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DNN-Interview mit "Zwischenspiel"-Autorin Monika Maron

DNN-Interview mit "Zwischenspiel"-Autorin Monika Maron

Ihr jüngster Roman heißt "Zwischenspiel". Am Kleinen Haus des Staatsschauspiels wurde jüngst die Bühnenfassung des 2013 erschienenen Buches herausgebracht.

Die Schriftstellerin Monika Maron hat sich inzwischen eine Vorstellung angesehen und blieb anschließend zur Debatte mit dem Publikum. Vorab nahm sie sich Zeit für ein Gespräch mit den DNN.

Ist Ihnen der 9. November wichtig, der in der deutschen Geschichte nicht nur mit dem Mauerfall verbunden ist.

Monika Maron: Ja, das weiß ich. Aber ich begehe das nicht. Mir reicht, dass ich das weiß. Ich denke sehr oft daran, und zwar nicht nur am 9. November. Jubiläen spielen für mich keine Rolle. Das liegt mir einfach nicht. Ich gehe auch nicht an Gräber. Aber ich denke an die Menschen, die gestorben sind.

Damit sind wir fast schon beim "Zwischenspiel". Als dessen Bühnenfassung in Dresden Premiere hatte, waren Sie in China. 25 Jahre nach den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens-

-und mitten in den Geschehnissen von Hongkong! Das war ein großes Ereignis. Ich bin auf der Occupy Central Meile gewesen, dort habe ich viel an den 4. November denken müssen. Denn das war auch so eine feierliche Stimmung von Leuten, die sich entschlossen hatten, jetzt zu kämpfen. Es ging da so rührend diszipliniert und friedlich zu, das hat mich sehr beeindruckt. Da saßen überall diese jungen Menschen, trennten den Müll, verteilten Wasserflaschen, was bei den dortigen Temperaturen sehr wichtig ist. Und sie hatten ein Areal mitten auf der Straße, einen Unterrichtsraum für Demokratie, denn sie wollten zwar den Verkehr blockieren, dabei aber ihre Zeit nicht nur vertun. Sie wollten etwas lernen! Das war sehr schön.

Hongkong ist anders geprägt als der Rest von China. Ist das heute noch spürbar?

Das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Hongkong ist Hongkong und China ist China. Die Hongkonger haben eben noch alle demokratischen Rechte, die Chinesen nicht haben. Die Chinesen sind zwar ökonomisch frei, werden aber in politischer Unmündigkeit gehalten. Solange sie vor allem damit beschäftigt sind, reich oder wenigstens wohlhabender zu werden und auch immer noch durch die Ereignisse auf dem Tian'anmen traumatisiert sind, regt sich da wenig. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, aber ich war viel zu kurz dort, als dass ich das Leben wirklich hätte durchdringen können.

Ich bin in insgesamt sieben Städten gewesen, weil mein Buch "Animal triste" übersetzt wurde. Ursprünglich sollte auch "Flugasche" übersetzt werden, aber das ging nicht über die ersten siebzig Seiten hinaus. Dabei wäre gerade dieses Thema in China sehr wichtig. Über die verschmutzte Umwelt wird in China inzwischen ja offen gesprochen, aber nicht über die Zensur. Themen wie Tibet, Taiwan, Tian'anmen, die drei T-Worte, sind absolut tabu.

Warum wurde die Übersetzung von "Flugasche" gestoppt?

Das habe ich nicht herausgekriegt. Ich habe bei den Veranstaltungen daraus gelesen und stieß damit auf große Resonanz, es gab lebhafte Diskussionen. Das Buch ist schon 1981 erschienen, das Thema in China aber hochaktuell.

Immerhin gibt es "Animal triste" nun auf Chinesisch. Was bedeutet das für Sie?

Ach, das muss man sehen. Übersetzungen bedeuten in der Regel nicht viel. Dieses Buch ist ja sehr viel übersetzt worden. Wer sich für deutsche Literatur interessiert, liest meistens auch deutsch. Für mich wäre eine Übersetzung von "Flugasche" bedeutsamer gewesen, das hätte vielleicht tatsächlich eine Resonanz gehabt.

Übersetzungen in andere Sprachen sind eine Sache. Eine andere sind Übertragungen von Belletristik auf die Bühne. Was halten Sie davon?

Ich freue mich, dass sie in Dresden das Buch gelesen und gedacht haben, das ist etwas für sie. In dem Moment, in dem ich ja sage, weiß ich, ich gebe das aus der Hand. Wahrscheinlich schmerzt mich nun jeder Satz, der nicht darin vorkommt, den ich aber für wichtig halte. Oder dass der eigene Sound dieses Buches nun ein anderer ist. Daran kann ich nichts ändern. Außerdem, mein Buch gibt es ja noch, das ist mit dem Theaterstück ja nicht verschwunden.

Stört es Sie, wenn Literaten als Instanz gesehen werden, die zu gesellschaftlichen Themen befragt werden?

Das ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite melde ich mich ja hin und wieder, wenn mir die Galle überläuft, freiwillig zu Wort. Dann ist es mir recht, dass man als Autor eine Stimme hat. Andererseits finde ich es seltsam, wenn man Schriftsteller nach Themen befragt, von denen sie nicht mehr verstehen als jeder andere interessierte Mensch auch. Ein Buch von mir heißt "Ach Glück", und sofort galt ich eine Weile als Glücksexpertin, die ich wirklich nicht bin.

Dennoch die Frage, wie Sie heute nach 25 Jahren auf 1989 zurückblicken?

Für mich war das Ende der DDR die größte Befreiung, die ich erleben konnte. Mit meinem Weggehen war ich die DDR nicht los, die blieb im Denken und in den Gefühlen, auch im Hass. Erst als sie weg war, war ich wirklich frei von ihr und wollte damit auch nichts mehr zu tun haben.

Ihre Bilanz der Wiedervereinigung?

Es hat mich aber immer gestört, wenn im Westen - und nicht nur dort - viele Probleme, die es mit der Vereinigung gab, sofort zum Ost-West-Konflikt erklärt wurden. Dabei waren das Ost-Ost-Konflikte, die es zwischen den verschiedenen Gruppen innerhalb der DDR gegeben hat. Dadurch ist ein komisches Bild vom Osten entstanden, das zuweilen bis heute nachwirkt. Als ostdeutsch galt, wer die PDS wählte oder ein Rechtsradikaler war. Dabei waren mehr als 70 Prozent weder PDS-Wähler noch Rechtsradikale, sondern waren froh, dass es vorbei war, auch wenn es für viele schwierig war. Vielleicht war es so ähnlich wie nach '45, die einen fühlten sich erobert, die anderen fühlten sich befreit. Ich glaube, dass die ostwestlichen Befindlichkeiten heute - wenn sie in den Medien nicht gerade dramatisiert werden - sich nicht sehr unterscheiden von denen wie die zwischen Stadt und Land oder Nord und Süd.

nächste Aufführungen "Zwischenspiel": 20. und 31.10., 14.und 21.11. im Kleinen Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2014

Michael Ernst

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