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"Da kommt der Bus aus Usti an..." - Eine ungewöhnliche Konzertreihe in unserem Nachbarland, im Dorf Cirkvice

"Da kommt der Bus aus Usti an..." - Eine ungewöhnliche Konzertreihe in unserem Nachbarland, im Dorf Cirkvice

Wer der Beschilderung "Kostel" folgt und in das zu Usti nad Labem gehörende Dorf Cirkvice abbiegt, sieht sich augenblicklich in eine typisch böhmische Idylle versetzt.

Eine barocke Dorfkirche mit dem einzigen Fachwerkglockenturm Tschechiens und vor der Kirchhofmauer eine Statue des Heiligen Nepomuk unter einer stattlichen Kastanie. Schnell findet man eine Pforte in dem alten Gemäuer und ist nach deren Durchschreiten überrascht. Der Kirchhof gleicht einem leicht verwilderten, liebevoll belebten Garten. Bänke lassen vermuten, dass hier des öfteren Menschen zusammenkommen.

Allein, die Tür zur Kirche bleibt zunächst verschlossen. Ein Hinweis, dass man bei Hickisch in der Nr. 13 jederzeit anklingeln darf, weckt Hoffnung. Peter Hickisch öffnet nicht nur die Tore, sondern auch so manchen Einblick anderer Art. Er erzählt, wie es dazu kam, dass er seit einigen Jahren der "Hausherr" des Gotteshauses ist. Und tatsächlich wirkt der Kirchenraum bei näherer Betrachtung wie ein verlängertes Wohnzimmer. Auf der Empore neben der Orgel amüsiert eine Kopie der "Sixtina" das Dresdner Entdeckerauge, neben dem Eingang hängt ein Foto-Porträt des verstorbenen Präsidenten Vaclav Havel. Der Marienaltar ist angefüllt mit Marienfiguren und -darstellungen, Gebetskärtchen etc. aus aller Welt. Viele hat Hickisch auf seinen ausgedehnten Rucksackreisen, stets auf der Suche nach besonders spirituellen Orten, gesammelt. Viel wird ihm immer wieder geschenkt, findet er auf Trödelmärkten oder in Archiven, wie beispielsweise die beiden Skulpturen der Heiligen Peter und Paul. Die entdeckte er in einem Regal mit einem Zettelchen versehen, das eindeutig die Herkunft Cirkvice belegte. Nun stehen sie wie die Wächter zur Rechten und zur Linken des Hauptaltars. Und spätestens in dem Moment, da Peter Hickisch dem Heiligen Petrus den Schüssel aus der Hand nimmt und verschmitzt demonstriert, dass es sich dabei eigentlich um einen Korkenzieher handelt, fühlt man sich restlos einer Art Schwejk gegenüber.

Der Pfarrer, der nur einmal im Monat eine Messe in Cirkvice abhält, hat sich inzwischen an das ungewöhnliche Interieur mit Nippes, Wüstenrosen, Grünpflanzen u.ä. gewöhnt und schätzt vor allem das Engagement Hickischs, Menschen in einem guten Sinne zu versammeln.

Zu diesem Zwecke hat Hickisch auch einen alten Flügel in die Kirche gerollt, der für Konzerte gedacht ist, aber auch für das gemeinsame Weihnachtsliedersingen am Heiligen Abend vor der Messe. Menschen um sich zu scharen, sich mit ihnen oft auch bei guten Speisen und gutem Wein auszutauschen, gemeinsam zu singen und Konzerten zu lauschen ist ihm, der im Jahre 2000 in seine Heimat zurückkehrte, die größte Freude. Zuvor hatte er, Kind eines deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, 34 Jahre lang in Köln gelebt, wohin er mit 18 Jahren mit seinen Eltern auswanderte. "Eigentlich sollte meine Familie gleich nach dem Krieg ausgewiesen werden, da saß ich noch im Kinderwagen. Aber dann ist mein Großvater zum Bürgermeister gegangen und hat ihm gesagt, dass er nie wieder Kohlen von ihm bekommen würde, wenn er seine Tochter verjage. Wir durften bleiben." Als die Großeltern starben, gingen sie doch noch zu Verwandten nach Köln und als seine Eltern starben, kam er mit seiner Frau zurück. Als erstes reaktivierte er den deutschen Brunnen im Dorf und initiierte die Wiedererrichtung der Dampferanlegestelle gleich hinter der Kirche.

Er gründete einen Kulturverein und organisiert seit einigen Jahren Konzerte, die vor allem davon leben, dass er die Künstler nicht suchen muss, weil sie zu ihm kommen, und davon, dass die Frauen des Dorfes Gebackenes bringen und Peter Hickisch Wein für das gemütliche Beieinander danach in eben jener schon eingangs erwähnten Sitzecke im Kirchhof.

Übrigens, die Konzerte beginnen 16.15 Uhr. "Da kommt der Bus aus Usti an, und was sollen die Leute noch lange herumtrampeln vor der Kirche-"

Nächste Konzerte: 25. August, 8. und 15. September, jeweils 16.15 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2012

Swantje Richter

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