Rabbi" nennt, oder des Politbarden Franz Josef Degenhardt ("Die alten Lieder!"). Schumanns Vertonung von Heines "Die alten bösen Lieder" kommt bei Kahn zunächst als brachialer Rock daher, dann aber nimmt er sich immer mehr zurück.

Anders als so viele andere Klezmer-Bands ist Kahn so frei, munter von der jiddischen in die englische Sprache und dann wieder zurück zu wechseln. Und diverse Brocken Russisch hat er auch drauf. Gleich mehrfach werden "Berlin-Songs" angestimmt. Wie bei so vielen Juden schwingt natürlich die Vergangenheit, also der Krieg, die Verfolgung, der Holocaust mit. Eine Hommage an den Görlitzer Park ist aber ebenso drin wie ein spöttischer Abgesang auf die in Berlin (und andernorts) durchaus gelegentlich aufblitzende Ostalgie: Verpackt hat Kahn seine "Meydl from Berlin" betitelte Erinnerung an eine Liebe über die Mauer hinweg, mit Mikrofonen unter der Decke als Zugabe, in eine himmlisch schöne (Walzer-)Melodie, deren sentimentalem Sog sich ironischerweise wohl kaum jemand entziehen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.10.2014

Christian Ruf

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