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Dämon ethnischer Gewalt - deutsch-tschechische Wanderausstellung "Tragische Erinnerungsorte" im Kulturrathaus Dresden

Dämon ethnischer Gewalt - deutsch-tschechische Wanderausstellung "Tragische Erinnerungsorte" im Kulturrathaus Dresden

Die Wanderausstellung "Tragische Erinnerungsorte", die anlässlich der Tschechisch-Deutschen Kulturtage bis 30. November im Kulturrathaus Dresden zu sehen ist, vermittelt deutsch-tschechische Geschichte der Jahre 1938 bis 1945 auf ungewöhnliche Weise.

Zum einen konzentriert sie sich auf vier nordböhmische Orte und deren Umgebung: Chomutov/Komotau, Kadan/Kaaden, Usti nad Labem/Aussig und Louny/Laun. Zum anderen haben tschechische Gymnasiasten aus diesen Städten sie gestaltet. Angeleitet von ihren Lehrern, von Wissenschaftlern der Universität in Usti/Aussig, vom Collegium Bohemicum und der Bürgervereinigung Antikomplex, haben sie sich anderthalb Jahre lang auf die Suche nach Spuren jener furchtbaren Ereignisse zwischen den Nachbarstaaten begeben - vor ihrer Haustür.

In Texten, Faksimiles von Dokumenten, historischen und aktuellen Fotos erfährt der Betrachter von ihren Entdeckungen, darunter etlichen überra- schenden. Etwa, dass die deutschen Besatzer noch 1944/45 in Postoloprty/Postelberg Internierungslager für Halbjuden einrichteten oder dass 195 Aussiger Juden, die der Vernichtung durch die Nazis entkamen, nach 1945 erneut verfolgt wurden, nun als Deutsche.

Nebeneinander sehen wir auf den Stelltafeln Berichte darüber, wie die deutsche Bevölkerung sich begeistert Konrad Henleins Sudentendeutscher Partei anschloss, wie Nazis 1938 die Synagogen zerstörten, Juden in die Emigration trieben oder in Vernichtungslager deportierten, tschechische Gymnasien schlossen, wie von den zweisprachigen Aufschriften an Häusern nur die deutschen bleiben durften, wie nach Kriegsende tschechische Soldaten unter den deutschen Männern nach SS-Angehörigen, Mitgliedern von SA und NSDAP-Funktionären suchten, wie schuldlose Deutsche geschlagen oder getötet, Frauen vergewaltigt wurden, aber auch, wie Tschechen unschuldig verfolgten Deutschen halfen. Im Nacheinander werden Zusammenhänge deutlich. Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung erscheinen nicht wie ein Schicksal, das sie aus heiterem Himmel traf.

Dennoch werden Verbrechen auf beiden Seiten nie gleichgesetzt, aufgerechnet oder als Vergeltung gerechtfertigt. Die Aussiger Gymnasiasten etwa resümieren, "dass beide Seiten Fehler gemacht haben: am Beginn des Zweiten Weltkrieges die Deutschen und nach seinem Ende die Tschechen, denn es war nicht richtig, alle Deutschen für das Geschehene verantwortlich zu machen". Die Schüler haben ihr Täter-Opfer-Geschichtsbild korrigieren müssen und erkannt, "dass auch die tschechische Gesellschaft gegen den Dämon ethnischer Gewalt nicht immun war".

Es ist keine rundum perfekte Ausstellung. Manches bleibt vage, da und dort rätselt man, weil genauere Angaben fehlen, erschöpfend ist die Darstellung nicht. "Das Ziel war auch nicht, ein ausgewogenes Geschichtsbild zu vermitteln", erläutert Ondrej Matejka, Direktor von Antikomplex. "Es ist eher ein Mosaik. Viele kleine Schlaglichter werden gezeigt. Doch diese kleinen Geschichten, die auf die große Geschichte verweisen, sind viel authentischer als große abstrakte Darstellungen."

Die Schüler haben mit Zeitzeugen gesprochen, tschechischen und deutschen. Haben gelernt, "sich selbst als Geschichtsschreiber zu betätigen", wie es einer von ihnen formuliert. Haben gelernt, offizielle Geschichtsschreibung kri- tisch zu prüfen, ebenso wie die Erinnerungen von Zeitzeugen. Und sie lassen uns ein menschliches Leitmotiv jener Geschichte unserer Nachbarländer erkennen: die Angst. Die Angst der Tschechen vor den Deutschen, der Juden vor den Deutschen, schließlich der Deutschen vor den Tschechen.

Kulturrathaus Dresden, Königstr. 15, Kunstfoyer, bis 30. November, Mo. bis Do. 8-17 Uhr, Fr. 8-15 Uhr

Weitere Veranstaltungstipps für die Tschechisch-Deutschen Kulturtage: Hana Vlasáková ist mit einem Klavierabend im Haus Meissen der Porzellanmanufaktur Meißen (Fr 20) zu hören, Kikina b im Jazzclub Tonne (Fr 21) und das Dvrákovo trio im Coselpalais (So 19.30).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2012

Tomas Gärtner

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